"Das wird - verlaube - ein Schas"

Thomas Trenkler
10. Mai 2012, 17:37
  • Die Einrichtung der "Klimtvilla" in Unter-St.-Veit ist lediglich auf 
zwei Fotografien von Moritz Nähr dokumentiert: Oben das Empfangszimmer 
mit Möbeln von Josef Hoffmann, unten das Atelier.
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    Die Einrichtung der "Klimtvilla" in Unter-St.-Veit ist lediglich auf zwei Fotografien von Moritz Nähr dokumentiert: Oben das Empfangszimmer mit Möbeln von Josef Hoffmann, unten das Atelier.

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Ende September wird die revitalisierte Klimtvilla, das letzte Atelier Gustav Klimts, feierlich eröffnet. Geplant ist eine Rekonstruktion. Museumsfachleute und Denkmalschützer äußern sich kritisch zu dieser Idee

Wien - Das Klimtjahr wird vorübergehen, die vielen Ausstellungen finden irgendwann ihr Ende. Auch das Gerüst im KHM und die begehbare Skulptur von Gerwald Rockenschaub in der Secession - sie ermöglichen derzeit eine Betrachtung der Deckengemälde beziehungsweise des Beethovenfrieses aus allernächster Nähe - werden demontiert.

Das einzig Bleibende wird die "Klimtvilla" sein, die am 30. September eröffnet wird. Doch was dort in der Feldmühlgasse 11 entsteht, erfüllt Denkmalschützer wie Museologen mit großer Sorge.

Den Gartenpavillon des Hauses Josefstädter Straße 21, den Klimt von 1892 bis 1911 als Atelier nutzte, gibt es längst nicht mehr: Auf dem ehemaligen Grundstück wohnt heute u. a. Bundespräsident Heinz Fischer. Die einzige zumindest teilweise erhaltene Wirkungsstätte des Jugendstilmalers befindet sich in einem Garten in Unter-St.-Veit. Gustav Klimt dürfte hier, in einem ehemals eingeschoßigen Landhaus mit hohen Fenstern, ab 1912 etwa zwölf Bilder, darunter Litzlberg am Attersee und die Goldene Adele, gemalt haben.

Nach Klimts Tod 1918 begann die Familie Hermann, der die Liegenschaft gehörte, das Gebäude zur Villa auszubauen. Wohl aufgrund von Geldschwierigkeiten verkaufte sie 1922 den Rohbau an Ernestine Werner, die den Weingroßhändler Klein heiratete. Sie ließ die Villa im sogenannten "Rosenkavalier-Stil" als neobarocken Bau mit Freitreppe fertigstellen.

Die jüdische Familie musste in der NS-Zeit nach London fliehen, die Immobilie wurde ihr entzogen. 1948 erfolgte die Restitution, 1954 verkauften die Kleins die Liegenschaft um einen damals äußerst geringen Betrag (500.000 Schilling) an die Republik.

Rettende Bürgerinitiative

Ein knappes halbes Jahrhundert später vereitelte eine Bürgerinitiative den gewinnbringenden Verkauf der Liegenschaft - und rettete damit das Atelier. Nach Intervention von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) übertrug das Wirtschaftsministerium den Fruchtgenuss an das Kuratorium für künstlerische und heilende Pädagogik, das für die Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen Platz brauchte. Die Auflage war, das Atelier als Gedenkstätte öffentlich zugänglich zu machen, und die Waldorf-Heilpädagogen waren gerne dazu bereit. Doch sie sind keine Fachleute - und waren daher Einflüsterern ausgeliefert.

Die im Frühjahr 2011 begonnenen Sanierungsarbeiten sind bereits weit gediehen. Das Wirtschaftsministerium, das die 2 Millionen Euro teure "Revitalisierung" finanzierte, lud daher am Freitag  zusammen mit der Burghauptmannschaft (als Bauherr) zu einem Pressegespräch. Ab Herbst wird das Gebäude als "Symbiose aus Gedenk- und Behindertentagesstätte" dienen, wurde erläutert. Eine touristische Nutzung wird nur begrenzt möglich sein, ein Museum  ist nicht geplant.

Angedacht ist eine "Rekonstruktion" des Ateliers. Denn von der einstigen Substanz des Landhauses ist, abgesehen von ein paar Grundmauern, nichts erhalten geblieben. Zeugnis davon, wie die von Klimt genutzten Räume ausgesehen haben, geben lediglich zwei Fotografien von Moritz Nähr: Auf der einen ist das nach Norden ausgerichtete Atelier mit der Fensterfront abgebildet, auf der anderen das Empfangszimmer.

Es gibt zwar noch ein paar Einrichtungsgegenstände, diese befinden sich aber im Besitz des Rechtsanwalts, Kunstsammlers und Im-Kinsky-Miteigentümers Ernst Ploil: der Schrank und das Malkästchen von Josef Hoffmann, die Lampe und ein Fauteuil.

