Kommunalwahlen in Italien: Berlusconis tiefer Sturz

8. Mai 2012, 19:24
6 Postings

Die Parteien sind gut beraten, den brutalen Denkzettel ernst zu nehmen, den die Italiener ihnen am Wochenende erteilt haben

Italiens Wähler haben lange gebraucht, um mit der Regierung abzurechnen, die ihr Land an den Rand des Abgrunds geführt hat: Ganze sechs Monate nach dem Rücktritt Silvio Berlusconis bekamen der Cavaliere und sein langjähriger Koalitionspartner Umberto Bossi nun die Wut und Enttäuschung der Italiener voll zu spüren. Doch trotz ihres kläglichen Scheiterns agieren beide noch immer als maßgebliche Strippenzieher ihrer Parteien.

Berlusconi hatte den Italienern nichts weniger als eine liberale Revolution versprochen; Bossi die weitgehende Unabhängigkeit der Phantom-Region Padanien. Heute ist klar: Die von ihnen geschaffenen Parteien haben nur dann eine Zukunftschance, wenn sie sich von ihren Übervätern trennen und diese endlich in den Ruhestand schicken. Doch Berlusconi will noch immer bestimmen, wer 2013 als Spitzenkandidat bei den Parlamentswahlen antritt. Und Bossi will nach dem jüngsten Parteiskandal im Juni sogar erneut selbst für den Vorsitz der Lega Nord kandidieren.

In keinem Parlament Europas tummeln sich so viele Sesselkleber wie in Rom. In keinem anderen Land sind Parteien so schamlos auf ihren Eigennutz bedacht wie in Italien. Jetzt sind die Bürger plötzlich aus ihrer Lethargie erwacht - und die Parteien sind gut beraten, den brutalen Denkzettel ernst zu nehmen, den die Italiener ihnen am Wochenende erteilt haben. Denn ohne Kursänderung drohen Italien bei der nächsten Wahl griechische Verhältnisse. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 9.5.2012)

Share if you care.