Wenn der Mandant ruft

9. Mai 2012, 17:06
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Stressresistenz, lange Arbeitstage und Überstunden - Was in den "Lehrjahren" als Konzipient auf einen zukommt

In Österreich gibt es rund 5.500 Rechtsanwälte und 1.800 Rechtsanwaltsanwärter. Neben dem Abschluss eines Rechtsstudiums gehört die fünfjährige praktische Berufsausbildung zu den Grundvoraussetzungen, um den Beruf des Rechtsanwalts ausüben zu können. Die Gerichtspraxis, die mit dem Sparpaket 2011 von neun auf fünf Monate gekürzt wurde, ist dabei die erste Stufe beim Einstieg in die klassischen juristischen Kernberufe.

Gerichtspraxis

Für Romana Schön, Senior-Konzipientin bei der Rechtsanwaltskanzlei Josef Sailer in Bruck an der Leitha in Niederösterreich, war die Zeit als Rechtspraktikantin eine sehr spannende. "Es kommt immer darauf an, ob die Ausbildner Interesse daran haben, dass man etwas lernt", sagt die Rechtsanwaltsanwärterin. Schön hat einen Teil ihres Gerichtsjahres, bei ihr waren es noch neun Monate, am mittlerweile aufgelösten Jugendgerichtshof unter der Leitung von Udo Jesionek absolviert. "Der war mit Herzblut bei der Sache hat sich toll eingesetzt für die Resozialisierung der jugendlichen Straftäter und war ein gutes Vorbild", erzählt sie.

Generell war die Gerichtspraxis für Schön eine äußerst lehrreiche Zeit. Dementsprechend hält sie die Kürzung auf fünf Monate für wenig sinnvoll. "Die Gerichtspraxis erfüllt schon einen großen Sinn. Bei Gericht lernt man, wie Verfahren und Vernehmungen geführt werden, wie man protokolliert und ein Urteil verfasst, und bekommt die Gelegenheit, Anwälte bei der Verhandlung zu beobachten. Dadurch, dass man die Richterseite sieht, bekommt man einen ganzheitlichen Blick auf die Materie, nicht nur den, dass man immer Partei ergreifen muss", so die Rechtsanwaltsanwärterin.

Konzipientenzeit

Als Konzipientin in einer Kanzlei hingegen geht es dann schon ums Parteiergreifen für die Klienten. "Am Land ist die Klientenarbeit das tägliche Brot. Man wird gleich losgelassen auf die Leute", sagt Schön. Bis man aber Klienten, im Regelfall unter Anleitung des ausbildenden Anwalts, betreuen kann, dauert es seine Zeit. Die ersten Aufgaben von Jungkonzipienten haben dann auch mehr mit Schriftsätzen und Aktenbearbeitung zu tun als mit Klientenarbeit. "Am Anfang wird man noch sehr geführt vom Chef, wenn man Glück hat", sagt Schön.

Die umfassende Praxis in mehreren Rechtsbereichen in einer kleineren bis mittleren Kanzlei am Land kann sich dabei als Vorteil für die Rechtsanwaltsprüfung erwiesen. "Wenn man sich in einer Großkanzlei von Anfang an zum Beispiel auf Immaterialgüterrecht spezialisiert, dann wird man keine Ahnung haben, wie man einen Schriftsatz in einem Zivilverfahren verfasst. Es ist günstig für die Vorbereitung auf die Rechtsanwaltsprüfung, wenn man von allen Rechtsgebieten eine Ahnung hat", so Schön.

Rechtsanwaltsprüfung

Nach der geleisteten Gerichtspraxis und der Aufnahme als Konzipient in einer Rechtsanwaltskanzlei erfolgt die Eintragung in die Liste der Rechtsanwaltsanwärter der jeweiligen Rechtsanwaltskammer. Der nächste Schritt ist dann die Rechtsanwaltsprüfung, die aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil besteht, wobei zuerst der schriftliche Teil abgelegt wird, der eigentlich aus drei einzelnen Prüfungsterminen besteht, an denen die Anwälte in spe Arbeiten zu jeweils drei Beispielfällen aus unterschiedlichen Rechtsbereichen abgeben müssen.

Um zur Rechtsanwaltsprüfung antreten zu können, müssen mindestens drei Jahre Berufspraxis und die Absolvierung von 24 Seminarhalbtagen nachgewiesen werden. Ob und in welchem Ausmaß diese verpflichtenden Seminare vom Arbeitgeber bezahlt werden und wie lange sich Konzipienten zur Vorbereitung auf die Rechtsanwaltsprüfung freistellen lassen können, ist je nach Kanzlei unterschiedlich. Als Rechtsanwalt kann man sich erst nach der erfolgreich absolvierten Rechtsanwaltsprüfung, der Absolvierung der erforderlichen Ausbildungsseminare im Ausmaß von 42 Halbtagen, der fünfjährigen Gesamtpraxis und einer Prüfung der Vertrauenswürdigkeit durch die Rechtsanwaltskammer eintragen lassen.

Schwierige Anfangszeit

Ein langer Weg also vom Konzipienten zum Rechtsanwalt. Der Karriereweg verläuft dabei genauso wie die Ausbildung mehrstufig: vom Jung- zum Seniorkonzipienten, vom Junganwalt zum Senior Associate und schließlich die Möglichkeit des Aufstiegs zum Junior- oder Senior-Partner. Helena Marko, seit kurzem Managing Partner bei der internationalen Anwaltskanzlei Lansky, Ganzger & Partner (LGP), ist seit zehn Jahren in der Kanzlei tätig und wurde vor vier Jahren als Rechtsanwältin übernommen.

