Mir bleibt immer noch Paris

  •  Stolze Stauden, sattes Grün, hübsche Blüten - warum entfernen?
    foto: derstandard.at

    Stolze Stauden, sattes Grün, hübsche Blüten - warum entfernen?

Nicht alle Gartentätigkeiten sind klug - Das musste auch der Autor am eigenen Garten erfahren

Das Gartenjahr bietet den unterschiedlichsten Talenten Gelegenheit und Raum zur Entfaltung. Jahreszeiten, Wetterverlauf und Öffnungszeiten der Gärtnereien stecken die limitierenden Parameter ab, innerhalb derer sich die Gärtnerin im Rahmen ihrer Freiheitsgrade austoben kann. Die Monate Dezember und Jänner arbeiten zum Beispiel jenen Gärtnern zu, die in Planungen versinken können, die sich nächtelang von 4c-Sujets teuerster Gartenbücher inspirieren lassen und des Morgens mit Zirkel, Geodreieck und Faber-Castell ihre Beete zu Papier bringen.

So etwa ab April kommen hingegen die spontaneren Talente zum Tragen. Blitzbesuche bei wohlsortierten Pflanzentandlern und Heimwerkerparadiesen dienen dem Ausleben spontaner, ja sprunghafter Gartengestaltung. Mit diesem Talent ausgestattete Gartler verzichten daher gerne auf Versandware und greifen auf das zurück, was es zurzeit gibt.

Wühlen, Kontrollieren, Inspizieren

Wer gern den Kopf unten und den Popsch oben hat, kommt so ab Mai auf seine Rechnung: Es darf gewühlt werden in den Beeten! Die Wühlmäuse unter den Gartlerinnen und Gärtnern sind nur dann wirklich glücklich, wenn die Gartenhandschuhe im Morast stecken bleiben, wenn der Schweiß von der Stirn gießkannenartig den Humus benetzt und wenn das brühend-heiße Badewasser abends den schmerzenden Buckel versöhnt.

Ist endlich alles am Blühen, sind die Pflanzen brav gewachsen, dann darf auch ich mein Talent ausleben. Der Betrillerer und Verhätschler hat dann Saison, steht stumm vor seinen Pflanzen und manipuliert diese mit seltenen, wenigen Handgriffen. Vielmehr ist es ein optisches Kontrollieren, ein Inspizieren und nachdenkliches Beobachten der Entwicklungen im Einzelnen wie auch des gesamten Gartenbilds.

Prix d'Rottelle - die dümmste Gartentätigkeit

Man spricht auch vom Königs- beziehungsweise Herrschertalent unter all den Gartentalenten. Der Autor dieser Zeilen verfügt aber über noch eine weitere, sehr ausgeprägte Gabe, die darin mündet, dass er sich selbst einen Trottel und blöden Hund nennt. Mit diesem Talent ausgestattet, gewinnt er dieses Jahr ganz bestimmt den Prix d'Rottelle, der jährlich in Paris für die dümmste Gartentätigkeit vergeben wird. Als Freund des unbestellten Beiwuchses hat er nämlich in einem Schlief das Unkraut drei Meter hoch wachsen lassen. Stolze Stauden, sattes Grün, hübsche Blüten - warum entfernen?

Als der Winterwind die Pflanzenhecke zum Schutz in die Garage geweht hatte, suchte dieser Gärtner nach Ersatz und fand die bereits vertrockneten, dichten Kandelaber im Schlief. Heureka! Er riss sie aus der Erde und steckte sie, schön heckenförmig, nebeneinander in das Südgartenbeet; als dezent verspielter Sichtschutz keine schlechte Idee, dachte er. Was er nicht bedachte, waren die fantastilliarden Samenstände, die sich dann über die Wintermonate im gesamten Garten auf den Beeten verteilten und so ab März in etwa zu keimen begonnen haben.

Seither zupft und rupft der prospektive Gewinner des Prix d'Rottelle täglich säckeweise Keimlinge und Jungsprosse aus den Beeten, aus dem Rasen, aus den Haaren der Nachbarskatze und fragt sich, wie deppert man eigentlich sein kann. Angesichts der nicht enden wollenden Menge fragt er sich auch, ob er sie nicht komplett austreiben lassen sollte. Es wäre dann für andere Pflanzen zwar kein Platz, aber Sichtschutz, und ein optisch spannender, gut drei Meter hoher Dschungelgarten wäre das Ergebnis. Und damit ist er auch schon wieder für Paris 2013 nominiert. Chapeau! (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 11.5.2012)

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