Rüstzeug für die Endzeit

Anne Katrin Feßler, 10. Mai 2012, 12:43
  • Eine leckgeschlagene Schlauchboot-Titanic: Das Kunstfestival Soho in Ottakring führt auf "Unsicheres Terrain".
    foto: kristina erdei

    Eine leckgeschlagene Schlauchboot-Titanic: Das Kunstfestival Soho in Ottakring führt auf "Unsicheres Terrain".

Das Wiener Kunstfestival Soho in Ottakring lockt auf "Unsicheres Terrain". Krisen machen erfinderisch, werden von Umbrüchen, allerdings nicht nur positiven, gefolgt

Ein Ausblick auf das diesjährige Programm.

Wien - Hochsaison am Ferienort, alle Hotels voll. So was kann schon einmal zu einer Nacht im Auto oder auf der Bank im Park führen. Wer allerdings in Wien auf einer Parkbank nächtigt, hat ganz andere Probleme als ein überbuchtes Gästehaus. Wie fühlt sich das an, mitten im Häusermeer sein Nachtlager aufzuschlagen?

Prekäre Erfahrungen dieser Art vermittelt das Projekt Die sichere Bank von Sylvia Winkler und Stephan Köperl für Soho in Ottakring. Unsicheres Terrain betreten Interessierte dabei nur bedingt: ein Sicherheitsdienst überwacht die Schläfer. Kunstprojekte sind zwar geschützte Zellen, öffnen aber Reflexionsräume, etwa zum Nachdenken über den Verlust öffentlichen und privaten Wohlstands, vermitteln unmittelbare Erlebnisse, finden Bilder für schnöde politische Theorien.

Auf "Unsicheres Terrain" führt auch das nunmehr biennal stattfindende Wiener Kunstfestival Soho in Ottakring. Mit gewohnt gesellschaftspolitischem Fokus und vor dem Hintergrund von Finanz- und Umweltkatastrophen sowie "kläglich versandenden Revolutionen" zielt man auf das Ende gewohnter Sicherheiten ab. Wohin geht unsere Reise? Abwärts - das symbolisiert die klägliche Schiffshavarie am Festivalplakat, eine Art leckgeschlagene Schlauchboot-Titanic.

"Ein unsicheres Terrain hat auch Vorteile", sagt Wolfgang Schneider, neben Beatrix Zobl und Ula Schneider einer der Festivalleiter von Soho. Die dem Umbruch vorausgehende Endphase sei eben auch eine irrsinnig spannende Zeit, selbst wenn man noch nicht wisse, wohin es gehe. Selbst die Politik stehe an. "Mehr als bewahren und die Rezepte des 20. Jahrhunderts neu aufzulegen, hört man politisch nicht.

Wieder einmal ist die Kunst der Ort, wo man der Lethargie trotzt, wo mögliche Antworten auf gegenwärtige Krisen durchgespielt werden. Zum Beispiel in der Neuen (schönen) Steinzeit von Götz Bury, in dessen Szenario etwa Überproduktion mittels Einweg-Mischbrotschuhen abgetragen wird und in Seminaren und Shops das Rüstzeug für die Endzeit wartet. Leere Lokale - lokale Leere diskutiert die Folgen der Marktliberalisierung vor Ort, also dort, wo sie sich auch auswirken. Den Umbruchshorizont öffnet die Filmreihe Post-Apocalypse Non-Stop im Admiralkino.

Trotzdem, so Beatrix Zobl, sei die Politik für Veränderung zuständig und kann das nicht an Kunstaktionen auslagern. "Kunst kann anregen, begleiten, kritisieren, notfalls verhindern. Sie ist aber nicht zur Auflösung aller Antagonismen da. So war das nicht gemeint mit Kunst im sozialen Raum."