An ihre Anfangszeit als Jungkonzipientin kann sie sich noch gut erinnern. "Da habe ich Rotz und Wasser geweint. Das war ein Sprung ins kalte Wasser, man bekommt Akten, die man bearbeiten muss, und nicht wie beim Studium Rechtsfragen, die man recherchiert", erzählt Marko. Den allzu kalten Sprung ins Wasser versucht man bei LGP mit Ausbildungsanwälten abzufedern. "Jemand, der einen unterstützt und sagt, wie man die Sache angeht, wie man mit dem Mandanten kommuniziert, das hat mir gefehlt", erzählt Marko. Neue Konzipienten auf Mandanten loszulassen ist für sie undenkbar. Nach einer Einarbeitungsphase übernehmen Jungkonzipienten unter Anleitung und Kontrolle eines Ausbildungsanwalts aber sehr wohl kleine Causen.

Kein 9-to-5-Job

Der Rechtsanwaltsberuf ist kein 9-to-5-Job. Marko kann das gar nicht genug betonen. "Wenn der Konzipient nicht bereit ist, für die Kanzlei und den Rechtsanwalt, der ihn ausbildet, da zu sein, wenn man ihn braucht, unter Umständen auch am Wochenende, dann wird er auch als Rechtsanwalt für seinen Mandanten nicht da sein", so Marko, bei der durchgearbeitete Wochenenden und Arbeitszeiten bis 9 Uhr abends keine Seltenheit sind.

Für Andrej Mlecka, Konzipient bei LGP, der sich auf allgemeines Zivilrecht, aber auch öffentliche Rechtsgebiete wie Gewerberecht spezialisiert hat, ist ein Arbeitstag mit zehn Stunden mittlerweile selbstverständlich. Er war nach dem Studium zuerst vier Jahre lang als Unternehmensjurist in der Privatwirtschaft tätig.

Auch seine Kollegin Julia Abermann, ebenfalls Konzipientin bei LGP, hat nach ihrem Rechtsstudium in Innsbruck zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Arbeits- und Sozialrecht gearbeitet. Da sie aber nicht mehr nur mehr am Papier, sondern mehr mit Klienten arbeiten wollte, hat sie sich für den Berufseinstieg in die Anwaltei entschieden. "Die Anfangszeit ist wahnsinnig arbeitsaufwendig, da muss man sich das inhaltliche Know-how mit jedem Fall neu erarbeiten, aber man lernt, was Rechtsdurchsetzung bedeutet, und auch viel, was den Umgang mit Mandanten anbelangt", sagt Abermann über die Früchte der harten Konzipientenarbeit.

Kein gesetzlich festgelegtes Einstiegsgehalt

Auch Romana Schön, Konzipientin in der kleinen Kanzlei in Niederösterreich, kann von 50 bis 60 Arbeitsstunden pro Woche berichten. Nicht nur die Arbeitszeiten sind oft ungeregelt bei Konzipienten, auch die Entlohnung ist nicht gesetzlich fixiert. Die Tiroler Rechtsanwaltskammer beispielsweise hat mit 1. Jänner 2012 ein Einstiegsgehalt von 1.800 Euro brutto als Richtwert festgesetzt. Schön nennt ein Durchschnittsgehalt von 1.800 bis 2.200 Euro brutto, wobei die Entlohnung von Kanzlei zu Kanzlei unterschiedlich ist. So zahlen kleine Kanzleien in der Regel weniger als die großen.

Nicht nur nach Ablegung der Rechtsanwaltsprüfung ist mit Gehaltssprüngen zu rechnen, sondern auch nach Erhalt der großen Legitimationsurkunde ("große LU"). Im Gegensatz zur kleinen LU, die man sofort nach der Gerichtspraxis als Rechtsanwaltsanwärter erhält, darf man mit der großen LU auch bei Anwaltszwang, also bei gesetzlich vorgeschriebener Beiziehung eines Rechtsanwalts, als Rechtsanwaltsanwärter den Anwalt vertreten. Die große LU kann man nach eineinhalb Jahren Praxis und zwölf Seminarhalbtagen beantragen. Gut verhandeln lautet daher die Devise bei praxiserfahrenen Konzipienten, bei Jungkonzipienten ist weniger Verhandlungsspielraum bei der Entlohnung gegeben.

Hat man die Rechtsanwaltsprüfung geschafft und ist als Rechtsanwalt eingetragen, gibt es auch die Option der selbstständigen Erwerbstätigkeit. Eine eigene Kanzlei zu eröffnen ist aber leichter gesagt als getan. "Da muss man Startkapital mitbringen, Mandanten akquirieren, Kammerbeiträge zahlen, spezielle Software erwerben, Personal bezahlen", so Schön. Das wirtschaftliche Risiko bei einem selbstständigen Kanzleibetrieb ist zwar groß, kommt für viele aber dennoch in Frage, vor allem wenn die Unzufriedenheit mit der Entlohnung steigt und die Aussicht auf eine Partnerschaft in der Kanzlei auch nach jahrelanger Tätigkeit in weiter Ferne bleibt. (Güler Alkan, derStandard.at, 9.5.2012)

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