"Cloud bringt viele Gefahren, die man nicht absehen konnte"

30. Oktober 2012, 07:48
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Die HP-Networking-Chefs Gillai und Mayer über die Zukunft der Cloud

Im Rahmen der Interop in Las Vegas hatte der WebStandard die Gelegenheit, mit Saar Gillai, Vice President und CTO von HP Networking, und Bethany Mayer, Senior Vice President und General Manager des Unternehmens, über die Zukunft der Cloud und die damit einhergehende Veränderung von Arbeit, wie wir sie kennen, zu sprechen.

Anstoß des Interviews waren das große Thema Virtualisierung von Netzwerken und eine Präsentation von HP Networking über die künftige Zusammenarbeit mit F5, einem Unternehmen, das sich mit der Implementierung von IT-Infrastrukturen in Unternehmen befasst. Präsentiert wurde eine Lösung, die es erlaubt, Anwendungen in großen Netzwerken innerhalb von Minuten bereitzustellen. Große Ambitionen, denn bislang dauerte dieser Prozess monatelang aufgrund der verschiedenen Anforderungen, die zwischen System- und Netzwerkadministratoren geklärt werden mussten. Die manuelle Überprüfung von Servern, Subnets und Bandbreiten wird somit automatisiert. Konkrete Anwendungsbeispiele gibt es noch nicht.

derStandard.at: Minuten statt Monate - das klingt beeindruckend und ambitioniert. Ist es möglich, dass sie damit einen großen Arbeitsmarkt zerstört haben?

Mayer: Ich glaube, es geht nicht darum, Jobs abzuschaffen, sondern den Menschen eine höhere Produktivität zu ermöglichen. Anstatt sich mit diesen Wartungsarbeiten zu beschäftigen, können sich diese Menschen jetzt auf wichtigere Dinge konzentrieren. Es geht in Richtung Innovation.

derStandard.at: Wie fehleranfällig ist dieses System?

Gillai: Nichts ist perfekt. Es hat sich historisch gezeigt, dass automatisierte Aufgaben weniger fehleranfällig sind als manuelle. Findet man in automatisierten Systemen Fehler, so kann man diese beheben. Ein einziges Mal reicht. Menschen neigen jedoch dazu, Fehler immer und immer wieder zu machen.

derStandard.at: Erik Giesa von F5 hat heute nebenbei gesagt: "Wir haben einen gemeinsamen Feind, und der heißt Cisco." Würden Sie das unterschreiben?

Gillai: Es geht nicht um einen gemeinsamen Feind. Wir sind offener als Cisco. Wir arbeiten mit anderen zusammen. Das wird uns wettbewerbsstark machen.

derStandard.at: Was ist der nächste Schritt?

Gillai: Wenn wir über die Kombination von Software und Netzwerken sprechen, müssen wir uns einige Phasen vorstellen. Die erste ist: "Ich habe etwas, das ich jetzt schnell und gut machen kann." Da sind wir im Moment. Und danach wird die Phase kommen, in der sich die Entwickler mit Anwendungen auseinandersetzen werden, die es so noch nicht gegeben hat.

derStandard.at: Ich habe in Ihrer Biografie gelesen, dass Sie für 3Com und Cisco gearbeitet haben. Glauben Sie, dass 3Com vor zehn Jahren eine schlechte Entscheidung getroffen hat, als es die Business-Lösungen fallen ließ? Hatte 3Com Angst vor Cisco?

Gillai: Sie hatten keine Angst vor Cisco, sondern wollten sich auf andere Geschäftsfelder konzentrieren.

derStandard.at: Aber war es eine schlechte Entscheidung?

Gillai: Im Nachhinein betrachtet war es nicht die beste Idee. Ich denke, dass neben dieser Entscheidung auch viele andere Dinge dort passiert sind. Es wäre besser gewesen, sie wären dabei geblieben, aber so etwas kann man schlecht voraussagen.

derStandard.at: Sie sagen, dass 25 Prozent aller Kommunikation auf beruflicher Ebene über Video- und Multimedia-Kanäle stattfinden werden. Könnte es sein, dass diese Dinge zu sehr ablenken und die Menschen unproduktiver machen?

