Obama und die Homoehe: Kalkuliertes "Coming-out"

Kommentar10. Mai 2012, 18:15
23 Postings

Obama tut nichts, ohne einen guten Grund dafür zu haben

Ein vorlauter Joe Biden, die Gay-Eltern in den Schulklassen seiner Töchter oder gar die goldene Regel für einen jeden guten Christenmenschen - welche Geschichten auch immer um den Sinneswandel Barack Obamas in Sachen Homo-Ehe gestrickt werden, sie müssen mit der kühlen Präzision und dem emotionslosen Kalkül des wahlkämpfenden US-Präsidenten abgeglichen werden. Obama tut nichts, ohne einen guten Grund dafür zu haben.

Mit der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare führt er ein "wedge issue" in die Wahlauseinandersetzung ein, ein Thema also, das einen Keil in die Wählerschaft treibt und sie in Lager spaltet. Solche sozialpolitischen Streitthemen wurden von den Republikanern über Jahrzehnte gnadenlos für ihre Agenda genützt, nun benutzt Obama eines davon. Die Debatte nützt ihm zweifach: Damit bringt er seine noch schlappe Anhängerschaft auf Betriebstemperatur für den Wahlkampf. Und er trägt einem Sinneswandel in der US-Gesellschaft Rechnung - seit 2009 hat sich die Stimmung zugunsten der Homo-Ehe gedreht, heute liegt sie in der Gesamtbevölkerung bei 53 Prozent pro. Bei den katholischen Latinos, die in vielen Bundesstaaten wahlentscheidend sein werden, liegt der Wert sogar bei 55 Prozent.

All diese Daten haben sich Obamas Strategen mit ganz großer Sicherheit für alle zum Wahltermin im November relevanten Bundesstaaten angesehen, bevor der Präsident sein "Coming-out" hatte. Dessen Risiko ist kalkuliert. (DER STANDARD, 11.5.2012)

Share if you care.