"Damit nicht alles zusammenbricht"

Interview |
  • "Träufelt man in einen See Gift, breitet es sich im ganzen See aus", sagt 
Santiago Valverde.
    foto: der standard

    "Träufelt man in einen See Gift, breitet es sich im ganzen See aus", sagt Santiago Valverde.

Spanien braucht Zeit, die es nicht hat, die Finanzmisere muss gelöst werden, sagt der spanische Ökonom Valverde

STANDARD: Wird es Spanien auf eigene Faust aus der Krise schaffen, oder ist die Rettung nahe?

Santiago Valverde: Nach über vier Jahren der Krise sind die Fundamente der spanischen Wirtschaft enorm geschwächt. Wir haben nicht ein Problem, das uns wirtschaftlich in den Abgrund drängt. Wir haben viele Probleme, von denen zwar keines für sich tödlich ist, die aber in Summe fatal sein können. Spanien rückte in den Vordergrund - auch wegen seiner Arbeitslosenrate von fast 25 Prozent. Mehr als 50 Prozent der jungen Generation haben keine Arbeit. Firmen schlittern weiter in die Pleite, weil man ihnen keine Kredite gewährt ...

STANDARD: ... die ein maroder Finanzsektor mit seinen Immobilienschulden nicht vergeben kann ...

Valverde: Man hat viel zu lange die Probleme des Finanzsektors ausgeblendet. Sie konnten nur teils korrigiert werden, der Löwenanteil fehlt noch. Wenn man in einen See nur ein wenig Gift träufelt, breitet es sich im ganzen See aus. So ist es mit Spaniens Banken. Nicht alle sind gefährdet, doch der gesamte Sektor ist krank.

STANDARD: Man hat mehrfach versucht zu reformieren. Vergeblich?

Valverde: Die erste spanische Reform des Finanzsektors war gut, aber nur das Konzept. Als man sie ausarbeitete, hatte man nicht bedacht, dass die Wirtschaft derart schrumpft. Es ist höchste Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen und die exakte Aussetzung der spanischen Banken an toxischen Immobilienkrediten offenzulegen.

STANDARD: Sind Auffanggesellschaften wie "Bad Banks" für diese Immobilienaltlasten eine Lösung?

Valverde: Spanien muss eine unabhängige glaubwürdige Prüfung der Immobilienwerte vornehmen lassen. Inwieweit die EU gefordert ist, und ob das bereits hinter verschlossener Tür verhandelt wird, kann ich nicht abschätzen. Realistisch ist es, denn das aktuell größte Problem der Eurozone sind die spanischen Banken.

STANDARD: Ist der Reformreigen des Regierungschefs Mariano Rajoy der Situation angemessen?

Valverde: Der rigorose Sparkurs schädigt die geschwächte Wirtschaft. Die Arbeitsmarktreform geht aber in die richtige Richtung. Spanien muss an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. Es kann nicht sein, dass eine Gruppe an Arbeitern alle Rechte genießt, während der überwiegende Rest nicht arbeitet. Leider wird die Reform keinen kurz- oder mittelfristigen Erfolg zeigen. Sie soll als Rüstzeug dienen, um für die nächste Krise gewappnet zu sein. Damit nicht alles zusammenbricht wie ein Kartenhaus.

STANDARD: Wie viel Zeit bleibt Spanien noch?

Valverde: Spanien wird sich nicht länger als bis zum EU-Gipfel im Juni halten können. Die Finanzierung der Schulden ist zu teuer.

STANDARD: Wie lange wird das vielgerühmte soziale Netz der spanischen Familien gegen soziale Unruhen wirksam sein?

Valverde: Die Jungen, die zu Beginn der Krise 22 Jahre alt waren, sind jetzt fast 27. Sie spüren die Einsparungen und haben keine Perspektiven. 1,7 Millionen Haushalte haben kein Einkommen und verlieren anbezahlte Wohnungen. Soziale Unruhen werden nach dem Sommer deutlich wachsen.

STANDARD: Wird Mariano Rajoy die Legislaturperiode durchstehen?