Mayer: Ganz im Gegenteil. Ein Beispiel: Im technischen Bereich versucht man, zusammenzuarbeiten und Produkte gemeinsam zu entwickeln. Und das geht nicht via E-Mail, weil es zu lange dauert. In meinem Umfeld verwenden wir sehr viel Videokommunikation, weil es sehr wertvoll ist. Es schafft eine bessere Beziehung unter den Menschen. E-Mails können missverstanden werden und führen oft dazu, dass man irritiert oder aufgebracht ist.

derStandard.at: Durch die hohe Mobilität und den damit einhergehenden Lifestyle ist man mittlerweile ständig und überall erreichbar. Denken Sie, dass das für Unternehmen sowohl gut als auch schlecht sein könnte?

Gillai: Ein Teil des Problems ist, dass viele Unternehmen global sind. Dass Arbeit und Effizienz nicht dasselbe sind, wissen wir seit jeher. Es ist einfach, Information zu schaffen, aber es überstrapaziert den Prozess. Man muss also Wege finden, um die richtige Menge an Information zu schaffen.

Mayer: Ich glaube nicht, dass es schlecht sein kann. Ich denke, dass das einfach so ist. Die Grenze zwischen privatem und beruflichem Leben ist verschwommen, weil wir ständig Geräte mit uns tragen, die uns ein Arbeiten von überall aus ermöglichen. Mobilität steigert Produktivität. Ich glaube also nicht, dass es schlecht ist. Unternehmen befassen sich im Moment eher damit, ihre Netzwerke zu diesem Zweck auszubauen, aber auch zu kontrollieren. Wer hat wann worauf Zugriff und wie kann ich das kontrollieren? Es ist eine neue Herausforderung.

derStandard.at: Aber kann das nicht zu einem großen Privatsphäre-Problem werden? Auch wenn ich mein eigenes Gerät mitbringe, möchte ich nicht, dass der Arbeitgeber weiß, wann und wo ich welche Seiten ansurfe. Führt das nicht zu ständiger Überwachung seitens des Arbeitgebers?

Mayer: Es gibt diese Möglichkeiten schon. Unternehmen müssen sich fragen, ob sie das wollen. Wenn es das Netzwerk der Firma ist, muss man sich eben an deren Regeln halten.

derStandard.at: Es scheint, als wären viele Unternehmen noch nicht so weit, um die Kontrolle über den Zugriff auf das interne System nicht abzugeben.

Mayer: Unternehmen sind sich dessen bewusst, dass Daten überall verfügbar sein müssen, damit die Leute ihre Aufgaben erledigen können. Deshalb bieten wir ihnen Lösungen an, damit sie sich nicht ständig damit befassen müssen. Eine Policy im Unternehmen reicht. Was auch immer später dazukommt, wird automatisiert angepasst. Der Bedarf an diesen Technologien ist sehr groß.

derStandard.at: Die sogenannte Facebook-Generation erwartet sich ein schnelles Internet und Zugriff auf alles in Echtzeit. Glauben Sie, dass das technisch immer erfüllt werden kann?

Mayer: Es hängt sehr stark vom jeweiligen Land ab. Jeder versucht, mit der Infrastruktur mitzuhalten und einen schnellen Internetzugang zu schaffen. Dieser Druck verstärkt das Wachstum von WLAN-Märkten.

derStandard.at: Wird es möglich sein, die Bandbreite so schnell zu erhöhen, wie die Entwicklung von Netzwerken momentan passiert?

Mayer: Wenn man darüber nachdenkt, was Bandbreitenwachstum fördert, hat das sehr viel damit zu tun, welche Anwendungen die Menschen über Netzwerke hauptsächlich verwenden. Video verwenden die Menschen zum Beispiel sehr stark. Und je mehr Menschen mobile Geräte nutzen, desto stärker wird das Netzwerk belastet. Also muss das Wachstum einhergehen mit dem Wachstum der mobilen Geräte. Ich denke, dass das noch nicht passiert ist und dass deshalb Menschen mit dem Zugang zu verschiedenen Anwendungen kämpfen. Aber die Technologie ist da.

derStandard.at: Wenn man bedenkt, dass in einigen Jahren die Dichte an mobilen Netzwerkusern um 50 Prozent steigt, wird das nicht automatisch zu einem sehr großen Sicherheitsproblem?

