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Die Designer Sascha Mikel, Michael Tatschl und Martin Schnabl (v. li.).

Traum oder Albtraum für Michael Thonet? Das Trio Breaded Escalope spielt im Rahmen ihres Projekts "Love me bender" mit dem Massenobjekt und Plastiksessel "Monoblock" und stellen ihm ihre Interpretation von Manufakturarbeit in Form einer Bugholzkonstruktion gegenüber.

Beim "Original Stool" formt die Fliehkraft das Sitzmöbel zum Unikat.

Eine Form in einer Kugel wird mit Kunststoff befüllt und dann möglichst fest gerollt, gezogen oder gekickt, ehe das Material aushärtet.
Vielleicht rotiert der große Meister Thonet im Grab - vielleicht aber klopft sich der Möbelpionier vor lauter Freude auch auf die Oberschenkel. Anlass für beiderlei postmortale Reaktionen wäre das Sitzobjekt "Love me bender", sozusagen der durch die Zeit gereiste Nachfahre des klassischen Thonet-Bugholzsessels - nur halt mit einer Menge Schalk in der Lehne.
Es ist jenes Projekt, mit welchem die drei Designer von Breaded Escalope vor kurzem auch auf der Mailänder Möbelmesse allerlei Dampf abließen - und das geht so: Die Burschen schnappen sich zwei Herdplatten, gewöhnliche Teekessel, verbinden deren Ausgüsse mittels Schläuchen mit einem verschließbaren Aluminiumrohr, in das Buchenholzlatten gelegt werden. Nach circa 30-minütigem Dampfbad wird das Holz gefügig, lässt sich prächtig biegen und wird nach vordefinierten Radien mit dem weltweit omnipräsenten Plastikstuhl, auch als "Monblock" bekannt, verbunden. Heraus kommt ein eigenwilliges Sitzobjekt der Kleinserie "Love me bender".
Schabernack
Genial sagen die einen, interessant die anderen, als Schabernack werden es die Spielverderber der Designzunft abtun, denn abgesehen von der heiteren Erscheinung des Objekts geht es hier um die Gegenüberstellung einer Ikone der Massenproduktion, einem Wegwerfprodukt, und dem Gedanken der Manufaktur-Arbeit. Theoretisch unvereinbar, und das ist ein weiterer wesentlicher Punkt, entsteht dabei eine ganz neue, eigenwillige Ästhetik. Salopp formuliert nennen die Designer ihre wild geschwungen Sitzangelegenheit "Matador für Nerds". (Achtung: Die nächste "Love me bender"-Werdung findet am 11. Mai, ab 18 Uhr in der Design Gallery Engelhorn & Turkiewicz im Wiener Stilwerk statt.)
2009 von Sascha Mikel, Martin Schnabl und Michael Tatschl, allesamt Jahrgang 1985 und aus Kärnten, gegründet, beschäftigt sich Breaded Escalope aber auch im Rahmen anderer Projekte mit der kulturellen Relevanz von Räumen und Gebrauchsgütern. Im Falle ihres Bugholz-Streiches lautet das Motto "Dampf statt Strom". "Klar geht es bei der Dampfgeschichte auch um Ironie, wir würden mit dieser Geschichte aber nie die Ideen Thonets lächerlich machen wollen", sagt Martin Schnabel, jener Teil des Trios, der im Moment bei den Kollegen im Verdacht steht, ein bisschen zu putschen, "denn er ist jener von uns dreien, der sich am ehesten ums Geld und um Kontakte zur Industrie kümmert", erklärt Sascha Mikel mit einem breiten Grinser. Sorgen um den Fortbestand des Trios müsse man sich aber keine machen, in der Zahl Drei sehen sie den "Kern der Demokratie", außerdem verstehen sie das "interne Verteidigen von Ideen als gutes Sparring-Training für draußen".
Namensgeber Wiener Schnitzel
Besucht man die drei in ihrem Studio mitten in Ottakring, ist absolut kein Hochglanz-Chichi zu finden, wie man es sich von einem Design-Studio erwarten könnte. Gefühlsmäßig ist die Atmosphäre in der ehemaligen Hartlauer-Filiale mit Wo-die-wilden-Design-Kerle-wohnen-Flair zu umschreiben: vollgeräumte Metallstellagen, auf denen sich der Staub in Ruhe vermehren darf, Werkzeuge und eigenwillige Prototypen aller Art. Hier wird sandgestrahlt, gehämmert, geschraubt, Kunststoff gegossen, geschweißt und nachgedacht. Die Ideen kreisen um konzeptuelle Lösungen, die einen Dialog und eine kritische Rezeption des Alltäglichen einfordern, auch wenn das angesichts der hier entstehenden Objekte viel zu ernst klingt, denn hier ist ein Platz zum Staunen und Schmunzeln, ein Platz, an dem man sich gelegentlich die Ohren zuhalten muss, aber eben auch ein Ort für Ahas.
Apropos Aha, der Name Breaded Escalope - englisch für Wiener Schnitzel - entstand spontan nach der Durchsicht der Speisekarte eines Wirtshauses in Hannover. "Wir hatten am nächsten Tage einen Vortrag und noch immer keinen Namen. Ja, und die Suppe mit dem Namen löffeln wir bis heute aus. Andererseits blieb der Namen bisher gut hängen", erklärt Mikel den Namen des Studios, dessen Arbeiten, Skulpturen und Plastiken vor allem in Kleinserien und Limited Editions zu haben sind, die im immer dichter besiedelten Niemandsland zwischen Design und Kunst gute Figur machen. Als industrielle Revolutionäre hätten die drei jedenfalls kläglich versagt.