Trotz Ottakringer Basis ist Soho ein Kunst- und kein Stadtteilprojekt. Bereits im diskursiven Zwischenjahr hat man die Bezirksgrenzen verlassen. Die Soho-Festivalsatelliten kreisen in Hernals, Neubau und Fünfhaus. Soho wurde in den vergangen Jahren allzu gerne als positives Beispiel für Stadtentwicklungspolitik herangezogen. Freilich hat sich Soho positiv auf das Brunnenviertel ausgewirkt, hat mitgeholfen, Sichtweisen auf das als "Slum" verunglimpfte Viertel zu ändern.

"Unsicheres Terrain" benennt leider auch die Situation von Soho selbst. Schneider: "Im eigenen Krisenhandling kennen wir uns mittlerweile gut aus." Mit 120.000 Euro (97.000 Euro öffentliche Förderungen) schupft man das Festival. "Vergleichbare Festivals haben ein Budget von 500.000 Euro zur Verfügung." Das tatsächliche Leistungsvolumen (Sachleistung und unbezahlte Arbeit eingerechnet) beträgt rund 390.000 Euro, also mehr als dreimal so viel. "Man muss nicht viel Ahnung von Betriebswirtschaft haben, um zu verstehen, dass sich das - bei aller Liebe und allem Engagement - auf Dauer nicht ausgehen kann."  (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 11.5.2012)

12. bis 26. Mai

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16 Postings

seitenverkehrt

Diese Rechnung würde ich gerne aufgeschlüsselt sehen.
Sach- und Eigenleistungen (Personal) von 390.000.-
Klingt nicht sehr effizient in der Projektumsetzung. Wie viel man power da rein geht, hängt auch von Euch ab.
Jammern können wir alle, aber: ES WIRD IN DEN NÄCHSTEN JAHREN NICHT MEHR!
Daher eher gesundschrumpfen als selbstausbeuten.

"Unsicheres Terrain".

Wien ist ein unsicheres Terrain.
http://wp.me/ppWn1-11

unterfinanziert...

ist dasselbe. die salzburger festspiele dagegen überlegen jetzt mal gemütlich, ob sie eine bilanz legen oder nicht. für basiskultur bleibt da halt weniger.

die frage ist schon, warum man sich selbst ausbeutet. wenn das budget nicht ausreicht, warum macht man dann nicht weniger?

sinkendes schiff? - wenn man die planken anbohrt garantiert.

gratulation, liebe soho-organisatoren.

nachdem ihr euch jahrelang indirekt vor den karren der immobilien-entwickler habt spannen lassen, wundert ihr euch, dass auf einmal alles ein wenig "unsicher" wird.
glückwunsch zu soviel scharfsinn und voraussicht.

aber natürlich machts ja sicher spass mal alle paar jahre irrelevanten krams aufzuhängen. ein paar tage ein paar leuten erzählen zu können man ist künstler und hat grad ein urspannendes projekt. und mit einem körberlgeld bis zum nächsten förderungspool über die runden kommen. nur nicht zu kritisch.

wie traurig!

ihr sägt am ast auf dem ihr sitzt. und alle anderen fallen mit herunter. aber danach könnt ihr dann ja in den 17ten weiterziehen. sehr gesellschaftsrelevant. danke aus ottakring!

Schwachsinn pur, was Sie da schreiben.

hohoho soho....

Wohnung zu teuer geworden?
Am "großen Förderkuchen" nicht mit naschen dürfen?
Oder viele Verbesserungsvorschläge in der Tasche (aber leider noch nicht kundgetan...)
Oder einfach nur gehässig?

