"Das wird - verlaube - ein Schas"

  • Die Einrichtung der "Klimtvilla" in Unter-St.-Veit ist lediglich auf 
zwei Fotografien von Moritz Nähr dokumentiert: Oben das Empfangszimmer 
mit Möbeln von Josef Hoffmann, unten das Atelier.
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    Die Einrichtung der "Klimtvilla" in Unter-St.-Veit ist lediglich auf zwei Fotografien von Moritz Nähr dokumentiert: Oben das Empfangszimmer mit Möbeln von Josef Hoffmann, unten das Atelier.

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Ende September wird die revitalisierte Klimtvilla, das letzte Atelier Gustav Klimts, feierlich eröffnet. Geplant ist eine Rekonstruktion. Museumsfachleute und Denkmalschützer äußern sich kritisch zu dieser Idee

Wien - Das Klimtjahr wird vorübergehen, die vielen Ausstellungen finden irgendwann ihr Ende. Auch das Gerüst im KHM und die begehbare Skulptur von Gerwald Rockenschaub in der Secession - sie ermöglichen derzeit eine Betrachtung der Deckengemälde beziehungsweise des Beethovenfrieses aus allernächster Nähe - werden demontiert.

Das einzig Bleibende wird die "Klimtvilla" sein, die am 30. September eröffnet wird. Doch was dort in der Feldmühlgasse 11 entsteht, erfüllt Denkmalschützer wie Museologen mit großer Sorge.

Den Gartenpavillon des Hauses Josefstädter Straße 21, den Klimt von 1892 bis 1911 als Atelier nutzte, gibt es längst nicht mehr: Auf dem ehemaligen Grundstück wohnt heute u. a. Bundespräsident Heinz Fischer. Die einzige zumindest teilweise erhaltene Wirkungsstätte des Jugendstilmalers befindet sich in einem Garten in Unter-St.-Veit. Gustav Klimt dürfte hier, in einem ehemals eingeschoßigen Landhaus mit hohen Fenstern, ab 1912 etwa zwölf Bilder, darunter Litzlberg am Attersee und die Goldene Adele, gemalt haben.

Nach Klimts Tod 1918 begann die Familie Hermann, der die Liegenschaft gehörte, das Gebäude zur Villa auszubauen. Wohl aufgrund von Geldschwierigkeiten verkaufte sie 1922 den Rohbau an Ernestine Werner, die den Weingroßhändler Klein heiratete. Sie ließ die Villa im sogenannten "Rosenkavalier-Stil" als neobarocken Bau mit Freitreppe fertigstellen.

Die jüdische Familie musste in der NS-Zeit nach London fliehen, die Immobilie wurde ihr entzogen. 1948 erfolgte die Restitution, 1954 verkauften die Kleins die Liegenschaft um einen damals äußerst geringen Betrag (500.000 Schilling) an die Republik.

Rettende Bürgerinitiative

Ein knappes halbes Jahrhundert später vereitelte eine Bürgerinitiative den gewinnbringenden Verkauf der Liegenschaft - und rettete damit das Atelier. Nach Intervention von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) übertrug das Wirtschaftsministerium den Fruchtgenuss an das Kuratorium für künstlerische und heilende Pädagogik, das für die Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen Platz brauchte. Die Auflage war, das Atelier als Gedenkstätte öffentlich zugänglich zu machen, und die Waldorf-Heilpädagogen waren gerne dazu bereit. Doch sie sind keine Fachleute - und waren daher Einflüsterern ausgeliefert.

Die im Frühjahr 2011 begonnenen Sanierungsarbeiten sind bereits weit gediehen. Das Wirtschaftsministerium, das die 2 Millionen Euro teure "Revitalisierung" finanzierte, lud daher am Freitag  zusammen mit der Burghauptmannschaft (als Bauherr) zu einem Pressegespräch. Ab Herbst wird das Gebäude als "Symbiose aus Gedenk- und Behindertentagesstätte" dienen, wurde erläutert. Eine touristische Nutzung wird nur begrenzt möglich sein, ein Museum  ist nicht geplant.

Angedacht ist eine "Rekonstruktion" des Ateliers. Denn von der einstigen Substanz des Landhauses ist, abgesehen von ein paar Grundmauern, nichts erhalten geblieben. Zeugnis davon, wie die von Klimt genutzten Räume ausgesehen haben, geben lediglich zwei Fotografien von Moritz Nähr: Auf der einen ist das nach Norden ausgerichtete Atelier mit der Fensterfront abgebildet, auf der anderen das Empfangszimmer.

Es gibt zwar noch ein paar Einrichtungsgegenstände, diese befinden sich aber im Besitz des Rechtsanwalts, Kunstsammlers und Im-Kinsky-Miteigentümers Ernst Ploil: der Schrank und das Malkästchen von Josef Hoffmann, die Lampe und ein Fauteuil.

Auch wenn Ploil die Möbel als Leihgabe zur Verfügung stellen würde, könnten sie nicht ausgestellt werden, da es keine entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen gibt. Sprich: Es ist unmöglich, in den Räumen Originale zu präsentieren. Man will sich daher mit Pseudo-Gegenständen behelfen.

Die Idee, die Möbel nach den Fotos nachzubauen, findet Ernst Ploil falsch, denn man könne auf den Abbildungen nicht die feinen Details von Hoffmann, darunter die Intarsien, erkennen: "Das wird - verlaube - ein Schas."

Der international gefragte Museumsfachmann Dieter Bogner, der sich mit der Situation am Ort auseinandergesetzt hat, hält "Rekonstruktionen dieser Art für grundsätzlich falsch". Man müsse mit der verbliebenen Originalsubstanz sorgsam umgehen - und auch die ehemalige Eingangssituation beachten. Dies geschehe aber nicht. In der Darstellung müsse man, so Bogner, "innovativ und experimentell vorgehen".

Ähnlich äußert sich auch Eva-Maria Höhle, die kürzlich in Pension gegangene Generalkonservatorin des Denkmalamtes: "Ich stehe dieser Rekonstruktionsidee sehr distanziert gegenüber, weil sich das Gebäude nachträglich stark verändert hat." Es sei heute eben nur mehr ein historischer Ort.

Eigentlich hätte, vor der Schüssel-Intervention, das Belvedere die "Klimtvilla" betreuen sollen. Schließlich verfügt es über die größte Klimt-Sammlung. Das Konzept von Direktorin Agnes Husslein und Alfred Weidinger sah vor, das Atelier als "kulturhistorischen Ort" zu betreiben: Man wollte dort das Klimt-Archiv unterbringen und zugänglich machen. Auch wenn die Idee, die Architektur auf den Originalzustand zurückzuführen, nicht umgesetzt wurde: Husslein wäre nach wie vor bereit, die "Klimtvilla" zu betreiben. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 11.5.2012,  red.)

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