"Für Russlands Luftfahrt wird es schwieriger"

Interview10. Mai 2012, 14:44
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Luftfahrtexperte Kurt Hofmann über Ursachen und Konsequenzen aus dem Absturz des russischen Prestigeobjekts Superjet 100

Bei einem Demonstrationsflug in Indonesien ist am Mittwoch Russlands modernster Jet an einem Vulkan zerschellt. Der Superjet 100 des russischen Flugzeugherstellers Suchoi ist die erste Passagiermaschine, die in Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion entwickelt wurde. Am Donnerstag wurden an der Absturzstelle südlich von Jakarta Wrackteile und Leichen gefunden. Die Absturzursache sowie die Anzahl der Insassen sind noch ungeklärt. Der österreichische Luftfahrtexperte Kurt Hofmann erklärt im Gespräch mit derStandard.at, welche Auswirkungen der Unfall auf die russische Luftfahrt hat.

derStandard.at: Liegen die Gründe für den Unfall Ihrer Einschätzung nach eher in einem technischen oder einem menschlichen Versagen?

Hofmann: Nach dem momentanen Informationsstand und aus unserer Distanz ist das schwer zu beurteilen. Einen Pilotenfehler kann man aber nicht ausschließen. Gerade solche Demonstrationsflüge sind öfter mit speziellen Flugmanövern verbunden. Es kann sein, dass das Gebiet für den Piloten unbekannt war und er die Lage nicht richtig eingeschätzt hat. Aber auch ein technisches Gebrechen könnte eine Rolle gespielt haben.

derStandard.at: Kann der Superjet 100 mit einem europäischen Flugzeug verglichen werden?

Hofmann: Russland versucht seit Jahren, in der internationalen Flugzeugherstellerindustrie Anschluss zu finden und sein Image diesbezüglich wieder aufzupolieren. Dafür wurde in den vergangenen Jahren viel Geld investiert. Der Superjet 100 ist ein ziemlich westliches Flugzeug, produziert in Russland. Es hat gute Chancen, sich zu etablieren, auch weil es kostengünstiger ist. Bei der russischen Fluglinie Aeroflot sind bereits mehrere Superjets 100 im Einsatz. Umso bedauerlicher, dass dieses Unglück passiert ist. Für das Produkt ist das sehr schlecht.

derStandard.at: Wie kann ein Flugzeug einfach vom Radarschirm verschwinden?

Hofmann: War es eventuell Übermut oder ein technischer Defekt? Das ist im Moment die große Frage. Grundsätzlich ist der Superjet 100 genau wie andere Flugzeuge mit einem Kollisionswarnsystem ausgestattet.

derStandard.at: Wieso, denken Sie, wurde die Passagierliste noch nicht veröffentlicht?

Hofmann: In der indonesischen Lufftfahrt sind in den vergangenen Jahren viele Unfälle passiert. Deswegen hat die indonesische Regierung strikte Regeln in diesem Bereich eingeführt. Daher ist das eine indonesische Angelegenheit. Es waren aber bestimmt zahlreiche VIPs aus der Luftfahrtbranche an Bord.

derStandard.at: Denken Sie, dass dieser Vorfall ein allgemeiner Rückschlag für die russische Flugzeugindustrie ist?

Hofmann: Auf jeden Fall fördert er das Image der russischen Luftfahrt nicht. Der Superjet 100 hat als Flugzeug auf jeden Fall seine Daseinsberechtigung. Gerade wollte man das Flugzeug am Markt platzieren. Das Unglück ist also zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt passiert. Potenzielle Kunden werden jetzt erst einmal abwarten, was der Grund für das Unglück war. Die Bestellungen werden dadurch auf jeden Fall hinausgezögert. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 10.5.2012)

Kurt Hofmann ist freiberuflicher Luftfahrt Journalist und lebt in Schörfling am Attersee. In seinem Unternehmen Hofmann Aviation Consulting werden Unternehmungen wie Fluglinien und Flugzeughersteller sowie Medien beraten. Zudem werden seit 2007 Analysen und Einschätzungen von Märkten und Entwicklungen neuer Tendenzen in der Luftfahrt für internationale Auftraggeber erstellt.

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    Die Crew vor dem Start des verunglückten Superjet 100.

  • Laut dem österreichischen Luftfahrtexperten Kurt Hofmann ist der Superjet 100 auf dem technischen Stand eines westlichen Flugzeugs.
    foto: hofmann

    Laut dem österreichischen Luftfahrtexperten Kurt Hofmann ist der Superjet 100 auf dem technischen Stand eines westlichen Flugzeugs.

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    Bei der russischen Fluglinie Aeroflot sind mehrere Flugzeuge des Typs Superjet 100 im Einsatz.

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