Österreich und die Erinnerung an das Böse

Analyse | Paul Lendvai, 9. Mai 2012, 20:02
  • "Lanze für Österreich", eingebettet in ein flammendes Plädoyer für Europa: Paul Lendvai bei seiner Festrede.
    foto: ronald zak/dapd

    "Lanze für Österreich", eingebettet in ein flammendes Plädoyer für Europa: Paul Lendvai bei seiner Festrede.

Auszug aus der Rede von Paul Lendvai zum Jahrestag der Befreiung vom NS-Regime

Gerade im Hinblick auf unseren Nachbarn, auf meine (alte) Heimat Ungarn, wo im politischen Diskurs der Hass regiert, wo 67 Jahre nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands Judenhass in radikal-nationalistischen Kreisen als Kavaliersdelikt betrachtet wird, ist es für mich ein Bedürfnis, an dieser Stelle für die österreichische politische und kulturelle Elite, trotz aller sattsam bekannten und diskutierten Schattenseiten, eine Lanze zu brechen.

Der Kompromiss, schrieb der bedeutende deutsche Soziologe Georg Simmel, sei "eine der größten Erfindungen der Menschheit", denn er bildet die Grundlage der Demokratie. Die Idee, keiner könne seine Interessen ganz durchsetzen, jeder müsse Abstriche zugunsten des anderen machen, sorgt in der Tat für den gewaltfreien Ausgleich der Interessen und damit für ein annähernd gerechtes friedliches Zusammenleben. Die Bereitschaft zum Kompromiss war die verbindende Brücke zwischen den Gründungsvätern der Zweiten Republik.

Als Financial Times-Korrespondent hatte ich zum Beispiel auch die damals erbitterten politischen Gegner, den ÖVP-Generalsekretär Hermann Withalm und den SPÖ-Klubobmann Bruno Pittermann, gekannt und beide geschätzt.

Aber erst aus den Memoiren Withalms erfuhr ich, dass der ÖVP Politiker den schwerkranken Pittermann jede Woche im Spital besuchte: "Was wir alle miteinander am meisten brauchen" schrieb Withalm, "ist die Toleranz, der Versuch, den anderen zu verstehen, das Miteinander-Reden." Die Kompromissbereitschaft, vor allem die Sozialpartnerschaft, war und bleibt die Grundvoraussetzung für den wirtschaftlichen Aufstieg dieses kleinen und rohstoffarmen Landes.

Der große Prager Dichter Rainer Maria Rilke schrieb 1919: Wunden brauchen Zeit und heilen nicht dadurch, dass man Fahnen in sie einpflanzt. Zum 25. Jahrestag des Staatsvertrages sagte mir Bruno Kreisky in einem Interview für eine Sonderausgabe der Europäischen Rundschau: "Politisch ist der Österreicher ein anderer geworden. Die Art der Auseinandersetzungen, wie wir sie nicht nur in der Republik, sondern auch schon in der Monarchie hatten, diese hasserfüllten Auseinandersetzungen zwischen Lueger und Schönerer, diese hasserfüllten Kämpfe an den Universitäten zwischen jungen Menschen verschiedener Sprache und Religion, das alles ist überwunden, das gibt es nicht mehr, davon will niemand mehr etwas wissen. Und das zeigt doch eine gewisse Größe, so einer Art stille Größe, wenn ich sagen darf, dass der Österreicher eben aus der Geschichte gelernt hat, hoffentlich für längere Zeit."

Bei allem berechtigten Unbehagen über die Versäumnisse der Nachkriegszeit und manche Rückfälle im Umgang mit dem NS-Regime gibt es in Wirklichkeit auch in dieser Hinsicht eine positive Österreich-Bilanz, vor allem seit den bahnbrechenden Erklärungen Bundeskanzler Vranitzkys (1991 und 1993) über Österreichs Mitverantwortung und seit dem von der schwarz-blauen Regierung unter der Federführung von Bundeskanzler Schüssel 2000-2001 beschlossenen und von allen Parteien mitgetragenen internationalen Abkommen über die Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter und Holocaust-Opfer.

