Die rote "Schuldenmutti" setzt der CDU zu

9. Mai 2012, 17:54
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Umfragen sehen Sozialdemokraten und Grüne in Nordrhein-Westfalen in Führung

"Man muss Wahlkampf mit den Menschen mögen", sagt Hannelore Kraft (SPD). Ein letzter Schluck Kaffee, den Blazer zurechtgerückt, dann steigt die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen aus dem Wahlkampfbus.

Sofort ist sie von Menschen umringt, alle wollen ihre roten Rosen, ein Foto oder kurz erzählen, was alles nicht passt. Kraft hört geduldig zu - auch wenn die TV-Kameras weg sind. 2005, als die SPD nach 39 Jahren in ihrer Herzkammer abgewählt wurde, standen die Genossen in Nordrhein-Westfalen vor einem Scherbenhaufen. Kraft erging es ein wenig wie der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Kaum einer traute ihr etwas zu.

Geschafft hat sie es doch. 2010 war es mit Schwarz-Gelb wieder vorbei, Kraft wurde Ministerpräsidentin. Gemeinsam mit den Grünen führte sie eine Minderheitsregierung, die im März zerbrach, weil sie den Haushalt nicht durchbrachte. Doch an Kraft perlt dieses Scheitern ab. Binnen zwei Jahren hat sie sich zur beliebten Landesmutter gemausert, ihre Popularität ist groß.

Darunter leidet Bundesumweltminister Norbert Röttgen, der für die CDU als Spitzenkandidat antritt. Rastlos pendelt er zwischen Berlin und Düsseldorf und kommt dennoch nicht vom Fleck. In Umfragen liegt Rot-Grün vorn, die CDU ist abgeschlagen.

Selbst in der CDU räumt man ein, dass es an Röttgen liegt. Bis heute ist unklar, ob er bei einer Niederlage auch als Oppositionsführer nach Düsseldorf geht oder Minister in Berlin bleibt. Die FDP frohlockt darüber in ungewohnt offener Weise: "Röttgen ist unser bester Wahlkämpfer. Sein Zögern und Zaudern in der Frage, was er nach der Wahl macht, treibt die Wähler von der CDU zur FDP", sagt Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP).

Röttgen zieht Merkel rein

Apropos Wähler. Auf ZDFinfo leistete sich Röttgen folgenden Faux-pas. " Bedauerlicherweise", sagte er, "entscheidet nicht allein die CDU" darüber, ob er Ministerpräsident werde, sondern die Wähler. Mit denen kann der kühle Röttgen nämlich nicht so gut wie Kraft.

Aber jetzt, im Wahlkampfendspurt, hat er doch ein Thema gefunden: Die finanzielle Freigebigkeit von "Schuldenmutti" Kraft, die seiner Meinung nach nicht genug spart - und irgendwie auch die des neuen französischen Präsidenten François Hollande. "Die Abstimmung in Nordrhein-Westfalen ist deshalb auch eine Abstimmung über die Bundes- und Europapolitik von Frau Merkel", so Röttgen. In der CDU-Spitze rollt man, nach Medienberichten, schon wieder die Augen, dass Röttgen nun Merkel in den Wahlkampf mitreinzieht.

Selbst bei einem Wahlwunder käme Röttgen wohl nicht als Chef in die Staatskanzlei. Denn der potenzielle Partner FDP kämpft wieder mit der Fünf-Prozent-Hürde - wahrscheinlich wird es Exgeneralsekretär Christian Lindner als Spitzenkandidat schaffen. Und dann könnte die Debatte, ob man Bundes-Chef Philipp Rösler noch braucht, erst richtig losgehen. (Birgit Baumann aus Düsseldorf/DER STANDARD, 10.5.2012)

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