Sex und die City-Neurotikerinnen

Blog9. Mai 2012, 14:18
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Lena Dunhams HBO-Serie "Girls"

Wenn eine 24-Jährige bei keinem geringeren Sender als HBO ("It's not TV. It's HBO.") grünes Licht für eine Serie bekommt, die sie selbst schreibt, bei der sie in der Hälfte der Folgen Regie führt, in der sie die Hauptrolle spielt und die sie dann auch noch selbst koproduziert, dann ist das Erstaunen groß und sind die Erwartungen erst einmal hoch. Die Frau, der dies gelang, heißt Lena Dunham, ihr claim to fame lag eigentlich nur darin, einen ziemlich autobiografischen low-budget Independent-Film des Titels "Tiny Furniture" gedreht zu haben, in dem ihre Schwester und ihre Mutter (die nicht unerfolgreiche Künstlerin Laurie Simmons) neben ihr spielten; einen Film, der beim Hipsterfestival South by Southwest einen Preis gewann und in vielem an Produkte aus der lebendigen, aber doch etwas einförmigen Mumblecore-Landschaft des unabhängigen amerikanischen Films erinnerte. 

Dunham jedoch hatte das große Glück, dass ihr Film dem Regisseur und Mega-Komödienproduzenten Judd Apatow gefiel, der sowieso gerade an der Erweiterung seiner Produktpalette ins Weibliche arbeitet. Nach seinen großen Erfolgen von "The 40 Year Old Virgin" bis "Superbad" hatte er seinen Ruf als König der Bromances (was sich aus "brother" and "romance" zusammensetzt und also nichtsexuell bestimmte Männerfreundschaften beschreibt) weg, aber auch als einer, der zwar Männerseelen versteht, für den jedoch wie für die von ihm erfundenen Männer das Innenleben des anderen Geschlechts eine terra incognita darstellt. Zuletzt war jedoch der von Apatwo produzierte und wiederum ußerst erfolgreiche Film "Brautalarm" das klare Signal, dass Apatow jetzt auch in "Womances" macht.

So kam für "Girls" also zusammen, was offenbar zusammengehört. Dunham, die alles in die eigenen Hände nimmt, die einen Kreis von Freundinnen (und Independent-Freunden wie dem Schauspieler und Filmemacher Alex Karpovsky) um sich sammelt und der dabei Apatow den Rücken gegenüber den Sendern freihält. Bleibt nur die Frage: Taugt "Girls" etwas oder ist alles nur Hype? Spielt Lena Dunham in der Apatow- oder Woody-Allen- oder "Sex and the City" oder Louis-CK-Liga oder kommt wenigstens in deren Nähe? Allen nämlich ist das von Dunham genannte Vorbild, Louis CK das Maß aller Fernsehkomödiendinge - und "Sex and the City" der in "Girls" selbst ausdrücklich gemachte Bezug. (Und hier, im Gespräch zwischen Claire Danes und Lena Dunham geht es auch gleich darum.) Vor einer Antwort aber erst einmal der Trailer:

Vier Frauen in New York City, die zwar mit durchaus existenziellen Grundsatzfragen beschäftigt, dabei aber doch prinzipiell privilegiert sind. Zwar beginnt alles damit, dass Hannahs (Lena Dunham) Eltern ihr die Unterstützung streichen ("Wir sind nur Professoren!") und sie ihren Praktikumsjob dadurch verliert, dass sie nach einem Jahr ohne Bezahlung Geldforderungen zu stellen anfängt. Also sucht Hannah einen Job - und findet in Folge vier dann auch einen. (Unproblematisch allerdings ist der Arbeitgeber wiederum nicht.) Dennoch geht es um Dinge, die aus der Sicht weniger privilegierter Großstadtbewohner doch eher Luxusprobleme sind: Um Stellungen beim Sex (ist Doggystyle genderpolitisch oder überhaupt menschlich korrekt, schließlich sieht man sich dabei ja nicht in die Augen?) und die Wohngegend in Brooklyn (zwischen Greenpoint, Williamsburg und Cobble Hill Brooklyn liegen Welten), um Beziehungskisten und noch einmal Sex, um Scherze, die "office okay" sind oder auch nicht, um künstlerische Ambition und ums Freundinsein und um die Intimitätsabstufungen zwischen Chat und Facebook und SMS, Email und Telefon und die Frage, wie sich das politisch korrekte Dies mit dem "eigentlich wäre es mir aber lieber"-Das verbinden lässt.

Komisch ist das nur bedingt, gelegentlich zum Kopfschütteln schrecklich. Die Frage, ob es sich um Analyse handelt oder doch nur ums ausgestellte Symptom, ist berechtigt, am schärfsten hat sie John Cook in einem sehr negativen, sehr unsympathischen und trotzdem keineswegs völlig unzutreffenden Gawker-Text formuliert: "A television program about the children of wealthy famous people and shitty music and Facebook and how hard it is to know who you are and Thought Catalog and sexually transmitted diseases and the exhaustion of ceaselessly dramatizing your own life while posing as someone who understands the fundamental emptiness and narcissism of that very self-dramatization." Andererseits. Aber vor dem Andererseits noch ein Vogue-Interview:>

Andererseits haben ja auch klug und offen und ehrlich ausgestellte Symptome ihren guten Sinn. Lena Dunham ist Mitte zwanzig, kommt aus einer Künstlerfamilie und durchaus fähig zu Subtilitäten. Sie schreibt über das, was sie kennt, sie spielt nahe an dem, was sie ist, sie analysiert einen sehr begrenzten Ausschnitt aus zeitgenössischer Lebenswelt. "Girls" ist für den einen zum Wiedererkennen, für den anderen nicht. Aber auch jemand, der (wie, sagen wir, ich; oder auch: ganz jemand anders) da jetzt nicht wirklich sich und sein Leben wiedererkennt, kann mit einer Mischung aus Schaudern und empathischem Interesse mittzwanzigjährige Frauen in einem kenntnisreich geschilderten Biotop der letzten Endes doch ganz schön Privilegierten. Komik gibt es dabei kaum je ohne Schmerzen. Lena Dunhams Selbstdarstellung ist sicher von Narzissmus nicht frei, jedoch sind in dieser Darstellung der Narzissmus und die Selbstkritik auf eine Weise ineinander verstrickt, die der Kritik bei (ausgerechnet dem Süffisanzorgan) Gawker doch ziemlich den Boden entziehen. Das alles reicht, zugegeben, an die Schärfe und Illusionslosigkeit und den Witz eines Louis CK bei weitem nicht heran. Aber was, andererseits, auf dieser Welt tut das?

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    Lena Dunhams Selbstdarstellung ist von Narzissmus nicht frei.

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