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Sabine Bösel ist Paartherapeutin. Sie und ihr Mann arbeiten gemeinsam nach der Imago-Methode.

Walter Hoffmann ist Psychoanalytiker im Institut IFAT (Institut für angewandte Tiefenpsychologie) in Wien
Beziehungen in der Krise: Was bringt Paare in dieser Situation dazu, eine Therapie zu beginnen? Für den Psychoanalytiker Walter Hoffmann spielen Sexualität und Biologie Schlüsselrollen. Therapien kann nicht heilen, sagt er. Die Imago-Therapeutin Sabine Bösel widerspricht ihm vehement.
STANDARD: Warum scheitern Liebesbeziehungen?
Hoffmann: Meist spielen biologische Gründe eine entscheidende Rolle. Im Laufe einer Beziehung, meist nach sieben bis zehn Jahren, lässt die sexuelle Anziehung bei Paaren nach, ein Gewöhnungseffekt tritt ein. Unser Nervensystem reagiert auf gewohnte Reize immer schwächer. Das gilt auch für die Sexualität und ist der Grund für Seitensprünge. Nach 16 Jahren findet laut Studien in Beziehung kaum mehr Sex statt.
Bösel: Das sehe ich nicht so pessimistisch. Beziehungen scheitern, weil sich Paare auseinanderleben, den Bezug zueinander verlieren. Oft passiert das nach dem zweiten Kind, durch Stress in der Arbeit. Die Imago-Paartherapie ist eine Möglichkeit, wieder miteinander in Kontakt zu treten. Denn grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Partnerwahl nichts Zufälliges ist.
STANDARD: Warum nicht?
Bösel: Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch durch die Bezugspersonen aus seiner Kindheit geprägt ist. Das kann man sich als eine Art Strichcode vorstellen. Meistens verliebt man sich in Menschen, die diesem Strichcode entsprechen. Anziehung passiert, wenn eine Seelenverwandtschaft da ist oder wenn man Gegensätzliches entdeckt. Der Imago-Ansatz ist, durch den Partner in seiner Persönlichkeit zu wachsen. Dabei entstehen aber nicht selten auch Machtkämpfe.
Hoffmann: Verliebtheit ist ein Trick der Natur im Dienste der Fortpflanzung. Menschen verlieben sich, noch bevor sie den Strichcode des anderen kennen. Aussehen und sozioökonomische Bedingungen, das "Revier", spielen eine wichtige Rolle. Biologisch besteht ein gravierender Unterschied zwischen den Geschlechtern: Frauen wurde durch Schwangerschaft evolutionär die Hauptlast der Fortpflanzung auferlegt. Bei der Kinderaufzucht sind sie viel stärker auf den Partner angewiesen, während der Mann nach erfolgter Zeugung sich theoretisch gleich der nächsten Frau zuwenden kann. Aus diesem biologischen Ungleichgewicht ergeben sich Unterschiede im Sexual- und Beziehungsverhalten.
STANDARD: Verbindet Elternsein denn nicht?
Hoffmann: Schon, aber es schadet der Verliebtheit, und die fördert die Beziehungsbildung. Da Verliebte meist nur Augen für sich selbst haben, würde das später die Kinderaufzucht stören. Wenn die Kinder selbstständiger werden, gewinnen auch Frauen wieder mehr Selbstständigkeit, orientieren sich in ihren sexuellen Interessen wieder stärker nach außen. Ein "Liebeskiller" ist das, was wir psychoanalytisch als Übertragung bezeichnen. Je sicherer und familiärer eine Beziehung wird, umso eher besteht die Gefahr, dass infantile Wünsche aus der Eltern-Kind-Beziehung auf die aktuelle Partnerschaft übertragen werden. Die unbewusste Gleichsetzung des Partners mit einem Elternteil bringt das Inzesttabu ins Spiel. Die Beziehung wird asexuell.
