"Zerstören, wieder aufbauen, wieder zerstören"

8. Mai 2012, 15:40
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Rein rational lässt sich das Werk der Jahrhundertkünstlerin Louise Bourgeois nicht erschließen. Die Hamburger Kunsthalle stellt aus

Auch Kunst kann gefährlich sein. Bei einer Arbeit der Französin Louise Bourgeois wird sogar im Titel davor gewarnt: "Passage dangereux" lautet er. Im Hubertus-Wald-Forum der Hamburger Kunsthalle gibt es noch bis Mitte Juni sogar eine ganze Ausstellung mit diesem Titel. Vor dem Haus begrüßt die BesucherInnen zu allem Überfluss auch noch eine überdimensionierte Spinne aus Stahl und Mamor: Sie nennt sich "Maman" (1999) und ist, wenn man so will, das Markenzeichen der 2010 verstorbenen bildenden Künstlerin.

Angst vor Emotionen

Angst haben muss man vor diesen Werken dennoch nicht, es sei denn, man fürchtet sich vor Emotionen. Denn Bourgeois' Kunst ist eine der erinnerten Gefühle. Was sie bewegte, waren existenzielle Themen, solche wie Liebe, Angst, Sexualität oder Tod. Kleinteiliges, Tagespolitisches, Alltägliches findet man darin auf den ersten Blick nicht. Auf den zweiten Blick jedoch entdeckt man umso mehr: Die Arbeiten von Louise Bourgeois funktionieren auf einer sehr emotionalen (hätte das Wort mittlerweile nicht so einen schlechten Beigeschmack, könnte man auch sagen: intuitiven) Ebene, man muss sie mehr erspüren als erschließen. Und so kann die Beschäftigung mit ihnen eben auch ganz unterschiedliche Assoziationen, Gefühle und Erinnerungen hervorrufen. An eine Nachricht aus der Morgenzeitung ebenso wie an ein Erlebnis aus der Kindheit.

"Passage Dangereux"

Zentrum der Hamburger Ausstellung und vielleicht bestes Beispiel für diese erfahrbare Emotionalität ist die raumfüllende Mixed-Media-Installation "Passage Dangereux" (1997). Über acht Meter hinweg erstreckt sich die Käfigkonstruktion, die wiederum in zahlreiche kleinere Innenräume eingeteilt ist, die man durch das Gitter einsehen kann. Seit 1986 arbeitete Bourgeois an ihren sogenannten "Cells", deren größte dieses Werk ist. Die Passage hat etwas Gruseliges, Morbides: Prothesen sind darin etwa zu sehen, ein Likörfläschchen mit einer toten Fliege im Inneren, eine Kinderschaukel vor einer löchrigen Tapisserie. Von der Decke baumeln Stühle ohne Polster. All diese Dinge führen in die Vergangenheit der Künstlerin selbst: Die Tapisserien erinnern an ihre Eltern, die in der Nähe von Paris eine Galerie für historische Textilien betrieben. Auch die Sessel an der Decke erinnern an jene, die der Vater Louis Bourgeois zum Restaurieren in seiner Scheune aufbewahrte.

Dieser Vater war verantwortlich für die große Erschütterung im Leben der Louise Bourgeois: Zehn Jahre lang betrog er ihre Mutter Joséphine im eigenen Haus mit dem Kindermädchen, das Louise Englisch beibringen sollte. Für Louise eine enorme Belastung, zumal die Mutter die Demütigung stillschweigend ertrug. "Die Ehefrau in Frankreich muss sich mit den Geliebten des Mannes abfinden", soll Joséphine Bourgeois einmal gesagt haben. Für Louise Bourgeois mit ein Grund, 1938 zusammen mit ihrem frisch angetrauten Ehemann, dem US-amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, Frankreich zu verlassen und nach New York zu ziehen. Man muss diese und die vielen weiteren biografischen Referenzen jedoch gar nicht kennen, um von dieser Arbeit angesprochen zu werden. Tatsächlich gelingt der Künstlerin mit ihr etwas, das immer eines ihrer großen Anliegen war: Emotionen darzustellen und vermittelbar zu machen. Man fühlt sich beim Betrachten erinnert an Erlebnisse, Erschütterungen und Gefühle, die man selbst einmal erlebt und gefühlt hat.

"Seamstress, Mistress, Distress, Stress"

Die Künstlerin hat in ihren Arbeiten aber nicht nur zu einer universellen Sprache gefunden, einem Weg, auf rational kaum nachvollziehbare Weise mit ihrem Publikum zu kommunizieren. Ihre Werke sind außerdem auch schlicht und einfach: schön. In der Kombination von künstlerischer und emotionaler Versiertheit mag einer der Gründe dafür liegen, dass die 1911 geborene Bourgeois, die erst im hohen Alter bekannt und von einem breiteren Publikum geschätzt wurde, mittlerweile unwidersprochen als Jahrhundertkünstlerin gehandelt wird.

