Obamas "persönliches Coming-out"

10. Mai 2012, 18:56
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Erstmals hat sich ein US-Präsident für die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren ausgesprochen

Obama trägt damit seinem eigenen Sinneswandel und jenem der amerikanischen Wählerschaft Rechnung.

 

Es war ein Auftritt, wie er typisch ist für Barack Obama. Jedes Wort sorgfältig abwägend, ließ der Präsident an den Verfassungsrechtsprofessor denken, der er einst war. "Ich habe gerade den Schluss gezogen, für mich persönlich", begann er ein wenig umständlich, "dass ich mich bekenne und bejahe, dass ich denke, gleichgeschlechtliche Paare sollten heiraten können".

Eine historische Zäsur: Noch nie hat ein Amtsinhaber im Weißen Haus die Homosexuellen-Ehe offen befürwortet, und auch Obama machte deutlich, dass seinem Ja eine gedankliche Entwicklung vorausgegangen war. 2005, als er in den US-Senat einzog, hatte er die Ehe noch auf die Beziehung zwischen Mann und Frau beschränkt. Gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften hatte er schon damals nichts einzuwenden, einen Trauschein hielt er für unangemessen. Am Sonntag aber war Joe Biden, sein Vize, der gern den Arbeitersohn mit robustem irischem Charme gibt, so weit vorgeprescht, dass der zaudernde Spitzenmann so etwas wie Zugzwang gespürt haben muss - wer weiß, vielleicht war es auch nur spannend inszeniert.

Er denke an Soldaten, "die da draußen in meinem Namen kämpfen" und sich dennoch eingezwängt fühlten, weil sie mit Partnern gleichen Geschlechts keine Ehe eingehen könnten, sagte der Präsident. Er denke an seine Töchter Malia und Sasha, befreundet mit Gleichaltrigen, die in der Obhut schwuler oder lesbischer Paare heranwachsen. "Es fiele ihnen nicht im Traum ein, dass man mit den Eltern ihrer Freunde irgendwie anders umgehen müsste." Und folge christlicher Glaube nicht der goldenen Regel, andere genauso zu behandeln, wie man selber behandelt werden möchte?

Es waren Worte von großer Symbolik, aber auch Worte, deren praktische Wirkung vorerst begrenzt bleiben wird. Im Alltag überlässt es die Föderation ihren Bundesstaaten, wie sie die "same-sex marriage" handhaben wollen. Sechs haben sie legalisiert, in der Regel nach Parlamentsbeschlüssen. Doch wann immer die Wähler bei einem Referendum abstimmen, lehnen sie die Homosexuellen-Ehe mehrheitlich ab - oft, weil es die Gegner besser verstehen, ihre Anhänger zu mobilisieren. 31 Staaten, zumeist im Bibelgürtel des Südens und im sozial kaum weniger konservativen Mittleren Westen, haben das Nein in ihre Verfassungen aufgenommen, zuletzt am Dienstag North Carolina.

Der Bund hält sich zurück: Offiziell gilt nach wie vor der Defense of Marriage Act, 1996 unter Bill Clinton beschlossen, der die Ehe als Partnerschaft zwischen Mann und Frau definiert. Bisher hat Obama mit keiner Silbe erkennen lassen, dass er das Gesetz zu kippen gedenkt.

Dennoch, manche vergleichen sein Bekenntnis bereits mit dem Meilenschritt des Jahres 1964. Damals machte Präsident Lyndon B. Johnson den Kampf der Bürgerrechtler um Martin Luther King zu seiner eigenen Sache und setzte den Civil Rights Act durch, das Gesetz zur Gleichstellung der schwarzen Amerikaner. Heute trägt Obama einem spürbaren Stimmungswandel Rechnung: Waren vor zehn Jahren noch 65 Prozent der Amerikaner gegen die Homosexuellen-Ehe, so ist mittlerweile die Hälfte dafür.

Ein Bekenntnis mit Risiko

Schon ein flüchtiger Blick auf die politische Landkarte macht allerdings deutlich, welches Risiko Obama mit seinem "persönlichen Coming-out" (Washington Post) eingeht. Will er im November wiedergewählt werden, muss er erneut in den "Swing States" gewinnen, in denen es stets auf der Kippe steht zwischen Demokraten und Republikanern. Dazu gehören auch North Carolina und Virginia, die kulturell deutlich in der Nähe des Bibelgürtels liegen. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, 11.5.2012)

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    Nach der Ankündigung Obamas fanden sich Homosexuelle zu Freudenkundgebungen zusammen. Im Bild: Dallas, Texas.

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