"Der Stoff, der das Blut verdünnt und Gerinnsel auflöst"

Interview |
  • Wilfried Lang ist Leiter der Neurologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien.
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    Wilfried Lang ist Leiter der Neurologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien.

Wilfried Lang, Neurologe am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien über die Lyse-Behandlung und mögliche Therapien

Standard: Nur 30 Prozent der Schlaganfallpatienten werden an den hochspezialisierten Stroke-Units versorgt. Wie ließe sich das verbessern?

Lang: Österreich ist im europäischen Raum vergleichsweise gut versorgt, doch natürlich besteht Bedarf, dieses Netz weiter auszubauen. Ganz entscheidend für Patienten ist, so früh wie möglich in die spezialisierten Stroke-Units zu kommen. Nach der ersten Stunde sinkt alle zehn Minuten die Chance, ohne Schäden den Hirninfarkt zu überstehen. Im angelsächsischen Raum spricht man von der "golden hour", der goldenen Stunde. Da kann ich etwas entwarnen. Die 60 Minuten stimmen zwar, nur lässt sich der Pfropfen in einem Blutgefäß des Gehirns bis zu 4,5 Stunden nach dem Ereignis noch auflösen, ohne dass es zu folgenschweren Langzeitschäden kommen muss.

Standard: Wie lassen sich die unterschiedlichen Zeitangaben zwischen einer und viereinhalb Stunden interpretieren?

Lang: Den Fortschritt verdanken wir neuen Therapien. Bereits seit 2003 setzen wir die Lyse-Therapie ein. Dabei wird dem Patienten ein sogenannter Plasminogen-Aktivator verabreicht. Er sorgt dafür, dass im Körper Plasminogen in Plasmin umgewandelt wird. Das ist der Stoff, der Blut verdünnt und Gerinnsel auflöst. Seit Jänner dieses Jahres wurde der Anwendungsbereich des Plasminogen-Aktivators von drei auf viereinhalb Stunden erweitert. Bei einer Krankheit, bei der jede Minute zählt, sind 90 Minuten eine ganze Ewigkeit.

Standard: Kann jeder Patient mit der Lyse behandelt werden?

Lang: Der Großteil schon, etwa ein Viertel müssen wir aber von diesem Verfahren ausschließen. Etwa bei Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko. Zudem zeigte sich in Studien, dass bei Patienten mit große Blutgerinnseln, also größer als einen Zentimeter oder solchen, die in großen Hirnarterien liegen, nicht ausreichend Plasmin gebildet wird, um die Verstopfung zu lösen. In solchen Situationen versuchen wir es zunächst mit dem Medikament. Falls das nicht wirkt, probieren wir neuerdings dann, die Arterie mechanisch zu öffnen.

Standard: Wie funktioniert das?

Lang: Man führt einen Katheder, also einen langen dünnen Schlauch, durch die Gefäße bis zum Blutpfropfen und zieht ihn dann förmlich heraus. Allerdings setzen wir das Verfahren in Österreich nur im Rahmen von klinischen Studien ein, die von Ethikkommissionen genehmigt wurden.

Standard: Muss denn der Patient einer solchen Behandlung zustimmen?

Lang: Für diesen Fall haben wir genaue Kriterien entwickelt, die klarstellen, unter welchen Bedingungen das Verfahren eingesetzt werden darf. Die Schweizer haben da eine Vorreiterrolle: In Bern werden große Blutverstopfungen bereits seit den 90er-Jahren so entfernt. Dank der dort behandelten Patienten wissen wir, wer für diese Methode infrage kommt bzw. wer davon nicht profitiert. (Edda Grabar, DER STANDARD, 14.5.2012)

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