Das Weltkulturerbe vom Fließband

9. Mai 2012, 17:26
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Zum Album "Carole King - The Legendary Demos"

Wien - Fließbandarbeit wird gemeinhin als wenig kreative Tätigkeit betrachtet. Meist zu Recht. Doch in den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die Weltjugend von den USA aus mit dem Virus der Popmusik infiziert. Wertschöpfer erkannten rasch dessen finanzielles Potenzial und ließen den Soundtrack für die als Zielgruppe eben erst entstandene Jugend wie am Fließband produzieren. Es waren dreiminütige Dramen über Träume und Sehnsüchte, Liebe und Enttäuschung.

Eine der Arbeitsbienen hinter dieser Kultur war Carole King. Mit ihrem Ehemann Gerry Goffin schrieb sie ab 1960 dutzende Songs, die für Interpreten wie Bobby Vee, Gene Pitney, die Shirelles und viele andere zu Hits und Welthits wurden. Das American Songbook sowie jeder anständige Evergreens-Sender dieses Planeten geht über vor Songs von Goffin und King.

Noch bevor die 1942 in New York als Carol Joan Klein geborene Musikerin 1970 ihr erstes Soloalbum veröffentlichte, war sie also schon eine Musikbusiness-Veteranin. 1971 erschien ihr Album Tapestry, eines der erfolgreichsten Alben der Musikgeschichte, das sich fast sechs Jahre lang in den Charts hielt.

Nun ist mit Carole King - The Legendary Demos ein Album erschienen, das von King eingespielte und gesungene Probeaufnahmen von Liedern umfasst, die sie für wenig Geld für andere geschrieben hat. Oder solche, die sie für sich selbst ausprobieren wollte. Aufgenommen wurde in Studiopausen, in denen die gebuchten Musiker eine kleine Extraschicht für King einlegten.

Rohdiamanten

Diese Aufnahmen sind Rohdiamanten, meist in einem Take eingespielt, gedacht als Arbeitsgrundlage - und doch perfekte Meisterwerke, die hier zusätzlich vom Charme des zwischendurch Entstandenen profitieren. Etwa Kings Version von Pleasant Valley Sunday, das für die Monkees ein Welthit wurde. Im Kostüm eines fröhlichen Folk-Pop-Songs entfacht es jene Magie, die in der vordergründigen Einfachheit dieser perfekten Popsongs liegt.

45 Jahre nach seinem Entstehen hat er nichts von seiner Wirkung eingebüßt. Das gilt für alle der hier versammelten Songs. Take Good Care of My Baby, ein Klassiker und hier von King alleine am Klavier eingespielt, zählt bereits 51 Jahre. Die meisten dieser Demos datieren aus den späten 1960er-Jahren. Damals reagierte die junge Popkultur auf soziale und politische Veränderungen, was sich in einer wachsenden Nachdenklichkeit und subtilen Melancholie im Werk von King (und Goffin) niederschlug.

King - seit 1968 von Goffin geschieden - zog damals an die Westküste der USA, wo die Gegenkultur gerade in Fahrt kam. Im Laurel Canyon in Los Angeles, einem Viertel, das als eines der Epizentren der Kreativszene seiner Zeit galt, kaufte sie sich ein Haus, sie absorbierte die Musik ihrer Nachbarschaft und lernte Typen wie den Folkmusiker James Taylor kennen. 1970 nahm sie ihr erstes Soloalbum auf: Writer, das kommerziell floppte.

Weltkulturerbe

Im Jahr darauf erschien Tapestry und machte King zum Star. Vier der zwölf Songs von Tapestry sind hier als Demos zu hören. Am eindringlichsten ist wohl It's Too Late, das King nach einer Affäre mit James Taylor geschrieben hat - gemeinsam mit ihrer neuen Texterin Toni Stern. Das Lied ist heute ein Evergreen und einer der bekanntesten Songs von King. Ein eindringliches Abschiedslied, in dem King ihr Leid und all ihr Talent mit uns teilt.

Carole Kings Musik ist heute eine Art Weltkulturerbe. The Legendary Demos rufen ihr Genie in Erinnerung und unterstreichen in ihrer privaten Atmosphäre noch einmal die Zeitlosigkeit dieser Songs: die Welt, das Glück und die Sorgen in drei Minuten. (Karl Fluch, DER STANDARD, 10.5.2012)

  • In jedem ihrer zehn Finger hatte Carole King ein Dutzend Hits. Mindestens.
    foto: universal

    In jedem ihrer zehn Finger hatte Carole King ein Dutzend Hits. Mindestens.

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