Mayer: Ja, und es wird immer ein Sicherheitsproblem bleiben. Auch interne Netzwerke in Unternehmen haben große Sicherheitsansprüche. Wir unterstützen die Absicherung dieser Geräte und Netzwerke. Es herrscht großer Druck für Lösungsansätze aktueller Sicherheitsprobleme.

derStandard.at: Was denken Sie über die Zukunft der Cloud? Wie sehr wird sich unsere Umwelt dadurch verändern?

Gillai: Es gibt verschiedene Faktoren, die hier mitspielen. Zum einen muss man erst einmal Zugang zur Cloud haben. Wenn man das nämlich nicht hat und es nicht schnell genug ist, bringt einem die Cloud auch nichts. Der Grund, warum wir die Cloud im Moment so stark aufkommen sehen, ist die Tatsache, dass man alles überall hat. Und je weiter wir uns in Richtung 4G bewegen und je günstiger diese Infrastruktur wird, umso wichtiger wird die Cloud. Solange wir in Flugzeugen keinen Internetzugang haben, so lange wird auch die Cloud nicht unbedingt von großer Wichtigkeit sein.

derStandard.at: Aber es gibt mittlerweile Flugzeuge, die WLAN anbieten.

Gillai: Es wird langsam, aber es passiert nicht schnell genug. Vor zehn Jahren war es ein Traum von jedem, seine gesamte Musik auf einem Handy zu speichern. Aber Musik auf dem Gerät zu haben ist heutzutage total irrelevant, weil man jetzt Zugang zur gesamten Musik hat, die jemals geschaffen wurde. Dasselbe passiert im Moment mit dem Fernsehen. Was wir sehen werden, ist der Zugriff auf alle Daten, von überall aus. Wir können zum Beispiel im Web nach allem googeln, allerdings ist unser eigenes Leben nicht in der Cloud.

derStandard.at: Die Cloud sollte also mehr individualisiert werden?

Gillai: Stellen Sie sich vor, Sie könnten alles, was Sie jemals gesagt, getan oder geschrieben haben, aufrufen. Das Interessante wird sein: Was passiert, wenn das alles erreicht ist, und jemand kommt mit einer neuen Idee daher? Als das iPhone damals aufkam, hätte auch niemand vorher über all diese Apps nachgedacht. Es wird interessant werden, was möglich sein wird. Im Moment ist die Cloud noch nicht dazu fähig, weil sie sich weiterentwickeln muss.

derStandard.at: Werden die Menschen ihre Daten auch in Zukunft verschiedenen Unternehmen blind anvertrauen?

Gillai: Ich glaube, die Menschen überschätzen die Sicherheit der Information im Moment. Oder glauben Sie etwa, dass Ihre Daten in der Bank sicher sind? Oder Ihre Telefongespräche? Es werden Technologien kommen, die diese Sicherheit gewährleisten werden, und im Moment ist die Cloud relativ sicher. Die Leute überreagieren. Es wird immer ein Rennen zwischen neuen Technologien und Sicherheit geben. Eines der größten Sicherheitsprobleme ist nach wie vor die Software, die auf dem Desktop jedes Einzelnen läuft.

derStandard.at: Es scheint, als würde es im Moment keine Möglichkeit geben, Clouds angemessen und zuverlässig zu schützen. Wie intensiv arbeiten Sie an der Lösung dieser Probleme, wie es Intel zum Beispiel macht?

Mayer: Wir haben sehr hohe Security-Maßnahmen zur Überwachung von Systemen und deren Schutz vor Angriffen jeglicher Art. Es kommen viele Gefahren, die man vielleicht vorher nicht absehen konnte. Aber wir arbeiten daran und haben eine sehr große Security-Abteilung dafür.

derStandard.at: Wird HP weiter mitspielen im Bereich Public Cloud?

Mayer: Wir haben bereits Angebote für die Öffentlichkeit als auch für Unternehmen. HP wird definitiv weiter mitspielen. (Iwona Wisniewska, derStandard.at, 8.5.2012)

  • HP-Networking-CTO Saar Gillai beim Gespräch.
    foto: derstandard.at

    HP-Networking-CTO Saar Gillai beim Gespräch.

  • Senior Vice President Bethany Mayer
    foto: derstandard.at

    Senior Vice President Bethany Mayer

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