Österreichischer Fußball: Die "Sissyliga"

Leserkommentar8. Mai 2012, 07:55
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Ein Umdenken wäre dringend nötig, um die hausgemachten Probleme abzustellen: Unprofessionalität, Wettbewerbsverzerrungen und den Aufbau von Parallelwelten

Der österreichische Fußball hat in den letzten zehn Jahren stark an Qualität und Niveau verloren. Viele meinen, wir sind eben nicht besser, ein Blick in die 90er Jahre widerlegt dies aber deutlich: Rapid und Salzburg kamen in Europacupfinali (Salzburg war sogar in der Lage, die Weltklassemannschaft von Inter Mailand zu fordern), das Nationalteam qualifizierte sich für zwei Weltmeisterschaften und international wurden Siege gegen Vereine wie Feyenoord Rotterdam, Fiorentina, HSV, AC Parma, Frankfurt und Sporting Lissabon eingefahren. Dieses Jahr ist der heimische Vertreter in der Champions League gegen BATE Borissow ausgeschieden ...

Ära Stronach

Was also hat dazu geführt, dass Liga und - bis vor kurzem - auch Nationalteam derart an Klasse verloren haben? Nun, da ist zunächst die Ära Stronach zu nennen, in der ein millionenschwerer Werkzeugmacher, die Liga kaum kennend, Ende der 90er Jahre das Ziel ausgab, Austria (ob Verein oder Nationalteam gemeint war, ist nicht überliefert) müsse 2010 Weltmeister werden. Dazu wurde für damalige Verhältnisse viel Geld in die Liga gepumpt, speziell natürlich in Stronachs Lieblingsprojekt Austria Wien, und Experten wie Peter Westenthaler (!) in der Bundesliga installiert. In diesen Stronach'schen Tagen qualifizierte sich ausgerechnet nur ein von Stronach nicht geförderter Klub für die Champions League, nämlich Rapid. Dass ähnlich vollmundig angekündigte Projekte Stronachs (Weltkugel, Trabrennbahn) im Sand verliefen, sei nur nebenbei erwähnt.

Den Ligagrößen war das aber alles egal, solange man nur die massiven Budgetlöcher mit Stronachs Geld füllen konnte, um mittelmäßige österreichische und ausländische Kicker weit über internationalem Marktniveau zu bezahlen. In einem Interview meinte der begnadete tschechische Mittelfeldstar Pavel Nedved, dass die tschechische Nationalmannschaft deshalb mehr Legionäre in Spitzenteams habe, weil man im Unterschied zu Österreich in Tschechien als Spieler so gut wie nichts verdiene und jeder bestrebt sei, ins Ausland zu wechseln.

Alles Dilettanten?

Die Unprofessionalität erlebte in diesen Jahren noch einige Höhepunkte wie Vereinspräsidenten als Präsidenten der Bundesliga, Klubs, die einfach ihre Lizenz an Landeshauptleute verkauften (Pasching runter, Austria Kärnten rauf), oder die Absage des Cupbewerbs wegen der EM-Teilnahme des Nationalteams. In dieser Zeit durfte auch noch ein komplett überforderter Friedrich Stickler den ÖFB-Präsidenten mimen, der in seiner Amtszeit auf Populismuskurs unterwegs war und deshalb die international komplett erfolglosen Trainer Hickersberger (damals Meister mit Rapid und somit Halbgott) und Krankl (Ur-Rapidler) im Nationalteam dilettieren ließ, eine Heimniederlage gegen die bekannt starken Kanadier oder ein Unentschieden gegen die bekannt taktisch gewieften Malteser konnte man daher auch gern übersehen.

Totale Marktverzerrung

Zur Unprofessionalität gesellt sich noch die Marktverzerrung durch die Spielergehälter. Nun wird man sich fragen, wie kann eine maximal mittelmäßige Liga vergleichsweise hohe Salärs bezahlen? Es sind die lokalen Energieversorger - natürlich unter der Fuchtel der Landeshauptleute, die glauben, etwas für den Sport und damit ihre eigene Popularität zu tun -, die die notwendigen Mittel liefern. So soll laut Medienberichten Rapid allein von der Wien Energie 7,5 Millionen Euro jährlich an Sponsoring erhalten. Aber Rapid steht hier nicht alleine, andere Beispiele sind Austria (Verbund), Sturm (Energie Steiermark) und Wacker Innsbruck (Tiroler Wasserkraft), im Fall Admira fördert das Land Niederösterreich gleich direkt ohne den Deckmantel Energieversorger.

Probleme sind hausgemacht

Gewürzt wird dies alles noch mit dem Glauben der Vereinsverantwortlichen, dass ehemalige Spieler unbedingt auch gute Trainer sein müssen. So hangeln sich Vastic und Co. konzept- und visionslos, den Status quo verschönernd und unzulässige Vergleiche (Barcelona hat halt einen Messi, wir nicht!) vorschiebend, von Runde zu Runde.

Dass ausgerechnet ein Trainer, der selbst nie Profi war, in der Person von Paul Gludovatz vorzeigte, wie man aus einer Mannschaft das Maximum herausholt, wird diverse Funktionäre trotzdem nicht zum Umdenken animieren - was aber dringend notwendig wäre, um die hausgemachten Probleme abzustellen. (Leserkommentar, Bernhard Henning, derStandard.at, 8.5.2012)

Autor

Bernhard Henning, Jg. 1977, ist seit der Fußball-WM 1990 ein begeisterter und kritischer Fan.

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