"Die Medien haben sich von den Salafisten einspannen lassen"

Interview11. Mai 2012, 16:27
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Salafisten demonstrieren in Deutschland, Politik und Medien sind empört - für Experte Dirk Baehr steckt bewusste Provokation hinter der Eskalation

In deutschen und österreichischen Städten sorgen derzeit junge, bärtige Männer für Aufsehen. Salafisten verteilten zunächst Gratis-Exemplare des Koran, um nach eigenen Angaben, den Menschen den "wahren Islam" näher zu bringen. Deutsche Behörden reagierten mit Verboten, rechts-populistische Gruppierungen mit Provokationen. Demonstrationen von Salafisten mit teilweise gewalttätigen Ausgang waren die Folge. Für den deutschen Politologen und Salafismus-Experten Dirk Baehr sind die Aktionen der teilweise militanten Bewegungen eine bewusste Provokation. Die Reaktion von Politik und Medien hält er für problematisch.

derStandard.at: Sei es bei den Wahlen in Ägypten oder bei Koran-Verteilungen in Deutschland und Österreich: Immer öfter liest man in den Medien von "Salafisten". Was ist Salafismus eigentlich und woher kommt dieser Begriff?

Baehr: Der Begriff ist im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, weil sich Gelehrte an den strikten Regeln der sogenannten Altvorderen orientierten. Die ersten drei Gründergenerationen des Islams werden als rechtschaffene Altvordere – Salaf as-Salih – bezeichnet. Die Wissenschaft hat diesen Begriff ausgewählt, um das Wort Islamismus zu vermeiden, das zunehmend als aggressiver Begriff verwendet wurde. Salafist ist aber nicht Salafist: Einerseits gibt es die puristischen Bewegungen, die apolitisch sind und keine politische Partizipation wollen. Ab den 60er und 70er Jahren entstanden dann zwei weitere Bewegungen, der politische Salafismus und die militanten Bewegungen des jihadistischen Salafismus, die sich zum Beispiel an Al-Kaida orientieren.

derStandard.at: Salafisten bezeichnen sich aber nicht selbst so?

Baehr: Nein, sie bezeichnen sich selbst nicht so, sie lehnen die Begriffe Salafismus und Jihadismus für sich als Selbstbezeichnung ab. Bei einem kurzen Gespräch mit einem Jihadisten sagte mir dieser: "Ich bin kein Jihadist, ich bin Muslim!" Diese Leute glauben, sie seien die einzig wahren Muslime, die auch die Deutungshoheit über den Islam haben. Diese Leute verstehen unter Islam und Muslimen etwas vollkommen anderes als die breite Öffentlichkeit. Salafisten und Jihadisten meinen, dass nur jene, die den Altvorderen folgen, Muslime seien. Alle anderen sind in ihren Augen Ungläubige. Wenn man dieser Logik folgt, sehen sie 95 Prozent der Muslime als Ungläubige an. Für Jihadisten ist Saudi-Arabien auch kein islamischer Staat, nur die Taliban-Herrschaft in Afghanistan sehen sie als solchen an.

derStandard.at: Sind denn alle Salafisten militant und gefährlich?

Baehr: Nein, puristische Salafisten, also jene, die apolitisch sind, stellen keine direkte Bedrohung dar. Diese Leute werden keine terroristischen Aktivitäten umsetzen. Das Problem ist, dass sie teilweise als Brücke zu militanteren Gruppen fungieren: Zum Beispiel gibt es in Wuppertal einen salafistischen Imam, der klar gegen Jihadismus auftritt. Das Problem ist allerdings, dass einige junge Leute sich gerade in dieser Moschee weiter radikalisierten. Emrah Erdogan, der im Frühjahr 2010 nach Waziristan (Bergregion im Nordwesten Pakistans, Anm.) reiste und sich dort einer jihadistischen Gruppe anschloss, besuchte diese Moschee. Der Beginn seiner Radikalisierung fand dort statt. Das heißt, die Übergänge zwischen apolitischem Salafismus und militantem Jihadismus sind fließend.

derStandard.at: Vor einigen Jahren war das Wort "Salafismus" in der Öffentlichkeit unbekannt, heute liest man es in fast allen Zeitungen. Kennen die Medien die Bedeutung und Herkunft dieses Begriffes überhaupt?

