"Die Pfuscher sind wir"

Interview11. Mai 2012, 16:00
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Schwarzarbeit ist ein Massenphänomen, sagt Volkswirt Friedrich Schneider. Der illegal beschäftigte Ausländer ist kein typischer Pfuscher

Nur ein Bruchteil der Schwarzarbeit geschieht durch illegal beschäftigte Ausländer. Außerdem nehmen diese niemandem einen Job weg, weil es viele der von ihnen übernommenen Tätigkeiten in der offiziellen Wirtschaft gar nicht gäbe. Dem Staat entgehen durch den Pfusch Milliarden, die Wirtschaft profitiert allerdings davon, sagt der Volkswirt Friedrich Schneider im Gespräch mit daStandard.at.

daStandard.at: Viele denken bei Schwarzarbeit zuerst an Ausländer ohne Beschäftigungserlaubnis. Trifft das zu?

Schneider: Nein, das trifft überhaupt nicht zu. Wir haben in Österreich ungefähr 90.000 illegal beschäftigte Ausländer. Die arbeiten meistens Vollzeit, weil sie ja nur zum Arbeiten nach Österreich kommen. Wir haben aber weit über eine Million EU-Bürger in Österreich, die sogenannte Teilzeit-Schwarzarbeiter sind. Die haben alle einen offiziellen Job, und nach Feierabend und am Wochenende pfuschen sie. Das macht zwei Drittel der Wertschöpfung in der Schattenwirtschaft aus. Pfuscher sind also Großteils wir selbst. Nur 14 Prozent entfallen auf illegal Beschäftigte und weitere 16 Prozent auf Frühpensionisten und Arbeitslose.

daStandard.at: Nehmen die 90.000 illegal beschäftigten Ausländer den Österreichern die Jobs weg?

Schneider: Haben wir viele Österreicherinnen, die Prostituierte werden wollen? Ich glaube kaum. Oder haben wir viele, die gerne Bediener oder Putzfrauen werden wollen? Nein. Da werden überhaupt keine Jobs verdrängt. Oft heißt es, ohne Schwarzarbeit hätten wir Vollbeschäftigung. Das ist aber falsch. In der offiziellen Wirtschaft gäbe es viele dieser Stellen gar nicht.

daStandard.at: Wie sieht denn der typische Pfuscher aus?

Schneider: Der typische Pfuscher ist ein Facharbeiter, Lehrer, Gärtner, Spengler, Fliesenleger oder Architekt, der nach Feierabend noch ein bisschen arbeitet und im Schnitt im Monat 400 bis 600 Euro schwarz dazuverdient. Das ist ein Massenphänomen, vom Neusiedler See bis zum Bodensee.

daStandard.at: Das Volumen der Schattenwirtschaft hat sich seit 1990 verdreifacht und lag 2011 bei 19,83 Milliarden Euro oder 7,86 Prozent des BIP. Woran liegt das?

Schneider: 2004 waren wir bei etwa 23 Milliarden Euro. In den letzten Jahren gibt es also einen eindeutig rückläufigen Trend. Im langen Zeitraum ist das Volumen aber gewachsen, weil die Gesamt-Steuerbelastung in den 80er und 90er Jahren zum Teil sehr stark angestiegen ist und weil wir zunehmend reguliert haben. Das sind die beiden größten Treiber für die Schattenwirtschaft. Dann kommt noch hinzu, dass die Steuermoral sich verändert hat. Es gab mehr und mehr Skandale über Geldverschwendung - Stichwort Rechnungshofberichte. Da sinkt der Anreiz in der Bevölkerung, ehrlich zu sein, und damit die Bereitschaft zu pfuschen.

daStandard.at: 59 Prozent sagen, ohne Pfuscher kann man sich vieles nicht leisten. Ist die Steuerbelastung schlicht zu hoch?

Schneider: Das ist eine subjektive Einschätzung, aber sie ist völlig richtig. Wenn ich Überstunden mache und die voll besteuert werden, habe ich horrende Grenzbelastungen. Das habe ich in der Schattenwirtschaft alles nicht, und insofern ist ein schwarzer Nebenverdienst hochattraktiv.

daStandard.at: Ist Schwarzarbeit per se ein gesellschaftliches Problem?

Schneider: Der größte Verlierer des Pfusches ist der Staat durch entgangene Sozialversicherungsbeiträge und Steuern in Höhe von drei bis vier Milliarden Euro. Das ist ein Problem. Zwei Drittel des schwarz verdienten Geldes werden aber gleich wieder ausgegeben. Man pfuscht nicht fürs Sparbuch, sondern kauft sich etwas mit dem Geld. Für die Wirtschaft sind zwei Drittel der Pfuschaktivitäten komplementär und nicht substitutiv. Pfusch ist also wohlstandssteigernd. Unser BIP wäre zehn Milliarden Euro tiefer, gäbe es den Pfusch nicht.

daStandard.at: Fast die Hälfte der Bevölkerung hält Pfusch für ein Kavaliersdelikt. Hängt das auch damit zusammen, dass Menschen Schwarzarbeit einfach brauchen?

Schneider: Ja. Die meisten Pfuscher haben ja einen ganz normalen Job und tragen die gesamte Abgabenlast. Sie leisten also schon etwas für das Gemeinwohl und versteuern nur ihre Überstunden nicht. Der Fliesenleger, der 4.000 Euro im Monat verdient, der brennt wie ein Luster. Dass sein Anreiz, jede Überstunde korrekt zu versteuern, nicht besonders groß ist, kann ich verstehen, auch wenn ich es nicht billige.

daStandard.at: Und die Konsumenten, brauchen die den Pfusch oder wollen sie sich nur Geld sparen?

Schneider: Sie kriegen die Dienstleistungen billiger und können sich viele Dinge so erst leisten. In Oberösterreich ist jedes zweite oder dritte Haus zumindest teilweise im Pfusch gebaut. Die gäbe es alle nicht, wenn alles korrekt versteuert worden wäre.

daStandard.at: So gesehen wäre es also falsch, Schwarzarbeit durch strengere Strafen zu verbieten.

Schneider: Das Ziel muss sein, die Pfusch-Leistungen in offizielle Leistungen zu überführen, indem ich zum Beispiel einen Handwerkerbonus biete. Man muss Anreize schaffen, nicht verbieten. (Yilmaz Gülüm, daStandard.at, 11.5.2012)

Friedrich Schneider ist Professor für Volkswirtschaft an der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Er führt regelmäßig repräsentative Befragungen zum Thema Schattenwirtschaft durch.

  • "Pfuscher sind Großteils wir selbst. Nur 14 Prozent entfallen auf illegal Beschäftigte und weitere 16 Prozent auf Frühpensionisten und Arbeitslose", sagt Friedrich Schneider.
    foto: privat

    "Pfuscher sind Großteils wir selbst. Nur 14 Prozent entfallen auf illegal Beschäftigte und weitere 16 Prozent auf Frühpensionisten und Arbeitslose", sagt Friedrich Schneider.

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