Auch wenn Ploil die Möbel als Leihgabe zur Verfügung stellen würde, könnten sie nicht ausgestellt werden, da es keine entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen gibt. Sprich: Es ist unmöglich, in den Räumen Originale zu präsentieren. Man will sich daher mit Pseudo-Gegenständen behelfen.

Die Idee, die Möbel nach den Fotos nachzubauen, findet Ernst Ploil falsch, denn man könne auf den Abbildungen nicht die feinen Details von Hoffmann, darunter die Intarsien, erkennen: "Das wird - verlaube - ein Schas."

Der international gefragte Museumsfachmann Dieter Bogner, der sich mit der Situation am Ort auseinandergesetzt hat, hält "Rekonstruktionen dieser Art für grundsätzlich falsch". Man müsse mit der verbliebenen Originalsubstanz sorgsam umgehen - und auch die ehemalige Eingangssituation beachten. Dies geschehe aber nicht. In der Darstellung müsse man, so Bogner, "innovativ und experimentell vorgehen".

Ähnlich äußert sich auch Eva-Maria Höhle, die kürzlich in Pension gegangene Generalkonservatorin des Denkmalamtes: "Ich stehe dieser Rekonstruktionsidee sehr distanziert gegenüber, weil sich das Gebäude nachträglich stark verändert hat." Es sei heute eben nur mehr ein historischer Ort.

Eigentlich hätte, vor der Schüssel-Intervention, das Belvedere die "Klimtvilla" betreuen sollen. Schließlich verfügt es über die größte Klimt-Sammlung. Das Konzept von Direktorin Agnes Husslein und Alfred Weidinger sah vor, das Atelier als "kulturhistorischen Ort" zu betreiben: Man wollte dort das Klimt-Archiv unterbringen und zugänglich machen. Auch wenn die Idee, die Architektur auf den Originalzustand zurückzuführen, nicht umgesetzt wurde: Husslein wäre nach wie vor bereit, die "Klimtvilla" zu betreiben. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 11.5.2012,  red.)

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1954 waren 500 000,-- Schilling extrem viel Geld

und ich glaube nicht, dass dieser Betrag stimmt.
Um ein Zehntel davon konnte man sich ein Zinshaus mit 900 m² Nutzfläche kaufen.

es steht nicht dabei,

ob der Kauf mit einem Langzeitkredit finanziert wurde oder sofort bar in Cash übergeben wurde. Nach 1955 begann die Zeit des Wirtschaftswunders, der Leitzins war dementsprechend hoch, damit es zu keiner Geldschwemme und Inflation kommt, die Sparzinsen animierten die Leute zum Sparen und die Kreditzinsen waren aber auch dementsprechend hoch. Daher kann es sein, dass durch einen Langlaufzeitkredit in einer Zeit des Wirtschaftswachstums eine größere Menge Geld am Ende als Kaufpreis zustande kam, als wenn das Geld sofort in Cash gezahlt worden wäre.

gut, dass das Haus nicht wie das Hartaatelier daneben in einer Nacht-und-Nebelaktion abgerissen wurde!

sowohl Harta als auch Klimt haben dort gemalt, das steht wohl fest. Und es müssen ja in Hietzing nicht alle Bäume umgeschnitten werden, um neuen gesichtlosen Betonwohnsilos Platz zu machen. Der Garten gibt "Gott sei Dank" noch einen Eindruck wieder, warum es die Maler dorthin gezogen hat.

gut ist auch, dass das Areal jetzt genützt wird, und als Fremdenverkehrsattraktion ist die "location" jedenfalls interessant. man hat ja gesehen, wie viele Leute heute (30.September) dort angestellt waren.

Dass man keine Originalmöbel dort ausstellt, wenn es keine Überwachung gibt, ist verständlich!

Viele Köche verderben den Brei

Wer denkt sie denn eigentlich an, diese Rekonstruktion? Mit Verlaub, dieser Zugang ist doch äusserst phantasielos (wenn auch in Wien sehr beliebt...). Wenn ich Klimt im Original sehen will, gibt es wirklich genug Möglichkeiten in Wien. Da brauche ich doch keinen nachgebauten Sessel der vielleicht ungefähr so aussieht wie einer in dem er vielleicht einmal gesessen haben könnte.

in den 60ern des vorigen Jahrhunderts

wurde die Klimtvilla als Lehrbüro der Handelsakademien der Wiener Kaufmannschaften geführt. Damals gab es noch genügend originale Einrichtungen - zumindest Türen mit den dazügehörigen Gläsern. Ob natürlich die Vitrinen (waren sehr interessant) auch noch Klimt'sche Originaleinrichtungen waren weiß ich nicht.