Valverde: Er hat die absolute Mehrheit im Parlament, die Macht in vielen autonomen Gemeinschaften und international Rückhalt. Ich sehe keinen Mechanismus, der Rajoy das Amt kosten könnte. Politische Stabilität ist eine der Stärken Spaniens.

STANDARD: Sind die Prognosen aus Steuereinnahmen der Regierung glaubhaft?

Valverde: Man wird das Defizitziel von 5,3 Prozent auf dem aktuellen Kurs nicht erreichen. Ich vermute, dass man bereits zum dritten oder vierten Quartal die Mehrwertsteuer anhebt und nicht erst im kommenden Jahr.

STANDARD: In Spanien ist sich das Preisniveau seit der Euro-Einführung um 45 Prozent gestiegen, in Deutschland nur um 15 Prozent.

Valverde: Wir dachten, weil wir den Euro haben, können wir Gehälter wie in Deutschland beziehen. Ein fataler Irrtum, den wir teuer bezahlen: neben der Wettbewerbsfähigkeit mit höchster Privatverschuldung.

STANDARD: Sozialisten forderten, statt bei Bildung und Gesundheit am Verteidigungsetat zu sparen?

Valverde: Das wäre falsch. Wir haben internationale Verpflichtungen, Europa hinkt in seinen Rüstungsausgaben international gesehen weit hinterher. Spanien hat zudem eine ansehnliche Verteidigungsindustrie, die Jobs schafft.

STANDARD: Droht in Lateinamerika, einem Markt, der Bilanzen spanischer Unternehmen über den Binnenmarktverfall rettete, nun durch die bolivianische Regierung eine Welle an Verstaatlichungen, die Spanien stark schaden könnte?

Valverde: Es schadet Spanien bereits jetzt. Ist das Land schwach ist, leiden auch große Firmen wie Repsol, Banken, Telekomfirmen, Infrastrukturanbieter. Es regiert die Demagogie in vielen Ländern Lateinamerikas. Weitere Schläge gegen Spaniens Investitionen halte ich daher für wahrscheinlich. (Jan Marot, DER STANDARD, 9.5.2012)

Santiago Carbó Valverde (45) ist einer der renommiertesten Wirtschaftswissenschafter Spaniens. Er unterrichtet an Universitäten von Granada und Valencia und berät die US-Notenbank Fed.

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16 Postings

ohne es gelesen zu haben, rezitiere ich mal:

- wachstum
- wettbewerbsfähigkeit
- konkurrenzfähigkeit
- beschäftigungspaket
- vollbeschäftigung
- krise, krise, krise
- banken stabilisieren

deckungsgleich mit jedem artikel zum thema krise der jemals ein apa/reuters/murdoch medium verlassen hat - schön langsam kann ich den geistesdünnpfiff dieser ökonomen auswendig ableiern

vorallem haben sie alle keinen plan wie man aus der grube wieder hinauskommt

Sie sind ja ein richtiger Hellseher!

Unheimlich. ;-)

Verteidigungsindustrie

LOL

Santiago Carbó Valverde (45), einer der renommiertesten Wirtschaftswissenschafter Spaniens, schlägt keinerlei Problemlösungsstrategien vor.

Weil er, wie jeder Ökonom heute, keine hat.

Es gibt einen "point of no return"

Dieser wurde in Spanien, was die Verschuldung betrifft, von den sozialistischen Regierungen der letzten Jahrzehnte leider überschritten, wie übrigens in allen EU- Ländern.

zwischen 04 und 11 wurde spanien sozialistisch regiert, davor die immoblasenregierung aznar

weil es auch keine mehr gibt

die politclowns haben dafuer gesorgt, dass die einzige loesung die wiedereinfuehrung der lokalwaehrungen ist.

Spanien wird leider von vielen Seiten angegriffen.

In Südamerika von den Sozialisten, die spanische Unternehmen enteignen.
In Europa von dem billigen Geld, dass immer mehr Schaden in der Wirtschaft anrichtet.
Im eigenen Land von den Sozialisten, die die Steuern und Abgaben erhöhen und so die private Wirtschaft komplett abwürgen.

