Israel - Iran: Komplexe Logik

Blog8. Mai 2012, 19:38
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Teheran würde durch einen israelischen Militärschlag politisch nur gewinnen - solange es keinen Atomtest unternimmt

Ist ein israelischer Angriff auf die iranischen Atomanlagen durch die Stärkung von Benjamin Netanjahus Regierungskoalition wahrscheinlicher geworden, wie es die "Kronen Zeitung" suggeriert, oder weniger wahrscheinlich, wie es Ben Segenreich im STANDARD schreibt: "Die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs ist umso geringer, je glaubwürdiger die Drohung damit ist."

Beide Ansichten gehen davon aus, dass der Iran tatsächlich an einer Atombombe bastelt und Israel dies mit allen Mitteln verhindern will - selbst um den Preis eines riskanten Militärschlags.

Beides mag stimmen, weil Politik in Nahen Osten oft von Emotionen und nicht vom Verstand geleitet wird. Aus einer strategischen Sicht ist beides allerdings unwahrscheinlich: Ein rational handelnder Iran würde keine Atombombe bauen, ein rational handelndes Israel nicht versuchen, Atomanlagen mit militärischen Mitteln zu zerstören.

Die iranische Führung ist zwar fanatisch, aber nicht verrückt. Sie verfolgt ihr Atomprogramm mit gutem Grund. Es gibt ihr weltpolitisch mehr Einfluss und Druckmittel vor allem gegenüber den USA in die Hand. Bisher war der Preis, nämlich Wirtschaftssanktionen, erträglich.

Das würde sich ändern, wenn der Iran tatsächlich einen atomaren Sprengkopf zündet. Die offizielle Position, das Atomprogramm sei friedlich, wäre dann Lügen gestraft, die internationale Isolierung komplett - und die Gefahr eines massiven Angriffs durch die USA mit Verbündeten sehr real.

"Nuclear Hedging" nennt man die Strategie, die der Iran offenbar verfolgt. Er will in der Lage sein, eine Atomwaffe rasch herzustellen, ohne es unbedingt zu tun.

Ein Atomtest wäre ein doppeltes Risiko: Einerseits könnte er leicht schiefgehen, wie es Nordkorea zweimal erlebt hat, andererseits hätte Israel dann die internationale Legitimität für einen Militärschlag, die ihm vor einem solchen iranischen "Coming-out" fehlen würde.

Mit einem Militärschlag zu warten, bis der Iran die Bombe zündet, erscheint vielen Israelis als riskant. Aber es wäre nicht zu spät, denn auch dann hätte der Iran noch kein einsetzbares Nukleararsenal. Auf dieses Zeitfenster kann sich Israel verlassen, ohne seine Sicherheit wirklich zu gefährden.

Aber das weiß auch der Iran. Deshalb wird er das Atomprogramm zwar weiter betreiben, aber ohne bis zum Letzten zu gehen und tatsächlich einen Sprengkopf zu testen.

Eines aber würde dem Iran noch mehr in die Hände spielen: ein israelischer Präventivangriff, bevor Teheran durch einen Atomtest die Maske fallen gelassen und sich als Atommacht deklariert hat.

Ein solcher Militärschlag wäre für die israelische Seite mit großem Risiko behaftet. Alle Militärexperten betonen, wie schwer es ist, unterirdische, weit verstreute Anlagen so zu treffen, dass sie nicht mehr verwendet werden können.

Gelingt es Israel allerdings nicht, das iranische Atomprogramm insgesamt zu zerstören, dann kann der Iran es rasch wieder aufnehmen und hat dann die Begründung für seine Bewaffnung parat: Als Opfer israelischer Aggression benötigt es dringend die A-Bombe - auch um dem großen israelischen Atomarsenal etwas entgegen setzen zu können.

Und selbst wenn der israelische Angriff sein Ziel erreicht, steht der Iran besser da als zu Beginn seines Atomprogramms: Er hat dann zwar keine Atombombe und kaputte Anlagen, dafür aber einen guten Grund, diese wieder aufzubauen.

Als Opfer Israels hätte Teheran einen enormen Gewinn an Einfluss und Glaubwürdigkeit. Die politischen Vorteile würden den militärischen Schaden leicht aufwiegen. Und der Verlust an Menschenleben und selbst die Kosten wären ohnehin nebensächlich.

Gudrun Harrer hat zuletzt im Album des STANDARD dargelegt, wie sehr der israelische Angriff auf den irakischen Osirak-Reaktor Saddam Husseins nukleare Pläne befeuert und erst den Anlass für sein Atomprogramm geliefert hat.

Deshalb wirken die israelischen Drohungen auf die iranische Führung nicht abschreckend. Diesehätte durch einen Angriff viel mehr zu gewinnen als zu verlieren. Bloß der eigene Atomtest würde die Gewinn- und Verlust-Rechnung umdrehen.

Beides ist daher äußerst unwahrscheinlich - unter der Annahme, dass die Entscheidungsträger logisch denken.

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