Der "Jud" im Tschick

    Glosse11. Mai 2012, 09:00
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    Neue Bekanntschaften in der Fremde. Lehrreiche und aufbauende Geschichten über meine ersten "echt" österreichischen Freunde

    Als Kind werde ich auf den Planeten Wien geworfen. Die Einheimischen - ich nenne sie so, weil ich damals nicht integriert, sondern frisch desintegriert bin - hören auf, unheimlich zu sein, sobald ich ihre Sprache beherrsche. Dadurch gewinne ich einheimische Freunde wie Günther.

    Von Buschmännern und Panzermännern

    Mit ihm rauche ich die ersten "Tschick" im Gebüsch. Zwar immer am Rand des Parks, aber dafür in der Mitte der 70er. Wir paffen und reden über Mädchen und Mopeds. Wir fahren mit unseren Fahrrädern in den Park von Laxenburg, ballern mit Kapsel-Pistolen, werden hinausgeworfen. Wir wechseln Ort und Waffen. Im Schlosspark von Schönbrunn beharken wir aus dem Unterholz alte Frauen mit Gummiband und U-Hakerl. Das ist lautlos. Die alten Frauen sehen schlecht.

    Günther hat alte Eltern. Sein Vater erzählt oft vom Zweiten Weltkrieg. Da ist er jugendlicher Panzerfahrer, das letzte Aufgebot. Als sein Panzer "weg" ist - so die Lieblingsgeschichte von Günthers Papa -, bekommt er eine Panzerfaust "gegen Russenpanzer". Er sichtet keinen Panzer, aber einen "Russen beim Brunzen", dem er "von hinten aane aufebrennt, dass nua de Stiefln steh bliebn saan". Später trifft ein Schrapnell Günthers Papa und verkrüppelt seine linke Hand.

    Die Sache mit dem "Jud"

    Antisemitismus ist kein Privileg der Österreicher, und auf der kroatischen Insel Brač, meinem ehemaligen Zuhause, ist keiner (mehr) ein Jude. Bis Günther sind Juden für mich schlicht kein Thema. Dann sagt Günther eines Tages im Gebüsch: "Do is a Jud in dera Tschick!" Er meint den Strunk in seiner Zigarette, der nicht gut brennen will und ein Weiterrauchen verhindert.

    Einige Wochen lang sage ich das auch oft, weil wir billige Zigaretten rauchen. Und weil ich es für ein Wort aus dem Wiener Dialekt halte, das Strunk bedeutet. Nicht "jüdischer Mitbürger". Michael, ein anderer Schulfreund, klärt mich über den wahren Sachverhalt auf. Bis mir Günther die erste Liebe meines Lebens ausspannt, ist mir das aber egal. Danach wird Michael mein bester echter österreichischer Freund.

    Was ist eine Mischpoche?

    Michael, den alle nur "Flummi" nennen, hat steirische Wurzeln. Seine Eltern sind aus Bad Radkersburg, an der Grenzschicht zum Balkan. Flummi ist bei den Roten Falken, ein Arbeiterklasse-Kind in der dritten Generation. Sein Motto lautet "Der SCR ist mei Religion!". Die Sache mit den Juden weiß er von seinem Papa, aber Politik interessiert ihn nicht. Außer, die Stadionkarten oder das Bier wird verteuert.

    Von Flummi lerne ich den Wiener Dialekt. Den richtigen. Den ohne Antisemitismus, aber dafür mit Worten auf Jiddisch, den Moritaten als Sound und dem Moribunden als Fluchtpunkt. Dafür bin ich Flummi dankbar. Ich bin auch Günther irgendwie dankbar. Aber mit Flummi als Freund entdecke ich das Bier als Rauschmittel für absolut jede Gelegenheit und den Rock als ultimative Ausdrucksform des biertrinkenden Homo sapiens. Später wird Flummi Unteroffizier beim österreichischen Bundesheer und hat eine eigene Mischpoche aus zwei Ehen.