Der "harte" Euro gibt Spanien dann den Rest.

Das Finanzdesaster ist nahe.

Ein sinnvoller Weg wäre die Insolvenz gleich zu erklären und wieder die Peseta als offizielles Zahlungsmittel einzuführen.

es regieren derzeit keine sozialisten mehr die etwas abwürge wollen

es ist außerdem bekannt, dass die PP in der regierung aznar einen großteil der probleme mit den spanien heute zu kämpfen hat, produziert hat.

eine Lösung muss her -> Austritt aus dem Euro

Ein Euro-Austritt löst nicht die grundlegenden Probleme, verschafft nur etwas Zeit.

Der erste Teilschritt zur Lösung: Spanien, raus aus dem Euro. Zweiter Teilschritt: per Stichtag alle Schulden (Kredite) in die neue lokale spanische Landeswährung per Gesetz konvertieren. Dritter Schritt: Lokale Währung abwerten.

Damit könnte Spanien einige, wenige Jahre Zeit gewinnen und in diesen Jahren konkurrenzfähiger (da nach aussen billiger) werden. Und in Spanien wird es mehr Jobs geben, da der Import von Waren für Spanien teurer wird. D.h. selber machen in Spanien ist dann angesagt -> Damit wird auch die Jugendarbeitslosikeit von irre hohen 52% reduziert.

Einziges Problem: Finanzmafia mag das alles nicht.

Und in Spanien wird es mehr Jobs geben, da der Import von Waren für Spanien teurer wird.

Da liegt das Problem (50% Jugendarbeitlosigkeit!). Jahre lang hat die Wirtschaft die Jobs ins Ausland transferiert (und damit auch die Einkommen) auf der Jagd nach ein paar Prozent mehr Gewinn die dann in der FI auf der Suche nach noch ein paar Prozent Gewinn unproduktiv um den Globus gejagt werden.
Vergessen wurde, das "Produktion - Arbeitsplätze - Konsum - Wirtschaft" eine hochkomplexe und enge Wechselwirkung haben. Man kann da nicht einfach irgendwo etwas rauszwacken und glauben das wird schon nicht auffallen.
Wie es dem Landwirt ergeht: Jetzt hat er der Kuh endlich das fressen abgewöhnt und dann fällt das blöde Tier tot um!
Globalisierung gut und schön, aber nicht nur zum Vorteil der FI!

"Wie es dem Landwirt ergeht: Jetzt hat er der Kuh endlich das fressen abgewöhnt und dann fällt das blöde Tier tot um!"

;-)

Nur: so komplexe Zusammenhänge verstehen die meisten Ökonomen nicht...

http://www.banken-in-die-schranken.eu

Wenn ein Land nach dem Andren aus dem Euro austritt, können wir den Euro gleich abschaffen. Ok, manche würden sich drüber freuen - ich halte es aber für einen Irrtum.

Meiner Ansicht nach müssen die aktuellen Probleme gelöst werden, und die Regeln und Mechanismen so adaptiert werden, dass wir nicht mehr in diese Situation kommen. Es war eben ein Irrtum zu glauben, simple "Du musst orgdentlich Wirtschaften"-Regeln würden reichen. Auch Deutschland würde es mit der DM, aber ohne Transfers zwischen den Regionen zerreissen. Auch Österreich würde mit Schilling, aber ohne Finanzausgleich nicht funktionieren. Genauso wenig funktioniert die Eurozone ohne gemeinsame Regeln *und* Transfers. Alternative: Getrennte Währungen - dann finden die Transfers durch gewollte Abwertungen zur Steigerung der wettbewerbsfähigkeit statt.

jetzt will sogar der iwf schon gold kaufen

http://tinyurl.com/cgtbkge

auch dort sitzen nur würsteln. denn ende 2009 hat der iwf 400 tonnen gold verkauft und damals war es noch wesentlich billiger als heute - 800 euro statt 1200 euro pro unze.

dämmert es ihnen auch schon, daß das ende naht?

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