Elektroauto im Test: "Sie werden Ihr Ziel nicht erreichen"

Blog10. Mai 2012, 10:06
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Wie Vergesslichkeit zu akutem Saftmangel führt - und eine mögliche Lösung

Kürzlich wurden bei einer Ausfahrt zu einer Sonnenstrom-Präsentation wieder einmal Elektroautos unterschiedlichster Art getestet. Jenes Gefährt, das ich lenken durfte, war wohl das spannendste der kleinen Flotte. Schon beim Einsteigen wurde ich vom Organisator gewarnt: "Der Besitzer dieses Autos hat letzte Nacht vergessen, es aufzuladen. Ich hab's noch ein paar Stunden angehängt - es müsste sich ausgehen."

Das Navi zeigt an: Es sind 33 Kilometer bis zum Zielort. Die Anzeige zum Batteriezustand gibt eine verbleibende Reichweite von 42 Kilometern an. Da heißt's also sicherheitshalber saftsparend fahren. Nicht zu wild reintreten, ruhig und nicht hektisch unterwegs sein.

Zunächst einmal der Stop-and-go-Verkehr im Innerstädtischen. Da schmilzt die Reichweiten-Reserve auch schon dahin. Nicht wirklich beängstigend, aber doch. Bald sind es nur noch acht Kilometer, dann siebeneinhalb.

Jetzt nur kein Stau

Sobald die Südosttangente erreicht ist, geht es aber flüssiger dahin - und schon wächst die Reichweite wieder an. Aber jetzt ein Stau, und wir hätten ein ziemliches Problem. Nicht beim Stehen, denn da saftelt das Gefährt eh nicht, aber eben durch das ständige Anfahren und Stehenbleiben. Die Energie-Rückgewinnung beim Bremsen macht den Unterschied bei weitem nicht wett.

Wir haben aber wie gesagt Glück und freie Fahrt. Und dann kommt der Übermut. Jetzt will ich's wissen - und schalte die Klimaanlage ein. Es braucht nur den Bruchteil einer Sekunde, bis die interne Energiekontrolle sichtlich ins virtuelle Schwitzen kommt: "Sie werden Ihr Ziel nicht erreichen!", werden wir gewarnt und dringend zum Aufladen beziehungsweise zur Reduktion des Energieverbrauchs aufgefordert. 

Die Klimatisierung wurde eh gleich wieder außer Betrieb genommen, die Fenster geöffnet - und das Ziel sicher erreicht. 

Das andere Gefährt

Und jetzt die Frage: Ist das Ding also eine unausgereifte Technologie? Die Antwort lautet trotzdem: nicht wirklich. Zumindest nicht, was diese Frage betrifft. Denn:

a) Aufs Tanken zu vergessen kommt auch bei herkömmlichen Kfz nicht rasend gut an. Zugegeben: Es ist im Fall des Falles auch ein bisserl leichter, einen Kanister Sprit von der nächsten Tankstelle zu holen, als eine Batterie aufzuladen. Und:

b) Am Zielort probieren wir dann noch ein anderes Gefährt aus: den Opel Ampera, der im Schnitt bis zu 60 Kilometer rein elektrisch fährt - und bei längeren Strecken oder im Notfall dann einfach den Range Extender zuschaltet. Einen Verbrennungsmotor, der den Saft für den Elektromotor liefert. Städtische Automobilisten mögen sich selbst ehrlich befragen, wie oft sie pro Tag längere Strecken als 60 Kilometer zurücklegen. Die Hersteller raten jedenfalls, den Sprittank wenigstens einmal pro Jahr sicherheitshalber leer zu fahren. Warum wohl? (Roman David-Freihsl, derStandard.at, 10.5.2012)

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    Warum das Elektroauto doch keine unausgereifte Technologie ist.

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