Ökonomie-Mentalität in der Frauendebatte

Leserkommentar16. Mai 2012, 09:53
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Geht es um bessere Chancen oder um die "ökonomische Verwertbarkeit der Frau"?

Im STANDARD-Interview "Verstehe Mutter-bleib-beim-Kind-Mentalität nicht" drückt Bundesministerin Gabriele Heinisch-Hosek ihr Unverständnis für Mütter aus, die gerne bei ihren Kindern bleiben.

Das Potenzial von Frauen ökonomisch nutzen

Hinter diesem ökonomisch motivierten Artikel würde man eher das Wirtschaftsministerium vermuten, denn die Frage bleibt: Geht es der Ministerin um Frauen oder um die Wirtschaft?

Heinisch-Hoseks Gegenüberstellung der "Selbstverwirklichung der Männer" mit "dem wirklichen Leben der Frauen" ist dabei ein interessantes Wortspiel. Selbstverständlich haben es nicht alle Frauen so gut wie die Ministerin. Aber dem Volk vermitteln zu wollen, es müsse ein braves Vollzeitarbeitstier sein, um überleben zu können, würde den eigentlichen Anspruch an das Leben doch zu kurz kommen lassen.

Der Satz, "dass wir das Potenzial von Frauen ökonomisch nutzen müssen", zeigt deutlich, dass es der Ministerin nicht um das Lebensglück der Frauen geht, sondern um die ökonomische Verwertbarkeit der Frau. Eine scheinbar längst vergessene Weisheit behauptet, man könne Glück nicht kaufen ... Ich bezweifle, dass Vollzeitarbeit für alle alle glücklich machen würde.

Kinder sind unbezahlbar

"Grundsätzlich würde ich mir wünschen, dass unsere Kinder möglichst schnell in gute Betreuungseinrichtungen kommen und beide Eltern arbeiten können, damit sie ihren Lebensstandard erhalten oder verbessern können." Aber ist das Neueste, Schnellste und Beste auch das, was uns glücklich macht? Man sagt, Kinder seien unbezahlbar, aber es entsteht der Eindruck, dass für ein paar Euro mehr oder den auch in diesem Interview gepriesenen "besseren Lebensstandard" die Kinder schon ganz früh "abgeschoben" werden sollen.

Momente und Zeit mit den Kindern sind nicht käuflich

In der nächsten politischen Frauendebatte heißt es dann sicher wieder, die Erziehungsarbeit würde nicht ausreichend gewürdigt werden. Dem stimme ich voll und ganz zu. Es wäre schöner, wenn wir es schaffen, den Wert einer Person nicht an einer Gehaltsskala abzulesen, sondern an wahren und bleibenden Werten festzumachen, die nicht von Zinsen und Inflation gefressen werden. Erziehungsarbeit ist eine Investition in die Zukunft, die nicht so einfach nebenbei laufen darf. Hier ein paar Dinge, die man nicht mit Geld kaufen kann (auch nicht eine Bundesministerin), selbst wenn man Vollzeit arbeitet (dann kann man sie nämlich nicht erleben): die ersten Worte des Kindes, der Schulausflug, den man begleiten kann, das Fußballspiel, dem man beiwohnen kann ...

Der Druck, rasch in die Arbeitswelt zurückkehren zu müssen, wird sich nicht positiv auf eine spätere Pensionszahlung auswirken, denn dadurch wird die Entscheidung zum Kind eine seltenere. Wer dann die versprochene Pension zahlt, bleibt unbeantwortet.

Und am Ende des Tages zählen die Beziehungen, die man pflegen, und nicht das Bankkonto, das man füllen konnte. Somit muss ich sagen: Ich verstehe Heinisch-Hoseks Ökonomie-Mentalität nicht. (Leserkommentar, David Vogl, derStandard.at, 16.5.2012)

Autor

David Vogl (32) ist Vater von vier Kindern und lebt in Ansfelden.

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