Wichtig bei all ihren Objekten ist den Designern, die gemeinsam an der Londoner Kingston University studiert haben, der Do-it-yourself-Gedanke - eine "Verfahrens-Domestizierung mit Geräten, die mehr oder weniger jeder zu Hause hat", erklärt Tatschl, der auf einem Sessel wippt, auf dem Lausbub geschrieben steht. Auch ist den dreien der Performance-Charakter wichtig, so entstanden Objekte unter anderem im Wiener Mak oder auf der Beijing International Triennial. "Industriedesign für die Massenproduktion entsteht im stillen Kämmerlein, wir wollen mit unserer Arbeit auch Geschichten erzählen und die Menschen miteinbeziehen", sagt Tatschl. So sehen sie auch ihre "Love me bender"-Objekte lieber als benutzbares Möbel denn als Kunstobjekt unter einem Glassturz. 3800 Euro nimmt man übrigens in der Galerie Engelhorn & Turkiewicz derzeit für so ein Stück.
Die Zeit fallen hören
Man sieht, dem Trio experimental geht es mehr um das Konstruieren von Prozessen als um das Objekt an sich, oder wie Tatschl es ausdrückt, "eine Lampe ist und bleibt eine Lampe". So pragmatisch das klingen mag, man kommt nicht umhin, in diesen Objekten auch etwas sehr Romantisches zu entdecken. "Ich gehe von einem romantischen Ende der Welt aus, an dem man die einfachen Dinge des Lebens benötigt, eine Axt, oder einen Ofen und natürlich Möbel", nähert sich Mikel etwas kryptisch dem Thema Romantik, setzt aber konkret nach: "Also ein Dyson-Staubsauger ist definitiv unromantisch."
Dass im Gegensatz zur Lampe eine Uhr keinesfalls eine Uhr bleiben muss, führen Breaded Escalope mit ihrem Objekt "Your Clock" aus der Familie ihrer "Inefficient Objects" vor. Dabei handelt es sich um sogenannte Faltblatt-Uhren aus den 1970er-Jahren. Mittels eines Schnürls lässt sich die Zeitmessung der Uhr stoppen. Das heißt: Nicht die Uhr diktiert dem Menschen die Zeit, sondern umgekehrt. Man könnte auch sagen, man entscheidet selbst, wie lange ein Moment dauert, was im Falle einer Verschnaufpause durchaus zu einer bewussteren Wahrnehmung von Vergänglichkeit oder eben des Augenblicks an sich führen könnte. Zieht man abermals an der Schnur, stellt die Uhr wieder auf die reale Zeit zurück. Der Faltblattmechanismus scheint dafür besonders geeignet, da dieser auch akustisch zu verstehen gibt, dass man Zeit zwar ignorieren, aber halt doch nicht aufhalten kann. Geplant ist eine Serie von 24 Stücken dieses Anti-Hektomaten.
Zentrifugalkraft
Einzelstücke, made by Zentrifugalkraft, sind die Sitzobjekte aus der Serie "Original Stool", mit der die Dreierbande zum ersten Mal in der Szene aufhorchen ließen. Auch bei diesem Projekt namens liegt die Essenz in erster Linie in der Objektwerdung: In das Innere einer Fiberglaskugel von der Größe eines Gymnastikballes wird eine Art Beutel aus Silikon montiert, der ein wenig an ein Kuheuter erinnert. Über eine Öffnung in der Kugeloberfläche gelangt Polyurethanharz in den Beutel. Das Harz härtet innerhalb von fünf Minuten aus. Es geht also flugs zur Sache. Form und Farbe des künftigen Objekts werden durch die Fliehkraft bestimmt, und die kommt nicht von allein. Breaded Escalope ziehen die Kugel gleich einem verspielten Hund hinter sich her, werfen ihn eine Wiese hinab, binden ihn an ein Seil und schmeißen ihn in einen Bach.
Sie lassen Kinder damit spielen, rollen ihn einen Vulkankrater hinunter und so weiter und so fort. Weg und Zeit werden sozusagen zu den eigentlichen Formgebern dieses Hockers. Jeder ist anders. Ort, Feuchtigkeit und Temperatur beeinflussen die Form ebenso wie die Bewegung. Die Gestalter sprechen in diesem Zusammenhang von sozialer Nachhaltigkeit, von einer Ebene, welche die Lebensdauer eines Objektes verlängert. "So einen Stuhl, den du mit deinen Kindern auf einem Waldspaziergang gemacht hast, wirfst nimma weg", ist sich Michael Tatschl sicher. Apropos Spaziergang: Tatschl kam vor kurzem am Grab Michael Thonets auf dem Wiener Zentralfriedhof vorbei. Von irgendwelchen rotierenden Geräuschen will er nichts gehört haben. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 11.5.2012)
"Love me bender"-Performance in der Design Gallery Engelhorn & Turkiewicz im Stilwerk; Am 11. Mai ab 18 Uhr. Praterstraße 1, 1020 Wien, 3. OG. www.be-studio.at
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