Lesehilfe für Bildungspolitiker

Kommentar der anderen10. Mai 2012, 19:06
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Deutungsprobleme beim Wort "Unfug" in der Debatte um die Lehrerbildung

Ich habe vor wenigen Tagen an dieser Stelle kritisiert, dass der amtsführende Landesschulratspräsident für Oberösterreich, Fritz Enzenhofer, aus der Einstellung einiger Lehramtsstudien an der TU Wien ableitet, dass die Unis kein Interesse an der Lehrerausbildung hätten und die entsprechenden Studien "als kostenintensives und manchmal lästiges Anhängsel betrachten würden". Enzenhofer interpretiert meinen Kommentar falsch; er liest heraus, dass ich seinen Vorschlag, die gesamte Lehrerausbildung nur mehr an eigenständigen Pädagogischen Universitäten abzuwickeln, als Unfug klassifiziert habe. Tatsächlich habe ich nur seine Begründung für diesen Vorschlag (die Einstellung der einschlägigen Studien an der TU Wien zeige ganz allgemein das Desinteresse der Universitäten) als Unfug bezeichnet und das mit Fakten belegt.

An der Universität Wien laufen zum Beispiel derzeit viele intensive Gespräche über die Einrichtung einer eigenen "school of education", deren Hauptaufgabe die Ausbildung angehender Lehrer sein soll. Das kann man wohl nicht so deuten, dass diese Universität die Lehrerausbildung als lästiges Anhängsel empfindet. Die Uni Wien bildet übrigens fast so viele Lehrer aus wie alle pädagogischen Hochschulen zusammengenommen (und ca. 25-mal so viele wie die TU Wien)!

Die Debatte darüber, wo in Zukunft Lehrer ausgebildet werden sollen, ist natürlich kein Unfug. Man sollte sie aber mit seriösen Argumenten führen.

Was spricht überhaupt für Lehrerausbildung an Universitäten klassischen Zuschnitts? Unter anderem die Nähe zur aktuellen Forschung. Wir brauchen insbesondere in den MINT-Fächern eine Lehrerausbildung, in der sich die angehenden Lehrer mit der didaktischen Aufbereitung auch neuester Ergebnisse dieser Wissenschaftsdisziplinen beschäftigen, und dazu gibt es an Universitäten natürlich viel mehr Möglichkeiten. Außerdem gibt es derzeit an den Pädagogischen Hochschulen für manche Schulfächer gar keine komplette Lehrerausbildung, z. B. für Informatik. Man müsste an den Pädagogischen Universitäten also mit erheblichem Mittel- und Personaleinsatz Dinge aufbauen, die es derzeit an den PHs noch nicht, an Universitäten aber sehr wohl gibt. Sollte man da nicht besser die vorhandenen Ressourcen der Universitäten weiter nutzen?

Enzenhofer führt als Modell einer erfolgreichen Weiterentwicklung im Bildungsbereich dann noch die Abtrennung der Medizinischen Fakultäten in eigene Medizinische Universitäten an. Da erliegt er aber ebenfalls einem Missverständnis. Die medizinischen Fakultäten waren vor der Abtrennung hochrangige Forschungsstätten, die Universität Wien hat z. B. einige Nobelpreisträger für Medizin hervorgebracht. Auf inhaltlicher Ebene leisten die Medizinischen Universitäten das, was vorher die Medizinischen Fakultäten geleistet haben. In Innsbruck wird sogar schon ernsthaft erwogen, die Abtrennung der Medizin rückgängig zu machen. (Erich Neuwirth, DER STANDARD, 11.5.2012)

Autor

Erich Neuwirth ist Informatiker an der Uni Wien.

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