Baehr: Es kann sein, dass es ein Modebegriff geworden ist. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass speziell die Sicherheitsbehörden in Deutschland einige Aufsätze zu dem Thema veröffentlicht haben, in denen sie den Begriff "Salafismus" benutzen. Die Journalisten haben den Begriff dann übernommen. Das Problem ist, dass oftmals nicht verstanden wird, was damit genau gemeint ist.

derStandard.at: Die Koran-Verteilaktion hat für viel Aufsehen gesorgt. Die Organisatoren sagen, sie wollen, dass in jedem deutschen Haushalt ein Koran-Exemplar steht. Ist das tatsächlich das Ziel?

Baehr: Die Organisatoren haben natürlich maßlos übertrieben, dass sie 25 Millionen Exemplare verteilen wollen. Dadurch wollten sie nur mediale Aufmerksamkeit erhalten. Sie wollen Überreaktionen provozieren, damit sie medienwirksam auftreten können. Eine solche Überreaktion wäre zum Beispiel, eine erneute Kampagne von Mohammed-Karikaturen in der Öffentlichkeit. Als hätten sie es gewusst, ist genau das bei zwei Demonstrationen von Pro-NRW (rechtsextreme Splitterpartei in Nordrhein-Westfalen, Anm.) auch tatsächlich passiert. Das eigentliche Ziel dieser Koran-Verteilung war genau solche Überreaktionen zu provozieren.

derStandard.at: Das Medienecho auf die Aktion war enorm, sogar in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" war ein Artikel mit der Überschrift "Löwen ziehen in die Schlacht" zu lesen, andere schreiben von "Religionskrieg". Haben sich die Medien von den Salafisten instrumentalisieren lassen?

Baehr: Nach den Demonstrationen in Bonn definitiv, da haben sie sich eindeutig einspannen lassen. Das Problem ist nicht, dass die Medien darüber berichten – das ist ja ihre Pflicht. Vielmehr geht es darum, wie sie es machen. Politiker und Medien wissen nicht, was das eigentliche Ziel dieser Aktion ist.

derStandard.at: Wie viele Salafisten gibt es in Deutschland?

Baehr: Die Sicherheitsbehörden sprechen von 4.000 bis 5.000 Salafisten, einschließlich militanter Jihadisten. Ich halte diese Zahlen für ausgesprochen gewagt, weil ich glaube, dass es vor allem deutlich mehr Jihadisten gibt. Die Anhänger von "Die Wahre Religion" (Gruppe, die Koran-Verteilung organisiert, Anm.) sind für mich eindeutig dem jihadistischen Milieu zuzuorden und daher schätze ich, dass es bis zu 1.000 Jihadisten in Deutschland gibt.

derStandard.at: Bei diesen Gruppen fällt auf, dass es vor allem junge Menschen sind, die mitmachen. Warum ist das so? Wie gelingt ihnen das?

Baehr: Einerseits hat das sicherlich mit der professionellen Internet-Propaganda dieser Bewegungen zu tun: Jugendliche, die in einer Identitätskrise sind und den Sinn im Leben suchen, sind anfällig für eine solche Ideologie. Sie geben bei Google "Islam" ein und gelangen auf eine salafistische Webseite. Als drittes oder viertes Suchergebnis tauchen bereits Seiten auf, die leider keine Information über den Islam vermitteln, sondern salafistische Hasstiraden. Viele Jugendliche denken teilweise tatsächlich, dass es sich bei den Salafisten um eine normale islamische Gruppe handeln würde. Dass Muslimverbände das vollkommen vernachlässigt haben, tut ihr Übriges. Weitere wichtige Elemente sind die Anziehungskraft und das Gemeinschaftsgefühl. Der Staat sei gegen die Muslime – dieses Gefühl versuchen die salafistischen Gruppen ganz gezielt auszunutzen.

derStandard.at: Die Webseiten dieser salafistischen Gruppen im deutschsprachigen Raum haben starke Ähnlichkeit mit jenen in Großbritannien. Agiert die Szene isoliert oder ist sie international gut vernetzt – und wenn ja, wie?

