Über Nonnenmedizin und Häftlingspflege

20. Juni 2003, 11:58
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Wien - Im 17. Jahrhundert waren sie verboten. Später konnten sich homöopathische Mittel - vorerst illegal - durchsetzen. In der Folge avancierten die "Kügelchen" zur Medizin für die Armen, und auch bei den Reichen war es "en vogue", sich alternativ behandeln zu lassen. Ein neues Buch mit dem Titel "Homöopathische Spuren", das Mittwochabend in Wien präsentiert wurde, befasst sich mit diesem Thema: Auf 118 Seiten beleuchten Historiker und Ärzte in kurzen Texten die Geschichte der Homöopathie in Österreich.

Etablierung über klerikalen Bereich

Das Sammelwerk des Verlagshauses der Ärzte beschreibt ausführlich, dass eine Etablierung der Alternativmedizin zunächst nur über den klerikalen Bereich möglich war: 1831 errichteten die Barmherzigen Schwestern ein Krankenhaus in Wien Gumpendorf, wo die Patienten erstmals homöopathisch behandelt wurden. Viele von ihnen, rund 12.000, erhielten die Arzneimittel, ohne etwas dafür zu zahlen. Und im Jahr 1836 gelangen den Spitalsärzten große Erfolge bei der Cholerabekämpfung.

Tests mit Gefangenen

Aber auch Häftlinge wurden homöopathisch behandelt. Das war nicht nur billiger, an den Gefangenen konnten die Ärzte auch neue Medikamente ausprobieren. Im Jahr 1856 übernahmen Schwestern der Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Schwestern aus Graz die Verwaltung des Gefängnisses.

Diese bestanden darauf, dass die kranken Häftlinge mit den kleinen "Kügelchen" behandelt werden. Das Buch dokumentiert, dass 633 der 766 kranken Haftinsassen in der Strafanstalt in Stein an der Donau innerhalb eines Jahres geheilt werden konnten.

Modeerscheinung

Doch nicht nur die unteren Bevölkerungsschichten, sondern auch die Schönen und Reichen setzten auf Homöopathie - nicht weil sie sich andere Medikamente nicht leisten konnten, sondern weil es einfach "in" war, Naturheilmittel zu schlucken. In der "ersten Gesellschaft" Wiens im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts - die etwa 300 Personen umfasste - verbreitete sich die Modeerscheinung Homöopathie sehr schnell.

Auch private Skandale haben einen Platz im medizinischen Geschichtsbuch: Erzählt wird etwa vom Ehepaar Metternich und den Konflikten rund um die Homöopathie. Metternichs dritte Ehefrau Melanie war begeisterte Anhängerin der Heilmethode, der mächtige Fürst nicht. In den Wiener Salons soll es zu einigen lautstarken Auseinandersetzung gekommen sein.

Lückenfüller

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts flaute die Nachfrage ab. 1913 musste wegen mangelndem Interesse der Verein homöopathischer Ärzte aufgelöst werden. Doch der ganzheitliche Ansatz wird während des Nationalsozialismus wiederbelebt - ein Grund war, die Lücken des Berufsverbot für jüdische Ärzte zu füllen.

Homöopathische Heilmittel sind auch heute noch teilweise heftig umstritten. Obwohl die Alternativmedizin aus dem Bewusstsein vieler Österreicher nicht mehr wegzudenken ist, wurde sie im österreichischen Gesundheitssystem noch nicht vollständig verankert. (APA)

Sonia Horn (Hg.): "Homöopathische Spuren. Beiträge zur Geschichte der Homöopathie
in Österreich", Verlagshaus der Ärzte,
Wien, 2003, ISBN 3-901488-36-7, 188 Seiten,
19,90 Euro
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