Fotos sollten also im Archiv der Wr. Kaufmannschaft und im Wien Museum noch zu finden sein. Oder man könnte zumindest die für dieses Lehrbüro Verantwortlichen befragen, denn noch nicht alle sind tot

kategorie: nix bessas zum tuan

madame tussaud's ist ein kunstwerk dagegen

Äußerst gering?

Also wenn ich lese, dass um diese Zeit der Wiederaufbau eines Freibades 280.000 Ös gekostet hat, können 500.000 nicht echt ein "äußerst geringer Betrag" sein. Siehe: http://www.wien.gv.at/rk/histor... maerz.html

Link Düzenli Servis

absurde Ellenbogengesellschaft

erst sich um nix kümmern und die Arbeit lokalen Engagierten bis hin zum Prof. für Bildnerische des benachbarten Gymnasiums überlassen

dann wenn Geld in Aussicht steht, jene "Einflüsterer" nennen und sich selbst in den Vordergrund drängen

so kommt das rüber. Die bisher engagierten etwas weniger schäbig zu benennen wär nicht falsch gewesen.

es ist immer problematisch, wenn "engagierte" eben *nicht* den kontakt zu profis suchen. "professor für be" zu sein qualifiziert noch längst nicht für die abwicklung solcher projekte. hätte man sich beizeiten mit leuten zusammengetan, die sich mit so etwas auskennen (denkmalamt, musseen, ...), es hätte was wirklich gutes dabei rauskommen können. aber so? das fragwürdige der ganzen geschichte steht ja schon im namen des projektes: die villa hat mit klimt genau gar nix zu tun, ausser dass sie halt dort steht, wo einmal das atelier war. ja und?

ein Scha s

ist, dass der Eigentümer der Originalmöbel, jenen, die die Kopien herstellen wollen (HTL_Mödling), es nicht erlaubt, Details zu studieren und abzunehmen. Dies zum Wahrheitsgehalt obigen Zitates. Angeblich läßt der Eigentümer besagter Möbel selbst Kopien herstellen, fragt sich nur wofür ...

.. um sie als leihgabe in klimt-ausstellungen zu praesentieren..

.. auf ihre frage, wofuer der eigentuemer die moebel nachbauen laesst - teile waren zB im belvedere ausgestellt (klimt/hoffmann)...

aha

Und wo ist der Unterschied zwischen einem fake-Klimtstudio und einer fake-Klimtausstellung?

also, gegoogelt:

Die Villa wurde auf das Atelier draufgebaut (Stockwerk drauf)

Frau Husslein wollte die Villa darüber wieder wegreißen, dagegen hat sich das Denkmalamt quergelegt

Denn der Umbau "passierte in dem Kunst-Milieu, aus dem auch Klimt stammte“, meint Mario Schwarz vom Institut für Kunstgeschichte der Uni Wien
(4 Häuserblocks nebenan wohnte, von Klimt gefördert, Schiele)

Nun gibt es eine sanfte(re) Rückführung durch den Verein

auch soll "der Garten wieder so aussehen, wie er auf unzähligen Klimt-Bildern gezeigt wird"

Somit wird nach langem hin-her offenbar das Optimum gemacht

zum "Professor für BE":
akademischer Maler, Goldenes Ehrenzeichen der Republik Österreich, Werke in der Albertina & Co. ... der scheint schon recht qualifiziert zu sein

Ihre Obrigkeitshörigkeit ist manchmal erschreckend, Google hin oder her.

in erster Linie ging es mal darum, den Abriß zu verhindern

das haben, wie beim Körnerschlössel in Mauer, mal die Anrainer geschafft

zumal glaube ich daß es deutlich mehr gibt als nur 2 fotografien

ich geh mal googeln

"mit verlaub" wenn schon

und wenn schon,

dann "mit Verlaub"!

schon wieder die frau husslein

bald wird wieder ganz österreich den aristokraten gehören, über kunst und kultur wollen sie das ganze zurückerobern....

Fruchtgenuss?

Was für ein Fruchtgenuss? Was soll dieses Wort da?

Fruchtgenuss ist ein Begriff, der seit ein Kärntner Heiliger im Tale der Bären denselben innehatte - oder auch nicht - jedem Österreicher bekannt sein sollte..

Unglaublich, dass in Zeiten der uneingeschränkt zugänglichen Informationen doch jeden Tag wieder einer mit beiden Beinen in Gatsch hupfen muß. Kann man sich nicht kurz schlau machen, bevor sie uns zum großen Fremdschämen zwingen?

ad 'vorher schlau machen'

Wenn man über Google einem bestimmten (nicht alltäglichen) Begriff auf die Spur kommen möchte, dann findet man die Antwort nicht selten in einem Forum. Was war zuerst da, das Huhn oder...?

Das hier ist auch ein Forum - in einem Forum sollte man sich austauschen und für Fragen nach etwas Unbekannten nicht 'schämen' müssen.

Vielleicht sollte ich aber auch den Begriff 'Internetforum' googlen, weil ich da was falsch verstanden habe... :)

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