Ein Neubeginn mit Altlasten

8. Mai 2012, 17:56
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Peter Domschitz, Abteilungsleiter im Sportministerium, wird Prokurist der Anti-Doping-Agentur Nada. Gernot Schaar, Exleiter der Rechtskommission, klagt die Nada und will Christian Hoffmanns Aufnahme hören

Wien - Kärnten ist seit Dienstag mit im Boot. Sofern Vorarlberg als letzter ausständiger Gesellschafter der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) dem Beschluss zustimmt, wird am Mittwoch ein Neuanfang gewagt. Die Nada, seit dem Rücktritt von Geschäftsführer Andreas Schwab und der Enthebung der Rechtskommission seit 30. März also praktisch inexistent, wird mit Peter Domschitz einen Prokuristen bekommen. Domschitz, Abteilungsleiter im Sportministerium, wird als Interimslösung mit dem noch amtierenden Nada-Chef Schwab eine neue Rechtskommission bestellen und die Ausschreibung des neuen Geschäftsführers einleiten. Der Wahl des neuen Chefs müssen wiederum der Bund als Nada-Hauptgesellschafter (53 Prozent), die Länder, das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) und die Bundes-Sportorganisation (BSO) zustimmen.

Es wird also ein Weilchen dauern, bis die Nada nach dem Skandal um den Dopingfall Christian Hoffmann wieder handlungsfähig wird. Seit 30. März können Sportler zwar positiv getestet, aber mangels Rechtskommission nicht sanktioniert werden. Den Zustand kritisieren Experten gerade vor den Olympischen Spielen als untragbar. Mit Stand Dienstag gab es laut Sportministerium keine aktuellen positiven Tests.

Die Interimslösung mit Domschitz wirft auch Fragen auf. Als Abgesandter des Ministeriums und Vorsitzender des Nada-Kuratoriums war er nach der Veröffentlichung von Tonprotokollen im Fall Hoffmann mit den Ermittlungen beauftragt worden. Jetzt ist er selbst Prokurist. Domschitz' frühere Funktion übernimmt Samo Kobenter, Sektionschef im Ministerium, interimistisch, bis ein neuer Geschäftsführer bestellt ist.

Sportminister Norbert Darabos (SP) weist den Vorwurf der Einflussnahme durch seinen Sprecher zurück. Der Wille des Ministers, bestätigen indes in die Sache involvierte Personen aus dem Umfeld der Nada, sei schon sehr deutlich zu spüren.

Schaar kontra Darabos

Gernot Schaar, Exleiter der Rechtskommission, berichtet dem Standard von zwei Telefonaten mit Mitarbeitern aus dem Ministerium vor seiner Enthebung. "Ich wurde ersucht, wegen der Vorwürfe gegen uns die am 29. März angesetzte Verhandlung gegen Susanne Pumper zu verschieben", sagt der Jurist. Er habe entgegnet, die Kommission sei unabhängig, könne dem Wunsch nicht entsprechen. "Einen Tag später waren wir unsere Jobs los."

Das ist insofern bemerkenswert, als Nada-Geschäftsführer Schwab der Kommission noch am Nachmittag des 29. März angeblich den Rücken stärkte. " Schwab hat uns das Vertrauen ausgesprochen und erklärt, unseren im August auslaufenden Vertrag zu verlängern", sagt Schaar. Wenige Stunden später trat Schwab unter Druck zurück - und nahm gleich die Kommission mit.

Inkompetenz und Sexismus wurden den Rechtskommissionsmitgliedern vorgeworfen, nachdem Teile der geheimen Dopingverhandlung im Fall Hoffmann veröffentlicht worden waren. Der zu sechs Jahren Sperre verurteilte Exlangläufer hatte die Verhandlung mittels Handy in der Aktentasche illegal mitgeschnitten.

Wegen Missbrauchs von Tonaufnahme- oder Abhörgeräten, übler Nachrede, schweren Betrugs, Urkundenfälschung und Fälschung eines Beweismittels wurde Klage gegen Hoffmann und andere eingereicht. Schaar ficht zudem seine Abberufung an und klagt die Nada auf 31.000 Euro - ein Streitwert, der den Weg bis zum Obersten Gerichtshof erlaubt. Beide Schriftstücke liegen dem Standard vor.

Bekommt Schaar Recht, könnten alle Entscheidungen, die die neue Kommission bis 11. August fällt, nichtig sein. Der Jurist fordert bei der Staatsanwaltschaft die vollständige Abschrift des Tonmitschnitts. Schaar: "Noch hat niemand die Authentizität des Protokolls bestätigt. Ich will die Aufnahme hören." (David Krutzler, DER STANDARD, 9.5.2012)

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    Schaar (li.) klagt die Nada. Nada-Chef Schwab (re.) bekommt einen Prokuristen beigestellt.

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