Zarte Impressionen

10. Mai 2012, 19:14
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Rudolf Buchbinder im Musikverein

Wien - Rudolf Buchbinder, das bedeutet(e) oft: schroffe Gegensätze, berstende Vitalität, kopfschmerzförderndes Martellato-Spiel. Nicht so am Mittwoch im Musikverein. Der interpretatorische Grundton, den der künstlerische Leiter von Grafenegg etwa bei den Vier Impromptus D 935 von Franz Schubert anschlug, war einer der Zurückgenommenheit, der Versonnenheit.

Keine vierteilige Sonate, wie Schumann sie hier erkannt haben wollte, gab Buchbinder, sondern zarte Impressionen eines Stimmungsschwankenden. Schubert normalisiert, menschlich, abgemotzt. Eine Altersmilde?

Mit Schuberts c-Moll Variation des Diabelli-Walzers als Präludium ging's nach der Pause in die 33 Veränderungen über einen Walzer von Anton Diabelli, ein humorpralles, ausuferndes Spätwerk Ludwig van Beethovens. Beethoven erinnert an Bach, Mozart und an sich selbst (die wundervolle Arietta-Variation Nr. 20).

Auch der mitten im siebten Lebensjahrzehnt stehende Pianist demonstrierte die volle Verfügbarkeit seiner technischen und musikalischen Fähigkeiten. Und man bemerkte schmerzlich, dass es um ihn herum schon etwas einsam geworden ist. Alfred Brendel, Großmeister der pianistischen Redlichkeit, hat sich vom Podium zurückgezogen. Die Vorgängergeneration mit Hans Kann, Paul Badura-Skoda und Jörg Demus ist nicht mehr oder nur sporadisch künstlerisch aktiv.

Die nationale Nachfolgeschaft (Stefan Vladar, Christoph Berner, Christopher Hinterhuber) unterrichtet, dirigiert, kammermusiziert und konzertiert zwar emsig, Letzteres jedoch (noch) nicht mit jener nationalen und internationalen Anerkennung, die Buchbinder zuteil wurde. Und beim jungen Ingolf Wunder wird die Zeit weisen, ob er den Kick, den seine Karriere durch den 2. Preis beim Warschauer Chopin-Wettbewerb bekommen hat, in einen nachhaltigen Schub für seine Laufbahn wird verwandeln können.  (Stefan Ender, DER STANDARD, 11.5.2012)

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