    Zeit des Erwachens

    Flummi spannt mir keine Liebe aus. Ich höre nur auf, Bier zu trinken. Für bloß einen Monat zwar, aber eben lang genug, damit Flummi auf einem Meer aus Bier in die Kloake meiner Erinnerungen davonsegelt. Und lang genug, damit ich draufkomme, dass Rock ohne Bier nur halb so spannend ist. Außerdem beginnen grad die superöden 80er.

    Ich werde zum Jazz-Flüchtling und bleibe es seitdem. Zusammen mit meinem ersten echten lebenslangen Freund. Georg ist ein gebürtiger Wiener, seine Mutter eine Steirerin und sein Vater ein Grieche von der Kykladen-Insel Mykonos. Wenn man nicht kleinlich ist, lässt man Georg einen echten Österreicher sein, so wie jeden Kriwanek auch. Allerdings hat Georg eine kleine Macke: Er will mit aller Macht absoluter Grieche sein. Das kultiviert er während unserer gemeinsamen Spätpubertät als "Mr.-Spock-Manöver". Georg sagt schlicht, in seinem Körper seinen nur die edlen, allen anderen Rassen überlegenen Gene seines griechischen Vaters dominant. Später wird Georg Betriebsrat und sorgt für das Wohl genetisch minderwertiger, anderen Rassen angehörender Arbeiter und Angestellter.

    Wie man einen Kompass baut

    Migration ist wie eine Entdeckungsreise. Der Migrant, zumal als Kind und später ganz normaler hormongeschüttelter Maulesel der Pubertät, muss aber zwei neue Welten auf einmal entdecken und meistern. Den eigenen Körper und sich selbst als Fremdkörper in der Fremdheimat. Da muss sich der Migrations-Columbus erst einmal als Dauerbesucher mit Bleibeabsicht im De-facto-Zuhause einrichten. Wahrscheinlich erzeugt das eine Art Kompass im Kopf, dessen Deviation den Migra-Nautiker in einer Hundskurve zurück zu Vertrautem führt. Auch in der weitesten Fremde.

    Lange vor Günther spiele ich mit meinen Freunden auf der Insel Brač "Partisanen und Deutsche". Keiner will der Deutsche sein. Am Ende muss es meine Schwester sein, weil sie das einzige blonde Kind ist und die Deutschen alle blond sind. Unter dem Stahlhelm. Vor Flummi weiß ich auch, dass dieser Hitler diese Juden alle im "Konclogor" in die Gaskammer steckt und aus ihnen dann Seife macht. Ob er sich damit auch wäscht? Keine Ahnung von gar nix haben zu dürfen ist das wunderbarste Privileg der Kindheit und Pubertät.

    Dass ausgerechnet ein griechischer Übermensch, Nachkomme stolzer, krummbeiniger, dunkelhäutiger Palikaren und einer steirischen Friseurin, seit über 30 Jahren mein Immer-noch-Freund ist, könnte das Resultat dieser Kompass-Deviation sein. Im Übrigen ist Georg kein echter Antisemit. Er will nur seine halbkroatische Frau ärgern, die in ihrer Jugend ein Arafat-Fan ist, aber später die Seiten wechselt und nun an jeder Holocaust-Pro-Israel-Anti-Palästina-Agenda teilnimmt. Was Georg unendlich nervt. Aber weil sie ihm die Kinder wegnehmen kann, schlägt er sie nicht, beschimpft sie nicht, liefert den Lohn ab und macht nicht mit anderen Frauen rum. Georg übt nur sein Recht aus, im Beisein ihrer Familie, ihrer Freunde und ihrer Kollegen ein Antisemit sein zu dürfen. Und ein griechischer Halbgott. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 11.5.2012)

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      Einige Wochen lang sage ich auch oft "Jud", weil wir billige Zigaretten rauchen. Und weil ich es für ein Wort aus dem Wiener Dialekt halte, das Strunk bedeutet.

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