Computer warnte bei jedem zweiten Arztbesuch vor Wechselwirkungen

10. Mai 2012, 18:55
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Elektronisches Arzneimittelkonto warnte bei jedem Zweiten vor Wechselwirkungen

Wien - Wenn das kein Zufall ist: Am Tag, an dem der Hauptverband die Evaluierungsergebnisse zum Pilotprojekt E-Medikation veröffentlicht, erscheint gleichzeitig eine ziemlich positive Studie zum Thema und auch die Apothekerkammer erhöht den Druck für die "sofortige Einführung" der elektronisch gespeicherten Medikamentendatei. Und das alles drei Tage nach dem Machtwechsel in der Wiener Ärztekammer.

Doch der Reihe nach: Von April 2011 bis Jahresende wurden in drei Testregionen in Tirol, Oberösterreich und Wien alle von Ärzten verordneten und von Apotheken abgegebenen Arzneimittel auf einer Art " Konto" gespeichert. Teilgenommen haben 85 Ärzte, 50 Apotheken, vier Krankenhäuser und 5431 Patienten. Wolfgang Dorda, der mit der Auswertung beauftragte Statistiker der Med-Uni Wien, konnte trotz Boykottaufruf der Ärztekammer genügend Daten auswerten und kam am Donnerstag zu folgenden Ergebnissen:

Bei den 18.310 Verordnungen, die die beteiligten Ärzte im Untersuchungszeitraum abgegeben haben und den 13.797 Medikamenten, die dann tatsächlich in einer der Pilotapotheken abgeholt wurden, kam es zu insgesamt 10.563 Warnungen vor Wechselwirkungen. Ganze 110 davon hätten laut Dorda zu schweren, bleibenden Schäden führen können.

Im Schnitt kam es also bei jedem zweiten Besuch bei Arzt oder Apotheker zu einer Warnung vor Wechselwirkungen. Bei jedem sechsten Besuch warnte das System vor einer zu häufigen Verschreibung (konkret: 3693-mal), und bei jedem neunten Besuch wurde aufgezeigt, dass der Patient den verordneten Wirkstoff bereits in einem anderen Arzneimittel zu sich nimmt (2314 Warnungen). Auch wenn Ärzte, Apotheker und Patienten die E-Medikation laut Befragung positiv sehen (Ärzte: 70, Apotheker: 90, Patienten: 85 Prozent), empfehlen die Studienautoren eine grundsätzliche Überarbeitung des Projektes.

Weniger kompliziert machen

So gehöre etwa die Datenbank für die Medikationsprüfung, die auf den Warnhinweisen der Arzneimittelhersteller gründet, weniger sensibel eingestellt. Zudem bedürfe es mehr Schulungen der Systembeteiligten, mehr Flexibilität in Sachen Verschreibungshäufigkeit, sowie einer längeren Gültigkeit der Patienteneinwilligung (bisher zwölf Stunden). Zudem fehlt die rechtliche Basis, das Gesetz für die elektronische Gesundheitsakte Elga. Danach wird ein neuer, flächendeckender, regionaler Versuch empfohlen. Dann könne man österreichweit starten.

Im Hauptverband macht man trotz des Verbesserungsbedarfs Druck für Elga, technisch sei man ab Ende 2013 bereit. Ärzte sollen zum Mitmachen verpflichtet werden, Patienten sollen automatisch dabei sein, wenn sie nicht explizit dagegen sind. Bei den über 60-Jährigen sprechen sich laut der eingangs erwähnten Studie 80 Prozent dafür aus, E-Medikation sofort einzuführen, sie haben davon laut Dorda auch "den größten Nutzen". (Karin Riss, DER STANDARD, 11.5.2012)

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