Lieber Gruß nach Ottakring!

entschuldigung, aber ich halte das nicht für schwachsinn.

ich wohne seit 10 jahren im 16. und habe so eine zeitlang die entwicklung miterleben können.

und: nein - ich bin in nicht in der "kunstszene" tätig und bin und wohne zufrieden. ebrenfalls habe ich einblick in qualitativere bereiche. (>angewandte etc.)

es ist nicht von der hand zu weisen, dass das soho zwar nette aspekte hat bzgl. temporärer anrainer-projekte und die "leute mal auf die strasse bringen" etc.
aber es ist deutlich, dass vieles den geruch hat von "hauptsache wir bekommen eine leute zusammen, die irgendwas machen". und das in zusammenhang mit der gezielten "aufwertung" des viertels als "künstlerbezirk" und "hipp".

somit führen die "netten diversity-projekte" indirekt zur gentrifizierung und den einschlägigen folgen daraus.

Wir Wiener

leben, was Phänomene wie "Gentrifizierung" betrifft, in einer - gemessen an Städten wie London oder New York - komplett schaumgebremsten Zone. In Ottakring von "Gentrifzierung" zu sprechen, hat an sich schon etwas Absurdes.
Außerdem sollte man sich irgendwann den Reflex abgewöhnen, immer auf Künstler hinzuhauen. Sie sind - unabhängig vom Niveau ihrer Arbeiten - meist das schwächste Glied in der Kette (finanziell, sozial). Gerade jemand, dem es um "Gentrifizierung" geht, sollte das berücksichtigen.

1. "haue ich nicht auf künstler hin",
sondern sage ich finde es absurd, dass sich da ein grüppchen vereint, das sich angeblich reflektiert und kritisch mit "lebenswelten" beschäftigt..

was das soho aber inhaltlich durch partiellen dilettantismus, durch "nettigkeit" und eine gewisse belanglosigkeit sehr unrelevant erscheinen lässt.

eine perspektive von aussen und meinung = "hinhauen"...?

2. hat man nach 10 jahren schon ein gutes gefühl wie sich ein grätzel entwickelt. auch in vergleich mit anderen stadtvierteln.

vergleiche mit ny & london sind lächerlich.
da könnt ich ja auch sagen in st.pölten ist es nicht schlimmer als in wien.

soho ist für mich nichts als marketing-gag und immo-anlockerei. ansonsten passiert hier nicht viel.

da ich ihre posts gut finde,möchte ich folgendes zu ihren 10 Jahren in ottakring hinzufügen.

ich bin ottakringer- echter ottakringer, aber was heißt des heute schon im globalen mischmasch- derf ma heut no irgendwas sein, was man als echt bezeichnen kann, um nur ja niemand zu störren. ottakring hat sich definitiv verändert, aber ich kann ihnen sagen, nicht im positiven, wer ottakring so kennt, wie es einmal war(und da mein ich nicht die 60er) und heute den zustand sieht und welche AKTIONEN gestarte werden, von den verursachern, kann des einfach nicht ernst nehmen, soho bringt keine geschäfte zurück, soho renoviert keine häuser und denkmalgeschützten bauten wenn es not tut und nicht zeiten später wo alles schon abgerissen werden muss ist, soho ist überflüssig und peinlich! soho ist politik e. genauso peinlichen roten stadtregierung

Sorry, aber

einige Wendungen ihres Ausgangspostings hören sich definitiv nicht nach einer sachlichen "Perspektive von aussen" an.
Ausserdem macht ein "Grätzel" noch lange keine Gentrifizierung; und in vielem lässt sich Wien tatsächlich eher mit St. Pölten als mit NY vergleichen. ;)

eine frage

wer fördert dieses soho eigentlich?, ist es nicht die spö , die "partei der arbeiter" und "sozialisten"?

insofern blablabla , gesponsert von?

künstler die von problemen der menschen in ö keine ahnung haben, aber es passt halt so schön ins gesamtkonzept und die beziehungen ham ma ja, also wieso ned a bisl revolutser spielen und sich wichtig machen.......speib.

ich red da nicht von den wirklich krativen köpfen und engierten die gute EIGENE ideen haben, sondern vom tross der zukünftig bezahlten staatskünstler und kopisten für soziale themen.......rüüüülpppssss

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