Es gibt nach wie vor laut jüngsten Umfragen natürlich auch in Österreich Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Vorurteile gegen Muslime. Aber - und das ist der springende Punkt - alle politischen Parteien lehnen (zumindest) öffentlich und offiziell (unabhängig von unerträglichen Handlungen, unzulässigen Erklärungen mancher Politiker) im Gegensatz zu Ungarn die Dämonen der Vergangenheit ab. Dazu trugen stets die klare Haltung der katholischen und protestantischen Kirchen ebenso bei wie die schnellen und unmissverständlichen Stellungnahmen der meisten Medien gegen rechtsradikale Tendenzen. - "Die Erinnerung an das Böse soll der Schutzschild gegen das Böse sein" sagte Bundespräsident Heinz Fischer vor sieben Jahren in einer Ansprache in Mauthausen ...

Ich darf zum Schluss die Maxime des großen österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper zitieren: "Die offene Zukunft enthält unabsehbare und moralisch gänzlich verschiedene Möglichkeiten. Deshalb darf unsere Grundeinstellung nicht von der Frage beherrscht sein: ,Was wird kommen?', sondern von der Frage: 'Was sollen wir tun?' Tun, um womöglich die Welt ein wenig besser zu machen." (Paul Lendvai, DER STANDARD, 10.5.2012)

Die Rede wurde am 8. Mai 2012 bei der Regierungsfeier im Bundeskanzleramt gehalten.

Autor

Paul Lendvai ist Osteuropa-Experte des ORF und STANDARD-Kolumnist.

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oje.

Was Paul Lendvai sagt, ist vernünftig und sinnvoll
ABER
es provoziert den sofortigen (inneren, stillen) Widerspruch all derer, die zb "Gutmenschen" (als Hasswort) im Alltagsprech vor sich her rülpsen
UND
diese (wie gesagt: vernünftige) Einstellung, gibt es immer nur unmittelbar nach Exzessen der Gewalt (Gesamteuropa 1945, Kroatien/Serbien 1995) und dann nur 5-10 Jahre als Mehrheit.

Und es wurde ja (gerade in Ö) zur Politpraxis, zuerst Unsinn zu krakeelen und sich dann als "Kompromiss" durchzusetzen ...

Paul Lendvai auf "gut gemeint" zu reduzieren, ist aber auch wieder zu wenig:

Vielleicht trifft es besser, 1.MINIMUM + 2.KOMPROMISS zu postulieren, um den besseren Umgang miteinander zu erreichen, den Paul Lendvai bewirken will

genauer gesagt:

es gibt (ganz wenige) Dinge, die wirklich ALLE wollen, ohne Mehrheitsdiktatur als Demokratie zu bezeichnen und ohne Minderheiten zu überfahren und und und
(
zb alle paar Sekunden zu atmen, alle paar Stunden Wasser in irgendeiner Form aufzunehmen und zu essen, bei Minusgraden spätestens nach ein paar Minuten Kleidung zu brauchen etc.
-- weil man sonst simply krepiert --
)
... und die die Welt nicht wirklich ruinieren, wenn Alle sie haben ...

und es gibt wesentlich mehr Dinge, die VIELE brauchen (oder halt wollen)
(zb railjet, TV, iphone, Lord-of-the-War-Games etc.)
... und die die Welt ganz schön ruinieren aber sowas wie Freiheit und Demokratie fühlen lassen ...

und es gibt Dinge wie Sand am Meer, die sich jeweils nur wenige wünschen

d.h.

mit SINKENDER Notwendigkeit "der Dinge" STEIGEN
a) ihre Anzahl ("es gibt mehr Unnötiges") und
b) die Leute, die sie notfalls mit Gewalt haben wollen

(Vorsicht, Bewertungsproblem: wer soll bewerten ??? da geraten wir schon wieder in einen Totalismus ...)

Bleiben wir aber noch einen Moment weg vom Bewertungsproblem (und damit vom Totalismusproblem)
dann
ist es offensichtlich, dass die (wenigen) Dinge, die ALLE brauchen (siehe oben: Luft, Wasser, ),
GENERELL
(d.h. "gesellschaftlich") als MINIMUM vernünftig sind
*** UND KEINEN KOMPROMISS BRAUCHEN ***
und
dass mit steigender Anzahl der "Unnötigkeit"
a) die Konflikte steigen
b) aber die Anzahl Betroffener sinkt
und Kompromisse in kleineren Gemeinschaften wichtiger werden.