Ihre Arbeit "Untitled" von 1996 zeigt, ähnlich morbid anmutend wie die "Passage Dangereux", zarte Abendkleider, transparente Unterröcke und Hemdkragen - aufgehängt an Rinderknochen. Die Metallplatte am Boden weist den Weg zu einer Deutung der Arbeit: "Seamstress, Mistress, Distress, Stress" - "Schneiderin, Geliebte, Elend, Stress", vielleicht die Koordinaten des Lebens und Schaffens von Louise Bourgeois. Die Bezeichnung "Schneiderin" lässt sich leicht in Beziehung setzen zur Mutter, die die Tapisserien für die Galerie ihres Mannes restaurierte und sicherlich auch im zu Hause für das Ausbessern der Kleidung zuständig war. Zweitens die Geliebte, die selbst zum Haushalt gehörte. Schließlich das Elend der Mutter und der Stress, den das für die junge Louise bedeutete. Daneben aber erzählt die Arbeit von existenziellen Gefühlen, von Angst, Unterdrückung und Sorge. Der zarte Stoff, das verwundbare, fragile Leben, untrennbar gebunden an klobige Knochen, die an Verwesung, Tod und Gewalt denken lassen.

"Bis ins Unendliche"

Es gibt noch einige Werke in der Ausstellung, in denen Bourgeois mit Tapisserien arbeitet. Daneben wird im Hubertus-Wald-Forum, zum ersten Mal überhaupt in Deutschland, die 14-teilige Radierungsserie "À l'infini" (2008) aus dem Besitz des New Yorker Museum of Modern Art gezeigt. Die großformatigen Blätter zeigen sich begegnende, teils verknotete, teils verschlungene Linien. Von Hand überarbeitet, kommen dazu (bisweilen in blutrot gehaltene) Blasen und Zellen. Zu erkennen sind Formen, die an Embryos erinnern, Liebespaare, die Silhouette einer Frau. "Bis ins Unendliche" soll es gehen - der endlose Kreislauf der menschlichen Existenz, in dem sich Leben, Zeugen und Sterben, Lieben, Verletzen und Leiden abwechseln.

Das Vergehen der Zeit zeigt - ruhig, altersweise und abstrakt-farbenfroh - eine der Arbeiten aus Stoff aus der letzten Schaffensperiode Louise Bourgeois': "The Waiting Hours" (2007), kleinformatig und in Form eines Spinnennetzes genäht aus Stoffstücken in Blautönen und Schwarz, kann als ausnehmend schöne, abstrakte Arbeit betrachtet werden - oder aber als Parabel auf Vergehen und Werden. Überhaupt, das Vergehen und Werden, das Spinnennetz, das immer wiederkehrt in den Arbeiten Bourgeois'. Die Mutter, die Näherin, die sie gerne mit der Spinne in Verbindung brachte. Die für sie immer eine Art Heilerin darstellte. "Meine Mutter reparierte beschädigte Dinge", sagt sie einmal - nicht, ohne hinzuzufügen: "Das mache ich nicht. Ich muss zerstören, wieder aufbauen, wieder zerstören."

Hommage an die Mutter: "Maman"

Nicht zerstört, sondern immer wieder an den unterschiedlichsten Orten aufgestellt wurde die große Spinne mit dem Titel "Maman", die momentan mit Blick auf die Binnenalster Station in Hamburg Halt macht. Sie ist eine Hommage Louise Bourgeois' an ihre Mutter. Sie erinnert aber auch an existenzielle Befindlichkeiten des Lebens, an Angst und Trauer. An die Tätigkeiten des Nähens und Spinnens, die Zerrissenes und Kaputtes wieder heil machen, die Neues schaffen. So wie Louise Bourgeois aus Stofffetzen Neues, aus ihrer Angst, ihren quälenden Erinnerungen Kunst gemacht hat. (Andrea Heinz, dieStandard.at, 8.5.2012)

Der Artikel ist bereits in der Mai-Ausgabe des feministischen Monatsmagazins an.schläge erschienen.

Louise Bourgeois: Passage Dangereux
bis 17.6.,
Kunsthalle Hamburg
20095 Hamburg,
Hubertus-Wald-Forum,
Glockengießerwall

Link

www.hamburger-kunsthalle.de

  • Hommage an die Mutter: "Maman" (1999) als Installation vor der Hamburger Kunsthalle 2012Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor;
    foto: louise bourgeois trust; vg bild-kunst, bonn 2012, hamburger kunsthalle/kay riechers, collection the easton foundation, courtesy cheim & read und hauser & wirth

    Hommage an die Mutter: "Maman" (1999) als Installation vor der Hamburger Kunsthalle 2012
    Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor;

  • Passage dangereux (Detail) (1997)Mixed Media
    foto: louise bourgeois trust; vg bild-kunst, bonn 2012, privatsammlung, schweiz, fotograf: peter bellamy

    Passage dangereux (Detail) (1997)
    Mixed Media

  • Die Künstlerin Louise Bourgeois mit Spider IV (1996)
    foto: louise bourgeois trust; vg bild-kunst, bonn 2012, porträt: portrait: peter bellamy

    Die Künstlerin Louise Bourgeois mit Spider IV (1996)

  • The waiting hours (2007)Stoff; 12 Bilder
    foto: louise bourgeois trust; vg bild-kunst, bonn 2012, privatsammlung, courtesy cheim & read und hauser & wirth photo: christopher burke

    The waiting hours (2007)
    Stoff; 12 Bilder

  • À l'infini (Detail) (2008)Radierung, Gouache und Bleistift auf Papier,14 Teile
    foto: louise bourgeois trust; vg bild-kunst, bonn 2012, the museum of modern art, new york, fotograf: ben shiff

    À l'infini (Detail) (2008)
    Radierung, Gouache und Bleistift auf Papier,
    14 Teile

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