JPMorgan verzockt zwei Milliarden Dollar

11. Mai 2012, 14:07
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Die Anleger wurden von dem Vorfall persönlich informiert. Bankchef Jamie Dimon: "Das lässt uns ziemlich dumm dastehen"

New York - Die Zockerei der US-Bank JPMorgan hat am Freitag die Stimmung der europäischen Anleger getrübt. Vor allem Bankenwerte stießen die Investoren aus ihren Depots ab. Die Wiener Bankenwerte standen zum Wochenschluss unter Druck. Die schwergewichtige Erste-Group-Aktie notierte gegen Mittag mit 16,085 Euro um 1,95 Prozent tiefer, das Raiffeisen-Papier verbuchte ein Minus von 0,94 Prozent auf 25,26 Euro. Zum Vergleich: Der heimische Leitindex ATX lag zu diesem Zeitpunkt etwa 0,72 Prozent im roten Bereich.

Die US-Großbank JPMorgan hatte am Donnerstagabend mitgeteilt, wegen einer fehlgeschlagenen Handelsstrategie zwei Mrd. Dollar (1,54 Mrd. Euro) verloren zu haben. Bei Bekanntwerden des Verlustes hatten die Papiere von JPMorgan nachbörslich fast sieben Prozent eingebüßt. In ganz Europa gerieten Finanzwerte in den Sog von JPMorgan, der europäische Bankenindex fiel um zwei Prozent. Auch der Dax lag am Vormittag weitgehend unverändert bei 6.520 Punkten, zeitweise war er um rund 0,8 Prozent abgerutscht. Der Markt reagierte laut Händlern positiv auf Meldungen, wonach die griechischen Konservativen bereit sind, an einer Koalitionsregierung teilzunehmen.

"Die Befürchtung ist, dass andere Banken auch noch Leichen im Keller haben", sagte ein Frankfurter Aktienhändler. Lex van Dam, Hedgefonds-Manager bei Hampstead Capital, äußerte sich ähnlich: "Dass nicht einmal JPMorgan in der Lage ist, seine Händler zu kontrollieren, heißt, dass es mehr Regulierung und weniger Gewinne geben wird."

Zwei Milliarden Dollar verloren

Die größte US-Bank JPMorgan Chase hat sich kräftig verspekuliert. Sie setzte mit einer fehlgeschlagenen Handelsstrategie rund zwei Milliarden Dollar (1,54 Milliarden Euro) in den Sand. Anders als beim Desaster der UBS im vergangenen Herbst wird aber nicht von Anfang an ein einzelner Banker beschuldigt.

JPMorgan-Chef Jamie Dimon sah sich am späten Donnerstag (Ortszeit) gezwungen, persönlich die Anleger und Analysten zu informieren. Das Desaster sei selbst verschuldet, sagte er in einer eilig anberaumten Telefonkonferenz.

Er sprach von "ungeheuerlichen Fehlern", Schlampereien und falschen Entscheidungen. Derzeit werde untersucht, wie es genau dazu kommen konnte. Die Prinzipien seines Hauses seien verletzt worden. "Das ist nicht die Art, wie wir unser Geschäft betreiben wollen", erklärte Dimon.

Die Fehler seien umso peinlicher angesichts der Tatsache, dass sich das Management stets gegen eine strengere Regulierung der Banken im Rahmen der "Volcker Rule" ausgesprochen habe, räumte Dimon ein. "Das lässt uns ziemlich dumm dastehen."

"Dieser Handel hat nicht die Volcker Rule verletzt, aber das Dimon-Prinzip", sagte der Bankchef. Jamie Dimon ist einer der lautesten Kritiker einer starken Bankenregulierung. Das konnte er sich leisten, weil er sein Haus beinahe ohne Blessuren durch die Finanzkrise gesteuert hatte.

"Es kann noch schlimmer werden"

Konkret habe es im synthetischen Kreditportfolio im Bereich Chief Investments seit Ende März "signifikante Buchverluste" gegeben. Der Bereich ist nach Angaben von JPMorgan der Arm der Bank, der genutzt wird, um Wetten einzugehen, die Beteiligungen an individuellen Beständen absichern sollen, etwa Kredite an Firmen mit einer schlechten Bewertung bei einer Ratingagentur.

"Wir werden das lösen", versicherte Dimon. Er lehnte es mehrfach ab, die Details der problematischen Finanzwetten offenzulegen. Der Bankchef musste aber einräumen: "Es kann noch schlimmer werden." Denn die Finanzwetten laufen weiter.

Die Bank will nicht überhastet aus den Geschäften aussteigen und damit noch größere Verluste riskieren. Für die verantwortliche Sparte der Bank sagte Dimon einen Verlust von 800 Mio. Dollar im laufenden Quartal voraus.

Schock für die Börse

Derartige Fehlschläge sind die Börsianer von JPMorgan Chase nicht gewohnt. Die New Yorker Bank ist das bestverdienende Kreditinstitut der Vereinigten Staaten und war fast ohne Blessuren durch die Finanzkrise gesteuert. Im ersten Quartal lag der Reingewinn bei 5,4 Milliarden Dollar.

Die Börsianer reagierten daher auch geschockt. Die JPMorgan-Aktie verlor nachbörslich fast sieben Prozent und zog auch andere Bankentitel mit in den Keller. Die Anteilsscheine von Citigroup tendierten im elektronischen Handel gut zwei Prozent schwächer, Bank of America gaben 1,7 Prozent nach.

Der Fall bei JPMorgan erinnert an den riesigen Handelsverlust bei der UBS im vergangenen Herbst: Durch verbotene Spekulationsgeschäfte eines Händlers in London gingen rund 2,3 Milliarden Dollar verloren. Der Mann muss sich inzwischen vor Gericht verantworten. Wegen der Affäre trat Oswald Grübel kurzum als Konzernchef zurück und wurde von Sergio Ermotti abgelöst.

Déjà-vu

Für Bankenkritiker wie den demokratischen US-Senator Carl Levin war der Milliardenverlust eine Steilvorlage: Dies sei eine "starke Erinnerung" daran, dass eine strenge Bankenregulierung nötig sei, erklärte Levin noch am Abend. Er hatte eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung der Finanzkrise im US-Kongress gespielt. Es müsse sichergestellt werden, dass der Steuerzahler nicht mehr "für derart risikoreiche Wetten geradestehen muss", forderte Levin.

Bereits vor ein paar Wochen war Kritik an den Spekulationen von JPMorgan Chase hochgekocht. Die Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg und das "Wall Street Journal" hatten berichtet, dass ein Londoner Händler der Bank derart große Geschäfte tätige, dass der ganze Markt davon bewegt würde. Der Händler bekam den Spitznamen "Wal von London" verpasst. Bankchef Dimon hatte damals von einem "Sturm im Wasserglas" gesprochen. (APA/Reuters, 11.5.2012)

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    Wie schlimm es noch werden kann, ist nicht ganz klar: Die Bank will nicht überhastet aus den Finanzwetten aussteigen.

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    An Lehman Brothers kommt trotzdem niemand ran: Eine Übersicht über Verluste durch Fehlspekulationen.

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