Laudatio auf das Burgkino

20. Juni 2003, 11:30
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Ilse Aichinger: Unglaubwürdige Reisen (78)

Hier ist nicht die Berggasse 19, sondern die Burggasse 19", kündigte vor einiger Zeit ein Lokal im siebten Bezirk an. Gegen solche Adressen konnte die Hausnummer am Burgring schräg gegenüber dem Burggarten dem Denkmal des zurückgelehnten, etwas zu pauschal und massiv geratenen Johann Wolfgang von Goethe vorerst nicht aufkommen. Aber sie wurde täglich wichtiger.

Für mich entspricht das Burgkino bis heute einer Therapie, die zwar, wie die meisten Psychoanalysen, sehr lang, aber viel wirksamer als diese ist. Und auch mit ganz anderen Ordinationszeiten als bei Dr. Freud. Das Burgkino war das erste Kino, in dem fremdsprachige Filme in Wien in Originalfassung zu sehen waren. Nicht nur an jedem Sonntag zwischen 14 und 15 Uhr The Third Man, sondern auch To have and have not und überhaupt ein Humphrey-Bogart-Festival.

Dieses Programm kann mit Glücksmöglichkeiten - ob man sie freudianisch oder noch um einiges atavistischer definiert - mehr zu tun haben, als man ihnen zutraut. Aus der Chronik des Burgkinos: Unter den Erstaufführungen im letzten Jahrzehnt Filme wie Dances with Wolves (mit über 30.000 Besuchern) und Four weddings and a Funeral, dem erfolgreichsten Film in diesem Kino überhaupt. Dazu die Wiederaufführungen: Taxe Driver; Antonionis Blow up; auch sehr viel Billy Wilder.

Ich selbst bin in den letzten Jahren an jedem Sonntagnachmittag ins Burgkino gegangen, um Carol Reeds The Third Man zu sehen. Nicht nur, weil meine Zwillingsschwester darin in einer winzigen Rolle - als eine von drei kurz auftretenden Schauspielerinnen - den Halbsatz sagt: "Wenn du mich den Robert nicht heiraten lässt, dann (. . .)". Ich konnte dabei auch jeden Sonntag wieder dem kleinen Jungen zuhören, der den Ball in die Luft wirft und in breitem Wienerisch sagt: "Des is da Meeda!" Das Burgkino ist also auf jeden Fall viel sprachig; und wer ist das sonst schon in Wien.

Außerdem hat es aber noch einen armen Verwandten, wie oft Familien einen ärmeren Zweig haben und einen erfolgreicheren. Der feinere lebt im ersten Bezirk, der scheinbar armselige Anverwandte lebt dann draußen in der Vorstadt. Mit dem Burgkino gemeinsam werden auch die "Breitenseer Lichtspiele" ausgezeichnet.

Das Breitenseer Kino ist eines der ältesten noch spielenden Lichtspieltheater der Welt. Ich sah es, als H. C. Artmann noch lebte und man ihm dort zu Ehren eine kleine Reihe widmete. Ich sah die Gegend, in der er aufwuchs, und das Kino, mit dem er aufwuchs.

Nicht nur die britischen Geister und die echten Mörder sind von der Landschaft bedingt und von ihr hervorgebracht, sondern auch die Märchen der Brüder Grimm, die Gedichte Artmanns und manche Kinos wachsen aus den Glücks-und Unglückskurven von Landschaften heraus. Und wo, umgekehrt, passen Stan Laurel und Oliver Hardy besser hin als in die Breitenseer Lichtspiele?

Ein Artmann-Gedicht passt gut zu der Hitze jetzt und zu den beiden Kinos. Es heisst winta. Ich versuche, einige Verse in der wienerischen Fremdsprache, die nicht meine Muttersprache war, zu lesen und ich gratuliere damit zu diesem Preis: "und da mond schdeigt/ iwa n giatl drin auf/ s wiad zeit das e/ zwaa kinokoatn kauf// en kino nemlech/fön en winta de zen/bei viva las vegas/en kalefoanien. Diese Reisenotiz hat Ilse Aichinger zu Wochenbeginn bei der Verleihung des "Wiener Kinopreises" an das Burgkino und die Breitenseer Lichtspiele als Laudatio gesprochen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 20.6.2003)

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