Bösel: So sehe ich das nicht. Jeder Mensch will von Geburt an lernen und wachsen, auch in einer Beziehung. Wenn in der Sexualität nichts mehr läuft, hat das meist etwas mit einer Verletzung zu tun, die dann der Auslöser für die Distanzierung ist. Ich als Therapeutin frage in einer Paartherapie dann: "Gibt es etwas zu verzeihen?" Meist kommen gravierende Dinge ans Tageslicht. Von dort aus lässt sich weiterarbeiten. Ich bohre nach, suche nach vergleichbaren Situationen in der Kindheit. Sehr oft sind es ja die Muster aus der Kindheit, die sich in ähnlichen Konstellationen in der Partnerschaft wiederholen. Wenn Partner in einer Therapie von diesen verborgenen Grundmustern erfahren, kann eine Heilung durch gegenseitiges Verständnis stattfinden.
Standard: Wie sieht das die Psychoanalyse?
Hoffmann: Anders. Verzeihen hat für mich etwas Gönnerhaftes, mir reicht Verstehen vollkommen aus. Ehrlich gesagt, geht es mir mit solchen Theorien wie Imago sehr schlecht, denn wie sollte jemand ernsthaft glauben, dass sich die Folgen von kindlichen Traumatisierungen durch Erinnern und Verzeihen aus der Welt schaffen lassen. Wir werden weitgehend von irrationalen Gefühlen und Fantasien gesteuert und nicht vom "freien Willen". Die Imago-Therapie agiert in völliger Unkenntnis des Unbewussten. Aus meiner Sicht bedienen Sie ein religiöses Bedürfnis der Menschen und pflegen das Wunschdenken. Das ist für mich unredlich, denn Klienten müssen solche Heilsversprechen teuer bezahlen.
STANDARD: Heißt das, die Paartherapie an sich ist sinnlos?
Hoffmann: Freud hat schon gesagt: Das, was Psychoanalyse leisten kann, ist, neurotisches in reales Elend zu verwandeln. Eine Therapie heilt nicht, sie ist ein Werkzeug. Der Mensch kann sich nur selbst heilen. Es geht darum, die eigene Begrenztheit zu akzeptieren. Im Laufe seiner Entwicklung muss sich ein Kind damit abfinden, dass es nicht das Wichtigste auf der Welt ist. Die Fähigkeit, mit den unvermeidlichen Niederlagen im Leben fertig zu werden, formt den Charakter und entscheidet über die Liebes- und Beziehungsfähigkeit eines Menschen.
Bösel: Das klingt sehr pessimistisch. Jeder trägt seinen Teil zur Beziehung bei, ist Täter und Opfer gleichzeitig. Man braucht ein paar Sitzungen, um eigene Sackgassen zu sehen. Wir suchen die Kränkungen in der Kindheit, Paare teilen sie sich in Dialogen mit.
Hoffmann: Aber erzählt werden kann doch nur, was bewusst ist ...
Bösel: Die Paare gehen zurück in ihre Kindheit, erinnern sich wieder an Verletzungen.
Hoffmann: Aber Erinnerungen und Übertragung sind doch nicht dasselbe. Erinnern löst keine Konflikte. Das wirkliche Trauma ist den meisten Menschen nicht bewusst und damit nicht zugänglich. Wie geht denn Imago mit wilden sexuellen Fantasien um?
Bösel: Wenn Partner füreinander Mitgefühl aufbringen, ist vieles möglich.
STANDARD: Wann ist eine Paartherapie erfolgreich?
Bösel: Kommt darauf an, was man als Erfolg bezeichnet. Ich begleite Paare seit 20 Jahren. Es gibt Partner, die trotz starker Zerwürfnisse wieder zusammenkommen, andere trennen sich. Auch eine glückliche Scheidung kann ein gutes Ergebnis sein. Was ich regelmäßig erlebe: Wenn Paare an sich arbeiten, die Imago-Dialoge in die Beziehung etablieren, kommen sie auch wieder zusammen. Eine Statistik über den Erfolg der Methode führen wir aber nicht.
Hoffmann: Wenn eine Beziehung fortbesteht, dann sicher nicht wegen der Imago-Dialoge. Ich verstehe gar nicht, wie ein erwachsener Mensch sich auf diese infantilisierte Kommunikation - einer spricht nach, was der andere vorsagt - einlassen kann. Das ist demütigend.
Bösel: Die Kommunikation ist vielleicht ritualisiert, die Inhalte nicht. Diese Methode führt dazu, dass Partner sich ausreden lassen, sich wieder zuhören. Durch die Rituale wird Kommunikation verlangsamt. Das schafft Sicherheit und ermöglicht es Menschen, sich leichter voreinander zu öffnen. So können Konflikte sehr gut gelöst werden.