... was im Klartext bedeutet ...

KompromissFORDERUNG (wie es im KommissionsSprech der EU Gewohnheit geworden ist) findet an völlig falscher Stelle statt und fördert Politmissbrauch,
denn
die Bonzengewohnheit (ethische FORDERUNGEN ventilieren, dann als "Kompromiss" eigene MACHTpolitik durchsetzen) führt jedenfalls direkt in neuen Totalismus mit neuer Korruption
und
das dürfte wohl auch einen Teil des vagen Unbehagens mit "den Politikern" hier wie dort ausmachen

(seit sich zb EU nicht mehr in Opposition zu "nationaler" Politik setzt sondern Hyperstaat zu werden versucht).

... wogegen ...
das Denken in der Dimension MINIMUM genau dort verloren geht, wo es am notwendigsten ist
(nämlich "gesellschaftlich" also auf "öffentlicher" und Regierungs- und Legislativer Ebene)

Seit dem Kádár weg ist, ist Ungarn nicht mehr das alte, oder Hr Lendvai.

Lendvai war und ist ein großer Österreicher...

auch wenn er Ungar ist.

etwas offtopic - aber eine (berechtigte) Reaktion auf manche Postings hier.

Ausgewogene Rede?

Auf die Mitschuld von Österreichern hinzuweisen ist ok wenn man gleichzeitig der vielen tausend Österreichern gedenkt, die den Kampf gegen die Naziideologie geführt und mit dem Leben bezahlt haben. Ansonsten sind sie umsonst gestorben und ihr Opfer bei fast aussischtslosen Umständen war vergeblich.

können Sie ...

diese "vielen tausend Österreichern" benennen?

Mir sind nämlich so viele Widerstandskämpfer nicht bekannt.

Altersmild, vielleicht auch pädagogisch ermunternd

Mich wundert, dass Herr Lendvai, der unendlich besser über Ungarn Bescheid weiß als ich, den radikal-nationalisten Kreisen seiner alten Heimat die politisch-kulturelle Elite Österreichs gegenüberstellt. In Ungarn gab es bis 1989/90 eine ungebrochene Tradition des Antisemitismus – wie in anderen ehemaligen Ostblockländern auch. Müsste man nicht zu Vergleichszwecken die Judenfeindlichkeit der österreichischen Elite in den 60er Jahren mit jener Ungarns von heute, 22 Jahre nach der Ausrufung der Republik, abwägen?

1966 wurde Kreisky (nicht nur an den Stammtischen "nationalistischer Kreise"!) im Parlament als "Saujud" tituliert. Die stramme Antisemitenfraktion an den Unis, in Medien, in der Justiz usw. löste erst die Biologie auf.

was soll dieses groteske weisswaschen der österreichischen nachkriegs-politik?

es gab nicht "versäumnisse und manche rückfälle", sondern der österr. nachkriegsumgang mit dem naziterror ist wohl ein lehrbuch, wie man es besser nicht macht. gerade diese sozialpartnerschaftliche mauschelei ist doch ein hauptgrund, warum manche menschen das heutige österreich völlig zu recht als paradies für den braunen bodensatz betrachten. die blau umgefärbten nazis, die im parlament als drittstärkste kraft sitzen und die "stürmer"-artige meistverkaufte tageszeitung legen dafür zeugnis ab. und es ist schon eine ziemliche chuzpe, bestimmte ausnahmeerscheinungen der nachkriegszeit wie die rede von vranitzky 1990 hervorzuheben und über die nazi-kontinuitäten von borodajkewicz über die kreisky-wiesenthal-affäre bis waldheim zu schweigen.

welche nation (ausser D/Ö) hat eine (mit)verschuldete greueltat in derselben generation, oder der danach aufgearbeitet?

Im Ostblock war der Antifaschismus doch nur aufgesetzt. Nicht umsonst kommen die Schlangen gerade im ehemaligen Ostblock wieder aus ihren Löchern.

Das beste Beispiel ist das unterschiedliche Ausmaß rechtsradikaler Aktivitäten in Ost- und Westdeutschland. Wo hat denn die NPD ihre Hochburgen?

