Sehnsucht, Liebe und schwarze Galle

Interview8. Mai 2012, 08:04
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Die bosnische Sängerin Amira Medunjanin bringt die Süße der Schwermut und Melancholie in die Wiener Urania

Sevdah bedeutet auf Türkisch Liebe und auf Arabisch schwarze Galle. Liebe und schwarze Galle, wie passt das zusammen? Wunderbar, zumindest in der bosnischen Volksmusik, genannt Sevdah oder Sevdalinka, wo Sehnsucht, Schwermut, Melancholie und die unerfüllte Liebe nebeneinander ihren Ausdruck finden. Besungen werden dabei nicht nur geliebte Personen, sondern auch Städte und Regionen. Die Sevdalinka geht auf das 16. Jahrhundert zurück, als die Sepharden von der Iberischen Halbinsel spanische Volksmusik und den Fado mitbrachten. Hinzu kamen musikalische Einflüsse aus dem Osmanischen Reich sowie von der Musik der Zigeuner. Die altertümliche, aber zeitlose Musik ist heute in erster Linie in Bosnien und Herzegowina verbreitet, aber auch in Kroatien, Montenegro, Serbien und Mazedonien anzutreffen.

Zu den bekanntesten zeitgenössischen Interpretinnen der Sevdah-Musik zählt Amira Medunjanin, die am 18. und 19. Mai zwei Benefizkonzerte für den Verein Futurebag in Wien absolvieren wird. Mit daStandard.at sprach die in Sarajevo geborene Sängerin über ihren musikalischen Werdegang.

daStandard.at: Sevdah-Lieder sind in Bosnien und Herzegowina weit verbreitet, jeder kennt sie, aber nur wenige sind in der Lage, sie auf eine sozusagen professionelle Weise zu interpretieren und einem breiteren Publikum darzubieten. Wo haben Sie diese Lieder gelernt?

Medunjanin: Ich verfüge über keinerlei klassische musikalische Ausbildung und habe die Lieder einfach von meiner Mutter gelernt. Sie hat die Lieder wiederum von ihrer Mutter gelernt. Meine schulische und weiterführende Ausbildung ging in eine ganz andere Richtung. Sevdah war seit meiner Kindheit Teil meines Wesens. Singen habe ich immer als etwas sehr Intimes empfunden, als etwas, das nur mir gehört. Lange Zeit habe ich nicht einmal im Traum daran gedacht, professionell Musik zu machen.

daStandard.at: Wann hat sich das geändert?

Madunjanin: Das war im Jahr 2002, als ich die Band Mostar Sevdah Reunion kennenlernte und meine erste professionelle Studioaufnahme machte.

daStandard.at: Und wie war das als Kind? Was hat Ihnen diese Musik damals bedeutet?

Medunjanin: Damals hatte ich dabei kindliche und laienhafte Filme im Kopf, ich habe mir die alten Zeiten vorgestellt. Die moralischen Werte, die in den Texten zum Ausdruck gebracht werden, waren mir wichtig. Jedenfalls war meine Mutter ausschlaggebend dafür, dass ich mich dieser Musik zugewandt habe. Gelernt habe ich die Lieder ganz spontan, es ließ sich gar nicht verhindern. Das ist so bei dieser Musik, der Weg ist einfach vorgezeichnet, zumindest ist es bei mir wohl so, dass ich von Geburt an dafür auserkoren bin, diese Musik zu singen, und ich bin sehr froh darüber.

daStandard.at: Nun ist Sevdah außerhalb der Region rund um Bosnien und Herzegowina wenig bekannt. Was denken Sie, wie klingen Ihre Lieder für Menschen, die nicht mit dieser musikalischen Tradition aufgewachsen sind?

Medunjanin: Wichtig ist, das Gefühl zu vermitteln, ganz unabhängig von der Sprachbarriere. Ich habe viele Konzertauftritte außerhalb unseres Sprachraums, und meine Erfahrung ist, dass es nicht wichtig ist, den Text zu verstehen. Wichtig ist, dass der Interpret, also derjenige, der die Geschichte erzählt, genau versteht, worum es geht, dass er das Wesen und den Wert eines Liedes begreift. Und dann geht es darum, mit Herz und Seele jene Emotionen rüberzubringen, die universell sind und die alle Menschen in der Lage sind zu erkennen.

Musik ist eine universale Sprache und eignet sich hervorragend für die Verständigung zwischen den Menschen. Ich versuche aber immer auch, eine kleine Geschichte über die Lieder zu erzählen und ein bisschen zu erklären, worum es geht, welche Geschichte erzählt wird. Bei meinen Auftritten ist es mir wichtig, absolut ehrlich und absolut hingebungsvoll zu sein. Die Wirkung kommt dann ganz von alleine.

daStandard.at: Erlebt die Sevdalinka gerade ein Revival in Bosnien und Herzegowina?

Medunjanin: Ja, das kann man so sagen. Es gab einen Höhepunkt in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dann führten aber politische und gesellschaftliche Ereignisse dazu, dass die Menschen sich eher anderen musikalischen Formen zuwandten. Jetzt ist die Sevdalinka aber wieder auf die große Bühne zurückgekehrt, und auch junge Menschen sind inzwischen der Meinung, dass es wichtig ist, diese jahrhundertealte musikalische Tradition zu pflegen. Sie ist Teil unseres Erbes, unserer Kultur und Lebensweise, sie definiert uns.

 

daStandard.at: Wie kann diese alte und altertümliche Musik in der heutigen Zeit bestehen?

Medunjanin: Ich sehe derzeit eine Übersättigung durch seriell produzierte Mainstream-Musik. Die Menschen finden inzwischen alles, das irgendwie anders, authentisch und exotisch klingt, einfach interessant. Ich denke, die Mostar Sevdah Reunion haben etwas ganz Tolles gemacht, als sie 1999 ihr erstes Album veröffentlicht haben. Sie haben damit vielen Musikern wie mir die Tür geöffnet, auch nach Europa.

daStandard.at: Die Sevdalinka verbindet man in erster Linie mit Bosnien und Herzegowina. Gibt es diese Art von Musik auch in anderen Gegenden am Balkan?

Medunjanin: Sevdah ist eine autochthone bosnische musikalische Form, aber sie ist längst über die Grenzen Bosniens hinausgewachsen. Es ist mir ein Anliegen, Parallelen zu musikalischen Traditionen in Mazedonien, Montenegro, Südserbien und dem Kosovo zu ziehen und aufzuzeigen, dass es dort auch eine Musik gibt, die in puncto Sensibilität, Poetik und Rhythmus der klassischen bosnischen Sevdah-Musik sehr ähnlich ist. Auch außerhalb der Region hat sich Sevdah einen verdienten Platz auf der Weltbühne erobert, aber es gibt noch sehr viel zu tun. Es wäre wünschenswert, dass sich mehr Menschen professionell mit Sevdah beschäftigen und damit auch unser Land promoten. (Mascha Dabić, daStandard.at, 8.5.2012)

Amira Medunjanin tritt am 18. und 19. Mai in der Wiener Unrania auf. Weitere Infos gibt es beim Verein Futurebag.

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