Hoffmann: Menschen in Paartherapie sagen doch nicht, was sie wirklich denken. Meist wird abgesprochen, was in der Sitzung nicht zur Sprache kommen darf. Eine Paartherapie ist dann erfolgreich, wenn sie dazu führt, dass infantile, überhöhte Erwartungen zugunsten einer realistischen Weltsicht aufgegeben werden. Mitunter ein schmerzhafter Prozess.
Bösel: Das klingt hoffnungslos für mich. Ich denke, Veränderung ist vor allem auch durch Begeisterung möglich.
STANDARD: Wann sind also Langzeitbeziehungen möglich?
Hoffmann: Ich denke, es ist realistischer, von Lebensabschnittsbeziehungen zu sprechen. Trennungen erfordern Mut. Wenn man älter wird, stellen sich die Probleme anders dar. Es ist vielleicht mit 60 nicht mehr so einfach, einen neuen Partner zu finden. Da bleibt man zusammen, weil die Vorteile überwiegen. Wenn eine Beziehung scheitert, hat das nie etwas mit einer persönlichen Schuld zu tun. Wir werden aus dem Unbewussten von Kräften gesteuert, gegen die wir mit unserem Wollen nur wenig ausrichten können.
Bösel: Ich selbst lebe in einer Langzeitbeziehung, weiß, was ich sehe und wie es sich anfühlt. Es geht darum, sich als Person Platz in einer Beziehung zu schaffen, sich frei zu fühlen. Wichtig ist, sich immer weiterzuentwickeln. Dann kann es nicht langweilig werden.
Hoffmann: Die innere Ablöse von den Eltern und ihren Werten und die Ausbildung einer autonomen Persönlichkeit sind Grundfesten des Erwachsenseins und damit Beziehungsfähigkeit fernab pseudoreligiöser psychologischer Glaubenssätze und Vorstellungen von Seelenverwandtschaft. (Karin Pollack, DER STANDARD, 14.5.2012)
Wissen
Beziehungen sind das weite Feld, dem sich zwei Autorenduos aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln nähern. Walter Hoffmann und Gerti Senger haben den reißerischen Titel Urkraft Sex gewählt, der Inhalt ist es jedoch keineswegs. Leser, die sich für die diffizile Gefühlsräume des Menschen interessieren, lernen die psychoanalytische Sicht auf die Wechselwirkung von Mann und Frau kennen. Konsequenterweise ist das Buch zweigeteilt: Im ersten Teil wird die weibliche, im zweiten die männliche Sicht auf das Thema präsentiert - wobei jeder Phase des Lebens zumindest ein Kapitel gewidmet ist. Tabus gibt es kaum, dafür für Laien unerwartete Einsichten.
"Urkraft Sex", Gerti Senger, Walter Hoffmann. 21,95 Euro / 224 S., Überreuter 2012
Sabine und Roland Bösel arbeiten in "Leih mir dein Ohr und ich schenk dir mein Herz" mit diversen Fallbeispielen. Unter anderem dient auch deren eigene Lebensgeschichte dazu, die Imago-Methode und ihr Potenzial darzustellen. Vorausgesetzt, der Leser oder die Leserin finden sich in der einen oder anderen dargestellten Geschichte wieder, können die vielen Ratschläge, die am Ende der jeweiligen Kapitel aufgelistet werden, in der eigenen Praxis ausprobiert werden. Der Zugang ist überaus pragmatisch und sinnvoll für all jene, die sich auf Ungewohntes in Form von Ritualen einlassen wollen.
"Leih mir dein Ohr und ich schenk dir mein Herz", Sabine und Roland Bösel. 19,90 Euro / 191 S., Orac 2010
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das klingt alles so, als wäre eine Beziehung etwas, was man sich "einfängt" und eigentlich in Summe betrachtet ein bisserl Positives bringt, aber zu einem viel zu hohen Preis (Langeweile, Probleme, Beziehungsarbeit, Konflikte...)...irgendwie ernüchternd...
