Musikrundschau mit Raritäten aus Österreich

    10. Mai 2012, 17:37
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    Wieder auf Vinyl erhältlich: "Schwarze Energie" von Peter Weibel und dem Hotel Morphila Orchester sowie "1000 Takte Tanz" von Chuzpe

     HOTEL MORPHILA ORCHESTER Schwarze Energie (Cien Fuegos/Trost)
    Lange Jahre war das gute Stück nur für sehr viel Geld auf Sammlerbörsen erhältlich. Das kleine Wiener Label Cien Fuegos veröffentlicht das Meisterwerk von 1982 nun auf gutem altem, 180 Gramm schwerem Vinyl.

    Schwarze Energie sollte neben der Single Dead In The Head (Bekannt aus Franz Novotnys Spielfilm Exit von 1980) das einzige reguläre Album von Kunstprofessor Peter Weibel und dem Hotel Morphila Orchester sein. Monotoner Riffrock mit der Betonung auf den für nächtliche Autofahrten geeigneten Beat sehen den notorischen Silbenverschlucker dabei auf der Höhe der damaligen Kunst. Man kann sich Peter Weibel als männliche Patti Smith ohne jegliches Pathos vorstellen.

    1982 wurde das vollmundig als von Maschinen produzierter Monsterrock, als Neonrock, als Patientenkollektivmusik in einer geschlossenen Abteilung angekündigt. Und Lieder wie Sex In Der Stadt, eine Textmontage aus den Klein- und Kontaktanzeigen der Krone und des Kurier können noch heute mit Fug und Recht zu den absoluten Höhepunkten der heimischen Popmusik gezählt werden. Dazu kann man auch noch das wunderbare Liebe ist ein Hospital oder Stromtod und den Kokain Cowboy zählen.

    Aus heutiger Sicht klingt das alles zwar nicht ganz so mächtig und für damalige triste heimische Verhältnisse einzigartig. Dafür ist die Produktion zu bieder-provinziell im schön unterhalb des roten Frequenzbereichs muckenden Sound angesiedelt. Und auch über das Schulenglisch des Vortragenden kann man nicht nur mit der ironischen Brechungsvermutung hinwegsehen: "Married women feel my cock when I'm dancing with you the rock."

    Lachen muss man dann allerdings doch. Leider ist Peter Weibel bald darauf die Rockmusik selbst zu dumm geworden. Zur Strafe muss er sich heute dauernd mit "neuen Medien" und deren Technologien im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe beschäftigen. Die Betonung liegt hier auf "Karlsruhe". Schwarze Energie jedenfalls zählt zum besten, was dieses Land bezüglich Viervierteltakt je hervorgebracht hat. Dafür kann man ruhigen Gewissens die Hand ins Feuer legen.

    * * *

    CHUZPE 1000 Takte Tanz (Cien Fuegos/Trost)
    Ebenfalls 1982 auf dem vom heutigen Ö3-Mann Eberhard Forcher und Minisex-Sänger Rudi Nemeczek äußerst glücklos betriebenen Label Schallter erschienen: Robert Wolfs Versuch, die ehemalige Punkpartie Chuzpe mit New-Wave-Sounds in die Charts zu bringen.

    Die glatte und ebenfalls keine klanglichen Extreme zulassende Mainstreamproduktion unter besonderer Berücksichtigung der provinziellen Toningenieurbedingungen des Wiens der 1980er-Jahre wurde schon bei ihrem Erscheinen vor 30 Jahren kritisiert. Wenn man den Hallfaktor abzieht, klingt das heutzutage interessanterweise nicht mehr ganz so schlimm.

    Zwar ist im Vorjahr überraschend beim kleinen italienischen Label Rave Up Records mit der spektakulären Songsammlung Anarchie Bla Bla 34 Jahre nach seiner Entstehung das weitaus interessantere, allerdings fast geheime Frühwerk der Band erstmals offiziell erschienen.

    Sehr schön zu sehen, wie damals Wiener Schmäh und Dialekt bewaffnet nur mit den berühmten zwei bis drei Akkorden auf Hauruck-Punkrock traf. Die Lieder trugen schöne Titel wie Beislanarchie oder Terror In Klein-Babylon.

    Aber auch das ebenfalls lange Jahre nur noch schwer erhältliche und jetzt endlich wieder veröffentlichte Album 1000 Takte Tanz hat mit Liedern wie Zu klug für diese Welt, Gute Kräfte sammeln sich oder Tote Körper tanzen anders seine großen Momente. Man hört zickige New-Wave-Sounds wie sie damals in London von XTC oder Wire produziert wurden.

    Gemeinerweise hatten Chuzpe damals ihren größten Erfolg mit einer Coverversion von Joy Divisions Love Will Tear Us Apart. Die kam sogar in die österreichische Hitparade. Robert Wolfs gemütliche Karriere war dann bald einmal ruhend gestellt. Der Mann hat seinen Beruf als Postbeamter nie aufgegeben. Später gab es Chuzpe in diversen neuen Besetzungen immer wieder manchmal kurz wieder. Robert Wolf hatte einmal die hübsche Idee den Hofa von Wolfgang Ambros ins englische zu übersetzen.

    Im Wesentlichen aber ist das Vermächtnis zu Lebzeiten mit Anarchy Bla Bla und 1000 Takte Tanz nun vollständig auf Vinyl im Handel zu erwerben. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 11.5.2012)

     

    • Das Cover von Hotel Morphila Orchesters einzigem regulärem Album "Schwarze Energie".
      foto: cien fuegos

      Das Cover von Hotel Morphila Orchesters einzigem regulärem Album "Schwarze Energie".

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