Elisabeth Gehrer wird 70

10. Mai 2012, 12:20
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Fast zwölf Jahre war die resolute Politikerin in der Regierung: "Jemand, der von allen geliebt werden will, darf nicht in die Politik gehen" - Ziel war mehr Autonomie für Schulen und Unis

Wien - Elf Jahre und acht Monate saß Elisabeth Gehrer für die ÖVP in der Regierung, als zuständige Ministerin für die ideologischen Schlachtfelder Unterricht und Wissenschaft waren sie und ihr Ressort über Jahre Hauptangriffsflanken der Opposition. Das Bollwerk Gehrer überstand die Angriffe - trotz unpopulärer Maßnahmen wie der Einführung der Studiengebühren - vorerst unbeschadet. Erst der Saliera-Diebstahl und das schlechte Abschneiden bei der PISA-Studie ließen ihre bis dahin hohen Popularitätswerte in den Keller rasseln. Nach der Nationalratswahl 2006 verkündete Gehrer mit dem Satz "Ich bin keine Sesselkleberin" ihren Rückzug aus der Politik, die sie seither nur noch über die Medien verfolgt. Am Freitag (11. Mai) feiert Gehrer im kleinen Kreis ihren 70. Geburtstag.

Sehnsucht nach der Politik hat die für ihre direkte und resolute Art bekannte ÖVP-Frau nicht, betont sie im APA-Gespräch. Sie sei 20 Jahre im Land Vorarlberg und dann im Bund politisch tätig gewesen, nun sei es Zeit, etwas anderes zu machen. "Wenn man eine Profession abgibt, muss man sie wirklich abgeben. Es macht ja keinen Sinn, von Außen ständig gute Ratschläge zu geben, denn: Jeder Ratschlag ist auch ein Schlag."

Mit ihrer eigenen Arbeit ist Gehrer im Rückblick jedenfalls zufrieden, sie habe "große und intensive Arbeit geleistet", auch wenn man im Nachhinein immer Verbesserungsmöglichkeiten sehe. "Ich habe immer versucht, viele einzubinden und dann eine Entscheidung zu fällen." Dafür brauche es eine gewisse Kompromisslosigkeit, betont Gehrer mit Verweis auf die Proteste bei der Einführung der Studiengebühren 2001. "Man kann nicht alles im hundertprozentigen Einvernehmen mit allen Betroffenen machen. Jemand, der von allen geliebt werden will, darf nicht in die Politik gehen."

Von 1995 bis 2006 Ministerin

Gehrer wurde am 11. Mai 1942 in Wien geboren, 1949 übersiedelte sie mit ihrer Familie nach Innsbruck. Nach Abschluss des Gymnasiums und der dortigen Lehrerbildungsanstalt unterrichtete sie von 1961 bis 1964 in Hart im Zillertal. Nach ihrer Heirat 1964 ging Gehrer nach Bregenz und unterrichtete zwei Jahre in Lochau.

Ihre politische Laufbahn begann Gehrer 1980 in Bregenz als Stadträtin für Musik und regionale Zusammenarbeit, 1981 übernahm sie den Vorsitz der Regionalplanungsgemeinschaft Bodensee. 1983 wurde Gehrer Ortsobfrau der Frauenbewegung in Bregenz, 1984 zog sie bereits in den Landtag ein, zu dessen Vizepräsidentin sie 1989 gewählt wurde. 1990 wurde Gehrer als erste Frau Mitglied der Vorarlberger Landesregierung, in der sie u.a. für die Bereiche Schule, Wissenschaft, Familie und Entwicklungshilfe zuständig war. In ihre Amtszeit fiel auch der Start der österreichweit ersten Fachhochschule im Ländle.

1995 holte der damalige VP-Vizekanzler Wolfgang Schüssel Gehrer als Nachfolgerin von Unterrichtsminister Erhard Busek in sein Regierungsteam. Im Herbst des selben Jahres wurde sie zur stellvertretenden Obfrau des ÖAAB gewählt, 1999 avancierte Gehrer außerdem zur stellvertretenden ÖVP-Chefin. Mit dem Amtsantritt der ÖVP-FPÖ-Koalition im Februar 2000 bekam sie auch die Wissenschafts-Agenden übertragen und führte dann das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Gehrer galt als enge und sehr loyale Vertraute des nunmehrigen Bundeskanzlers Schüssel.

"Kinder statt Party"

Übergeordnetes politisches Ziel Gehrers als Ministerin war es, den Bildungseinrichtungen mehr Autonomie zu geben. Das damit verbundene Mehr an Verantwortung sei allerdings nicht immer auf Gegenliebe gestoßen. "Wenn ich eine sture Vorschrift mache, ist das für manche feiner, weil dann kann man sich immer auf das blöde Ministerium ausreden." In die fast zwölfjährige Ministertätigkeit Gehrers fielen unter anderem die Ausweitung der Schulautonomie, die Einführung eines Frühwarnsystems für schlechte Schülerleistungen sowie des Englisch-Unterrichts ab der 1. Klasse Volksschule, neue Dienstrechte für Pflichtschul- und Uni-Lehrer, die Überführung der Bundesmuseen in die Vollrechtsfähigkeit, das Rückgabegesetz für die Restitution von Raubkunst, die Einführung von Studiengebühren, das Universitäts-Gesetz 2002, mit dem die Hochschulen aus der Bundesverwaltung ausgegliedert wurden, die Streichung von Schulstunden, die 2003 zu einem Streik der AHS-Lehrer führte, der Fall der Zwei-Drittel-Mehrheit für Schulgesetze sowie die Umwandlung der Pädagogischen Akademien in Hochschulen.

Kam Gehrer laut APA/OGM-Vertrauensindex noch zu Beginn der 2003 gestarteten Legislaturperiode gut bei der Bevölkerung an, rasselten ihre Werte bis 2006 von plus 30 auf minus 30 Prozent hinunter. Einen ersten Absturz auf minus 15 Prozent provozierte sie mit ihrem legendären Ausspruch im Sommer 2003 - die heutige Generation "rausche von Party zu Party", statt Kinder in die Welt zu setzen. Es folgten das schlechte Abschneiden Österreichs bei der PISA-Studie 2003, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zum Hochschulzugang für EU-Studenten in Österreich mitsamt der Einführung von Zugangsbeschränkungen für acht Fächer an den Universitäten, der Diebstahl der "Saliera" aus dem Kunsthistorischen Museum im Mai 2003 und deren Wiederfinden sowie das mehrjährige Verfahren um die Klimt-Bilder, das Österreich 2006 verlor. (APA, 10.5.2012)

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