Lendvai hat schon recht. Nur in einem freien Land kann man offen und breit rechtsrechte Aussagen zurückweisen und nicht in einem totalitären Einparteienstaat, wo es nicht gibt, was es nicht geben darf.

Ein armseliges Land

dessen stärkste Partei nach den 67 Jahren, in denen auch ein kommunistischer Putschversuch unter der Führung von sozialistischen Politiker und Gewerkschafter vereitelt wurde, nun einen Ex(?)kommunisten, der sich in seinem Biografie damit brüstet zu jener Zeit der „Totengräber der (ungarischen sozialistischen) Partei“ gewesen zu sein, als Festredner einlädt.
(Siehe auch:
http://derstandard.at/129781820... ikaGroup=6 )
Ein armseliges Land
Wo nach 67 Jahren eine s.g. christlich demokratische Partei das unwürdige Spiel mitträgt und Redner mit AVH Vergangenheit Beifall klatscht.

Welcher kommunistische Putschversuch?

Sie sind offensichtlich bei geschichtlichen Fakten nicht ganz am laufenden.

Wikipedia:

"ÖGB am 7. Oktober 1950: „Der Anschlag auf die Freiheit der österreichischen Arbeiter und Angestellten ist abgewehrt …“[2]). Tatsächlich stellte man sich damals in Ostösterreich und im sowjetischen Sektor Wiens die Frage, ob die Rote Armee zu Gunsten der Streikenden eingreifen und ebenso wie die KPÖ eine Regierungsumbildung fordern werde."

<*)))><

Ich hab schon

wesentlich Dümmeres in Reden gehört.

Wussten Sie...

..., dass Sie Texte nicht kommentieren muessen? Ueberhaupt, Sie muessen auch keine Zeitungen lesen. Sie können gerne vor Ihrer eigenen Tuer kehren. Ueberhaupt finde ich, jeder Mensch sollte seinem eigenen Horizont entsprechend agieren, beziehungsweise, kehren.

lendvai steht überhaupt kein urteil über das land das ihn aufgenommen hat zu, weder positiv noch negativ, ich mag diese selbstgerechten auslassungen nicht mit denen die linksgerichtete politische und journalistische schickeria hausieren geht, es kehre jeder vor seiner eigenen tür damit die straße sauber bleibt

sie sind ein ungar, gell?

ich lebe seit 15 jahren in ungarn und zahle steuern, bin brav angepaßt, und auch mir spricht man das recht ab, mich zu äußern. in den augen der ungarn ist es halt ein unaufholer nachteil bis zum tod, ja verachtenswert, nicht von einer ungarischen mutter geboren worden zu sein.

und warum steht ihm als österreichischer Staatsbürger keine Meinung zu seinem eigenen Land zu?

Und selbst zu Lesotho steht ihm eine Meinung zu haben zu. Sie ist nicht die absolute Wahrheit, aber wieso wollen Sie ihm das verbieten? Dachte wir gedenken gerade den Systemen, die das taten!

Steht Ihnen dann ein Urteil über Lendvai zu?

Was ist Ihre Rechtfertigung, ihn zu kritisieren, wenn Sie Ihr eigenes Argument konsequent durchdenken?

warum nicht?

Ganz im Gegenteil:

Gerade harausragenden Menschen, wie dem Lendvai steht es zu, den Finger auf die offenen Wunden der Republik zu legen, insbesondere auch weil es Leuten wie Ihnen nicht passt.

Da der Österreicher von sich aus eher zur Niedertracht und zum Eigenlob neigt, ist die Sicht von außen erfrischend. Einzig die Langatmigkeit Lendvais reden ist ein wenig ermüdend, was ihnen aber inhaltlich kein Jota nimmt.

Im Übrigen stellte Lendvai in seiner Rede die positiven Seiten der Österreichischen Politik gegenüber dem Abdriften Ungarns heraus, sodass als Essenz ihrer Hetze übrig bleibt, dass ganz egal was er sagt, als Immigrant besser schweigen sollte.

Zurück in die Gosse, schau in die Krone!

lg mensch

Das Böse ist überall auf der Welt zu finden und sicher nicht nur in Österreich. Er kann gleich auch eine Rede über den Neoliberalismus und Finanzmarkt-gesteuerte EU halten!

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