Opfer der NS-Medizin wurden am Wiener Zentralfriedhof begraben

9. Mai 2012, 19:26
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Überreste von mehr als 60 Personen fanden letzte Ruhe - Gedenkfeier mit Fischer und Häupl

Wien - Später, stiller Abschied: Am Mittwochnachmittag sind auf dem Wiener Zentralfriedhof die Überreste von Opfern der NS-Medizin bestattet worden. Dabei handelt es sich um mehr als 60 Personen - Kinder und Erwachsene -, die zum größten Teil in der Anstalt "Am Steinhof" zu Tode kamen. An der Zeremonie nahmen neben zahlreichen Trauergästen auch Bundespräsident Heinz Fischer und Wiens Bürgermeister Michael Häupl (S) sowie IKG-Präsident Oskar Deutsch und sein Vorgänger Ariel Muzicant und die Zweite Bürgermeisterin von Hamburg, Dorothee Stapelfeldt, teil.

Bereits vor zehn Jahren wurden Opfer der NS-Medizin am Zentralfriedhof bestattet. Dabei handelte es sich um die Überreste von Hunderten Kindern, die in der damaligen Wiener NS-Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund" ermordet worden waren. Ihre Überreste waren für medizinische Zwecke präpariert worden.

Heute erfolgte die Bestattung weiterer Überreste von Opfern der NS-Medizin. Mehrheitlich stammten sie von Patienten, die "Am Steinhof" starben, einige wenige auch im AKH. Sie sind in den vergangenen Jahren im Zuge einer Erhebung zu Relikten der NS-Geschichte aufgefunden worden. Die Funde wurden zunächst vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) wissenschaftlich aufgearbeitet und namentlich identifiziert.

Nach Abschluss der Begutachtung wurden sie heute beigesetzt - 67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie im Areal der Gruppe 40 (Opfer des Nationalsozialismus) am Zentralfriedhof. Dort soll auch ein Gedenkstein an sie und die vielen anderen Opfer der NS-Medizin in Wiener Heil- und Krankenanstalten erinnern. 

"Erinnern und gedenken"

Die Verbrechen des Nationalsozialismus seien beispiellos, betonte Fischer in seiner Ansprache: "Es wäre eine schreckliche Verharmlosung, irgendwelche Vergleiche zwischen der NS-Zeit und aktuellen Problemen zu ziehen." Nur ein gefestigtes Bekenntnis zur Demokratie, zur Solidargemeinschaft und die Überzeugung, dass jedes Menschenleben unersetzlich und die Würde des Menschen unantastbar sei, könne die Gesellschaft davor schützen, dass neues Unrecht wachsen und an Boden gewinnen könne.

Häupl unterstrich: "Erinnern und gedenken, dass können wir für die Opfer tun und uns der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stellen." Er, Häupl, sehe es als seine persönliche Verpflichtung, aber auch als jene der Stadt Wien, alles zu tun, damit es so etwas Unvorstellbares in der Zukunft nicht mehr gebe. Stapelfeldt wohnte der Veranstaltung bei, da sich unter den Begrabenen auch einige Hamburger Opfer befanden. Sie mahnte, dass Rassismus, Verachtung und Hass nie die Geschicke der Gesellschaft lenken dürften. An der Gedenkfeier nahmen neben Zeitzeugen und Angehörigen der Opfer auch die Wiener SP-Stadträte Sonja Wehsely und Christian Oxonitsch, der grüne Klubchef David Ellensohn und die Direktorin des Jüdischen Museums in Wien, Danielle Spera, teil. 

Euthanasie-Programme während der NS-Zeit

Das heutige Sozialmedizinische Zentrum Baumgartner Höhe war während der NS-Zeit Brennpunkt verschiedener Tötungsaktionen des Regimes gegen Psychiatriepatienten und Menschen mit geistigen Behinderungen. Laut Stadt wurden in den Jahren 1940/41 etwa 3.200 Menschen im Rahmen der "Aktion T4" nach Oberösterreich deportiert und vergast. Nach Protesten wurde das Vorgehen 1941 offiziell gestoppt, die Ermordungen in die einzelnen Anstalten verlagert.

In der Anstalt "Am Steinhof" ist in dieser Phase nach Schätzungen der Stadt von rund 3.500 zusätzlichen Todesfällen bis 1945 auszugehen. Die häufigsten Todesursachen waren systematische Vernachlässigung, Unter- und Mangelernährung, mangelnder Schutz vor Kälte sowie bewusst geförderte Infektionskrankheiten. In der Anstalt "Am Spiegelgrund" wurden außerdem 789 Kinder und Jugendliche umgebracht. Von vielen der Opfer wurden Präparate angefertigt, an denen bis weit in die Nachkriegszeit hinein wissenschaftlich-medizinisch geforscht wurde. (APA, 10.5.2012)

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