Baehr: Es muss eine Vernetzung zwischen deutschen und britischen Jihadisten geben, weil die deutschen Internetseiten mit Seiten aus Großbritannien fast identisch sind. Deutschen Experten fiel auf, dass es zudem einen starken Einfluss von in Österreich lebenden jihadistischen Propagandisten gibt. Die deutschsprachige jihadistische Propaganda fing 2005 in Österreich an und ist dann erst nach Deutschland übergeschwappt. Seit rund zwei Jahren ist auch eine sehr starke Vernetzung von deutschen Jihadisten nach Großbritannien vorhanden.

derStandard.at: Haben die Behörden in Deutschland auf die Eskalation von Solingen und Bonn richtig reagiert?

Baehr: Nein. Die Sicherheitsbehörden in Deutschland handeln nur reaktiv. Erst wenn es zu einer Eskalation kommt, neigen Behörden und Politik zu reagieren. Die politische Elite will irgendwelche Maßnahmen umsetzen, weiß aber nicht genau, wie sie handeln soll. Sie versucht das Problem zu lösen, indem sie Menschen ausweist. Extremistische Ausschreitungen kann ich nicht dadurch lösen, indem ich Menschen aus Deutschland ausweise. Auch ein Verbot wird nichts bringen, da es bereits in Großbritannien zahlreiche Verbote gegeben hat und trotz allem neue Gruppen entstanden. Wenn man solche Gruppen verbietet, wird es unmittelbar danach drei, vier neue geben.

derStandard.at: Wie soll man aber mit diesen Gruppen umgehen?

Baehr: Im Grunde müsste ein Plan ausgearbeitet werden, wie man mit salafistischen Bewegungen umgeht, deren Ziel es ist, eine Überreaktion von Seiten der Rechtspopulisten, Politiker oder Medien zu provozieren. Sie erhoffen sich durch die Überreaktion, dem muslimischen Teil der Gesellschaft zu beweisen, dass die Mehrheitsgesellschaft islamfeindlich ist. Eines der wichtigsten Ziele dieser Gruppen ist es daher, sich als Opfer in der Öffentlichkeit darzustellen, um damit Jugendliche anzulocken, die in irgendeiner Weise diskriminiert wurden. Und wenn ich weiß, dass das ihr Ziel ist, muss ich aufpassen, wie ich darauf reagiere. (Stefan Binder, derStandard.at, 11.5.2012)


Zur Person

Dirk Baehr ist Politikwissenschaftler und schreibt derzeit seine Dissertation über die Delegitimierung der jihadistischen Ideologie als Deradikalisierungsstrategie. Er arbeitet als freier Publizist und betreibt den Blog Jihadi-Salafismus.

Literaturtipps

Dirk Baehr: Kontinuität und Wandel in der Ideologie des Jihadi-Salafismus. Bouvier Verlag, 2009.

Dirk Baehr: Der deutsche Salafismus – Vom puristisch-salafistischen Denken eines Hasan Dabbaghs bis zum jihadistischen Salafismus von Eric Breininger. Grin-Verlag, 2011.

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    Islamische Fundamentalisten demonstrierten Anfang Mai in Solingen gegen eine Veranstaltung von Pro NRW. Angehörige der Salafisten hatten während der Demonstration gegen die rechtsextreme Splitterpartei die Polizei angegriffen, drei Polizisten wurden verletzt.

  • Dirk Baehr: Für Jihadisten ist Saudi-Arabien auch kein islamischer Staat, nur die 
Taliban-Herrschaft in Afghanistan sehen sie als solchen an.
    foto: privat

    Dirk Baehr: Für Jihadisten ist Saudi-Arabien auch kein islamischer Staat, nur die Taliban-Herrschaft in Afghanistan sehen sie als solchen an.

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