IMAGOtherapie, traumathrapie, Hypnosetherapie ..... das hat doch FREUD schon längst und das noch viel gründlicher beschrieben. Es wird hier immer mit neuen Begriffen versucht Marketing zu betreiben. IMAGO ist das Bild; Freud hat sich scho intensiv mit Traum und Traumaarbeit und Hypnosearbeit und allem drum und daran beschäftigt, da wird alter Wein in neue Schläuche gegossen und für Marketingzwecke verwendet. Zurück zu den Wurzeln da ist alles schon drinnen nur sehr viel durchzuackern und um ein vielfaches komplizierter .......
...Menschen in Paartherapie sagen doch nicht, was Sie wirklich denken..."
Für mich ist es eine wesentliche Aufgabe des Therapeuten, ein vertrauensvolles Klima zu schaffen!
Nur mit Ehrlichkeit kann Veränderung Platz greifen - für Sie sind alle bei ihnen in Behandlung LÜGNER?
Mit Menschenverachtung wird sicher niemand geheilt - NUR mit Verständnis...
Selbstverständlich ist jedes psychotherapeutische System genau genommen metaphysisch und daher "religiös". Das gilt für den religiösen Kult der Psychoanalyse genauso, wenn nicht sogar noch mehr als für Imago.
Als Entscheidungskriterium zwischen den Methoden bleibt daher nur eigene Erfahrung und höchstens noch innere Konsistenz. Das ist erbärmlich, aber so ist es nun einmal.
Insofern ist es lächerlich, wenn ein Priester der Heiligsten Dreifaltigkeit von Ich, Es, Überich der anderen Methode Pseudoreligiosität und Infantilismus vorwirft, und verweist höchstens auf seinen Mangel an Reflektion.
Auf mich wirkt es wie verzweifelte Apologetik, so als hätte der Mann Angst vor einem simplen Versuch im Dialogprozess, wie ihn Imago vorschreibt.
"Innere Konsistenz" setzt aber, wie Hofmann richtig sagt, eine "autonome Persönlichkeit" voraus, die gelernt hat, ihre Grenzen zu erkennen und ihre Wünsche auch durchaus egoistisch zu formulieren. Nur dann ist man frei für den Anderen...!
Hoffmann verbreitet eine Aura der völligen Ernüchterung, die frei von Illusionen aber auch frei von schönen Gefühlen ist. Ich fürchte, dass er im Laufe seiner Tätigkeit auch jegliche Hoffnung oder Vision von einer schönen Beziehung verloren hat. So kann man aber auch keine Paare therapieren.
wer mir hier weniger sympathisch ist, der Herr "dann bleibt man zusammen, weil es Vorteile hat", na und? Wenn die Leute dabei happy sind?
oder die schwafelnde Dame "Anziehung passiert, wenn eine Seelenverwandtschaft da ist oder wenn man Gegensätzliches entdeckt", echt jetzt, wenn der Hahn kräht auf dem Mist...
ich glaub, ich würd keinem von beiden meine Beziehung anvertrauen...
Also ich habe die Imagotherapie mit meinem Partner ausprobiert und an einem Wochenende mehr über meine Beziehung und wie es weitertehen kann erfahren, als ich es je in fünf Jahren Analyse erfahren hätte. Ich versteh nicht, wie einer, der so misantropisch ist, mit Menschen arbeiten kann!
ich finde, wenn es soweit ist, dass man eine Therapie benötigt, um seinen Partner auszuhalten ist die Beziehung sowieso schon gescheitert. Eine Beziehung muss leicht, luftig und bereichernd sein. Sobald man daran "arbeiten" oder gar "therapieren" muss, ist sie gescheitert. Wozu sollte man sich so etwas antun? Dafür ist das Leben doch wirklich zu kurz, und es gibt auch zu viele interessante Menschen auf der Welt, als dass man um jeden Preis mit einem einzigen Jahrzehntelang zusammenleben muss.
Wohl dem, der gelernt hat, zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann. - Friedrich von Schiller
Wer ein Wofür im Leben hat,
der kann fast jedes Wie ertragen. - Friedrich Nietzsche
Das Leben ist zu wichtig,
um darüber ernsthaft zu sprechen. - Oscar Wilde
Wir glauben, Erfahrungen zu machen,
jedoch die Erfahrungen machen uns. – Eugéne Ionesco
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