Mit vollen Betten ist schlecht forschen

8. Mai 2012, 19:47
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Was das Reisen bewirkt, können Ökonomen oder Soziologen untersuchen - Zusammen tun sie das selten - Ein gemeinsames Ziel der Tourismuswissenschaft ist schwer auszumachen

Gerade in touristisch erfolgreichen Ländern ist die Forschungsmüdigkeit besonders hoch. 

Touristen treffen heute in der Düsseldorfer Geibelstraße auf einen Stolperstein. So werden in vielen deutschen und österreichischen Städten die ins Trottoir eingelassenen Gedenktafeln für die Opfer des Nationalsozialismus genannt. Eine ist dem Ökonomen Robert Glücksmann gewidmet, der in den 1930er-Jahren Neues vorhatte mit den Archiven für den Fremdenverkehr. Erstmalig im deutschsprachigen Raum ließ er in dieser Fachzeitschrift Beiträge veröffentlichen, die Touristen nicht nur als geldbringende, sondern auch als sozial interagierende Wesen thematisierten.

Acht Jahrzehnte später ist die Rede von eigenständigen Tourismuswissenschaften. Unklar bleibt dabei aber bis heute, ob die Disziplin ein gemeinsames Erkenntnisobjekt kennzeichnet: Ist es das Phänomen der zeitweiligen Ortsveränderung, das hier untersucht wird, oder stolpert die Forschung von einer Analyse touristischer Produkte zur nächsten?

Auslöser in den 1980ern

Reinhard Bachleitner, Tourismussoziologe an der Uni Salzburg und Herausgeber der einzigen deutschsprachigen Zeitschrift für Tourismuswissenschaft, gibt eine Antwort darauf: "Was eine Reise auslöst, wird erst seit den 1980er-Jahren wieder untersucht. Vor allem dort, wo Tourismus gut funktioniert - etwa in Österreich -, wird Grundlagenforschung aber selten nachgefragt." Die Reisesozialisationsforschung müsse ohne Fördergelder und mit wenigen empirischen Befunden auskommen.

Das trifft auch auf eine Studie zu, die für ein Europa mit aktuell erhöhtem Solidaritätsbedarf wertvolle Erkenntnisse liefern könnte: Bachleitner und sein Kollege Wolfgang Aschauer versuchen darin die Frage zu beantworten, ob der innereuropäische Tourismus die Identifikation mit der EU beeinflusst. Gemessen wird die Reiseintensität von Bürgern und deren Beteiligung an Europawahlen.

Als Schlussfolgerung wollen die Soziologen demnächst publizieren, dass es diesen Zusammenhang zwischen häufigem Reisen und der Identifikation mit Europa - in Form der höheren EU-Wahlbeteiligung - tatsächlich gibt. Sie räumen aber ein, dass dieses Ergebnis nur auf der durchschnittlichen nationalen Reisefreudigkeit beruht und durch direkte Befragungen gestützt werden müsste.

Reisen für Veränderungen

Bachleitner gesteht zudem ein, dass die Tourismussoziologie tendeziell davon ausgeht, dass das Reisen einen demokratischen Prozess darstellt. Es könne den Reisenden ebenso verändern wie die bereisten Länder. Aschauer versucht das nun konkret anhand des Arabischen Frühlings zu überprüfen. Seine Hypothese: "Revolutionstourismus" mit einem kulturell interessierten Blick kann derzeit die einmalige Chance bieten, muslimische Gesellschaften im Umbruch zu studieren, korrigierende Erfahrungen mit nach Hause zu nehmen und ein vielschichtigeres Bild zu verbreiten.

Dass wenige Ergebnisse der Tourismusforschung den Reisenden selbst zugute kommen, ist unbestritten. Bachleitner gibt aber zu bedenken, wie schwer dieser Anspruch von einer akteursbezogeneren Wissenschaftsdisziplin einzufordern ist: "Das Interesse an der Reflexion über die eigene Reisetätigkeit ist gering. Vielmehr belegen viele unserer Untersuchungen, dass Reisende gar nichts Neues entdecken wollen, sondern nur nach einer Bestätigung für ihre Erwartung suchen."

Karl Wöber, Rektor der Modul- Universität Wien, teilt die Verwunderung darüber, dass ein touristisch erfolgreiches Land wie Österreich so wenig differenziert zum Thema forscht. Mitverantwortlich dafür sei das Fehlen einer dezidierten Forschungsförderung für Tourismus, die in anderen EU-Ländern üblich sei. Zu ökonomielastig sei die Disziplin nicht, vielmehr gebe es eine Diskrepanz zwischen dem bereits hohem Erkenntnisgewinn und der geringen Anwendung in der Branche.

Mit einer hauseigenen Entwicklung - dem sogenannten Tourismus Marketing Information Service (TourMIS) - wird gesammeltes Tourismuswissen nun besser verbreitet und zur Diskussion gestellt. "TourMIS ist eine Art Wikipedia für Tourismusstatistik", präzisiert Wöber. Der Vergleich ist insofern treffend, weil auch die Benutzer dieser öffentlich zugänglichen " Enzyklopädie" als sicher verbuchtes Wissen auf einmal hinterfragen. Von der Welttourismusorganisation der Uno bekam dieser Beitrag zur Harmonisierung von touristischem Datenmaterial bereits eine Auszeichnung.

Soziale Verantwortung

Dagmar Lund-Durlacher vom Institut für Tourismus- und Hotelmanagement an der Modul-Uni meint, die Tourismusforschung habe immerhin große Fortschritte gemacht. Mit oft oberflächlicher Marktforschung sei sie jedenfalls nicht mehr gleichzusetzen.

Zuletzt hat Lund-Durlacher ein Forschungsprojekt geleitet, bei dem Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten (CSR) in der Hotellerie untersucht wurden. Studenten der Modul-Universität sollten herausfinden, wie Beherbergungsbetriebe die soziale und ökologische Verantwortung für ihr Tun gestalten. Eine Erkenntnis dabei war, dass CSR-Maßnahmen aber von Reisenden oder Veranstaltern kaum wahrgenommen werden. Vielmehr ist der Nutzen für die Hotellerie groß, weil bei der Implementierung der CSR-Strategie die ökonomische Struktur von Unternehmen auf Effizienzdefizite durchleuchtet wird.

Karl Wöber räumt zudem ein, dass es selbst in der angewandten Tourismusforschung noch großen Aufholbedarf gibt. So sei sowohl die Destinationsplanung als auch die Trendforschung häufig auf zu wenig Empirie gestützt. Der Disziplin insgesamt die Seriosität abzusprechen oder sie als eigenständige Wissenschaft infrage zu stellen, lehnt er aber ab: "In allen anderen Forschungsbereichen gilt ja auch die Vermutung, sie sind per se eine Wissenschaft." (Sascha Aumüller, DER STANDARD, 9.5.2012)

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    Die Tourismusforschung will keine Handtücher mehr zählen. Die Methoden vieler Untersuchungen befinden sich im Umbruch.

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