Schüleraustausch: Die Schultasche als Reisekoffer

9. Mai 2012, 09:40
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Die Frankophilie zelebrieren, "Ay Caramba" akzentfrei rufen oder den American Dream träumen - immer mehr Jugendliche suchen schon während ihrer Schulzeit das Weite und machen einen Schüleraustausch

Wien/Salzburg - Fragt unsereins heute einen Klassenkollegen, ob er sich eigentlich überlegt habe, während der Schulzeit ins Ausland zu gehen, kann man mit einem "Ja klar, du nicht?" und erstauntem Stirnrunzeln rechnen.

Es ist zum Trend geworden, die Möglichkeit zu nutzen, während der Schulzeit ein oder zwei Semester im Ausland zu verbringen.

Das bedeutet, bei einer Gastfamilie zu wohnen und in eine lokale Schule zu gehen, mit dem Ziel, eine andere Kultur kennenzulernen und an einigen Erfahrungen reicher nach Hause zu kommen.

Voraussetzungen dafür gibt es wenige. Am wichtigsten ist, dass "die Jugendlichen flexibel, motiviert und offen für neue Kulturen sind", meint Anne Huben. Sie leitet das Programm "High School Year Abroad" bei Education First (EF), eine der weltweit bekanntesten Austauschorganisationen.

In einigen Fällen ist ein Notendurchschnitt von 2,8 erforderlich. Ab einem fünfmonatigen Aufenthalt darf der Schüler ganz normal in die nächste Klasse aufsteigen.

Abseits des Schulalltags

"Ich wollte schon immer einmal ein Auslandsjahr machen und etwas Neues erleben. Ich habe es als Abenteuer gesehen, meinen Schulalltag zu verändern", begründet Christina Stotter ihre Entscheidung, ein Jahr in Frankreich zu verbringen. Auch sei es reizvoll, eine andere Sprache zu lernen und auf elternunabhängigen Beinen zu stehen.

Für manche ist es sogar eine Selbstbewusstseinstherapie, wie die nach Amerika gereiste Naomi Fuhri meint: "In der Schule war ich die Sensation. Obwohl ich eher schüchtern bin, habe ich in diesem halben Jahr gelernt, auf andere zuzugehen."

Die richtige Planung

Für den Auslandsaufenthalt stehen Schülern zwei Optionen offen: Entweder man entscheidet sich für eine Planung durch eine Organisation, oder man arrangiert den Austausch privat. Letzteres bietet sich an, wenn man schon Bekanntschaften im Ausland hat. Diese Variante kann zwar aufwändig sein, man erspart sich aber die Bezahlung einer Organisation.

Die professionelle Abwicklung hat wiederum den Vorteil, dass Beratungsgespräche und Betreuer vor Ort angeboten werden und ausgewählte Gastfamilien zur Verfügung stehen.

Allerdings läuft auch bei professionell organisierten Reisen nicht immer alles nach Plan: "Unser Betreuer hatte vergessen, dass wir ankommen. Wir mussten mehr als eine Stunde am Bahnhof auf unsere Gastfamilien warten", berichtet Mara Hochmeier, die ohne jegliche Sprachkenntnisse mit der Austauschorganisation American Field Service (AFS) ein Jahr nach Argentinien reiste.

Erfahrungen sammeln

Die momentan in Kanada wohnhafte Julia Grömer (17) bereut die Entscheidung nicht, ihren halbjährigen Aufenthalt privat abgewickelt zu haben. Sie zieht es vor, ihre Freiheiten direkt mit der Gastfamilie festzulegen und sich nicht nach den Angaben einer Organisation richten zu müssen.

Verboten sei oftmals jeglicher Konsum von Alkohol oder Nikotin. Besonders streng wird dies in den USA gehandhabt. "Einige meiner Klassenkollegen wurden von EF nach Hause geschickt, weil sie Alkohol konsumiert hatten", erzählt Jakob Becvar von seinem Auslandsjahr in den Staaten.

Aber auch Österreich wird von vielen internationalen Austauschschülern besucht. So hat sich beispielsweise die Südafrikanerin Geraldine Dladla entschieden, ein Jahr in Wien zu verbringen. "Ich bin die Erste von meiner Schule, die ins Ausland geht," erzählt Dladla. In Südafrika sei das überhaupt nicht üblich, weil die Kulturen so verschieden seien.

"Auch wenn Afrika ganz anders ist und die Österreicher nicht so aufgeschlossen sind, würde ich am liebsten noch ein Jahr bleiben", sagt Dladla.

Auch Fuhri wäre gerne noch ein Jahr geblieben, rät aber jedem, eine Organisation zu wählen, bei der die Gastfamilie kein Geld bekommt. "Nur so kann man sich sicher sein, dass diese nicht an einer Bezahlung, sondern an der fremden Kultur interessiert sind." (Tarek Diebäcker, Milena Klien, Selina Thaler, DER STANDARD, 9.5.2012)

  • Artikelbild
    illustration: karin gsöllpointner
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