Das Zugehen auf den anderen, den "Idioten" am Rand

19. Juni 2003, 19:27
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Die Dankesrede zum Ehrendoktor von Peter Handke im Kommentar der anderen

In der Kunstform der freien Rede suchte Peter Handke in Salzburg nach Möglichkeiten einer anderen Gesellschaft, getragen von gegenseitiger Durchlässigkeit. Zugleich bekämpft seine – hier transkribierte – Ehrendoktoratsdankrede den starren "Kanon" an Werten und Wertungen.


Ich habe nur ein paar Apercus Ihnen anzubieten – über das Da- und Dortsein, das Vorhandensein und das Unterwegs- und Wegsein, vor allem aber über das Verschwinden. Als ich in Salzburg lebte, da war ein Erlebnis, beim Gehen, am Stadtrand, über Gleise in Maxglan. Ich bin auf diesen Gleisen gegangen und an diesen Gleisen da standen Gebäude; an einzelne Gebäude kann ich mich besonders erinnern, hier, heute, dass da eine Art von Garküche war, wo für Betriebe das Mittagessen bereitet wurde, für Krankenhäuser, für so genannte Siechenheime. Und da in der Gegend, beim Gehen, hinter allem, was eh schon "hinten" war, da sah ich einen jungen Mann, der aus der Hintertür dieser Garküche gekommen ist und etwas hinaustrug, Müll, Mist, Essensreste vielleicht. Und er hat mich vorbei gehen gesehen und zum ersten Mal in seinem Leben traf er auf wohl auf einen Menschen, der ihn bei der Arbeit sah. Als er aus dieser seiner Verborgenheit hinaustrat, wurde er gesehen. Und als dieser junge Mann, dieser junge Koch bei seiner ungeheuer einsamen, verlorenen, abseitigen Arbeit überrascht worden war und mich angeschaut hat, da blickte er nicht nur überrascht, sondern auch zutiefst erfreut.

Gerechter Blick

Dieser junge Mann, dieser Koch, hat es wie jeder Mensch nötig, dass er gesehen, gebraucht wird. Das ist es, was not tut: Dass Menschen bei ihrer alltäglichen kleinen dienenden Arbeit gesehen werden, bei diesem Täglichen, das fast ein Zustand ist, etwas, das es verdient, gesehen zu werden. Und die sehen, leben mit ihnen auf. So geht es denen die gesehen werden und denen, die sehen (...) So ging es mir ähnlich im Pariser Vorort, als ich am Weihnachtsabend einen Busfahrer sah, allein, ohne Passagier. Er fuhr da die Kurven hin und wieder zurück, immer leer. Und ich hatte zufällig eine Kamera dabei – ich weiß nicht wie man es auf Deutsch sagt –, eine Einwegkamera – und dieser einsame Busfahrer fuhr immer wieder diese Strecke. Und da habe ich meine Kamera genommen und dachte, das müsste ich fotografieren. Und da ist der Busfahrer stehen geblieben und hat mich angelacht, wie er da gegen Mitternacht rein in seinen Bus gestiegen ist und wie keine Leute gekommen sind. Das Foto ist beim Entwickeln dann übrigens nichts geworden, es gibt keine Dokumente des Schauens.

Krieg gegen Saddam

Das waren zwei der Erlebnisse, die meinen Schreibweg geprägt haben und geprägt haben werden. Dazu gehört als ein "simile modo" – wie bei der Wandlung in der Messe gesprochen wird vom "simile modo", bei der Verwandlung von Brot in Wein, von Wein in Blut: "simile modo" – ein Erlebnis aus dem Fernsehen zur Zeit des Krieges gegen den Irak. Da hielt ich mich in Spanien auf, und das spanische Fernsehen hatte im Untertitel nicht dieses "Krieg gegen den Irak", sondern "Krieg gegen Saddam Hussein". Da gab es diese berühmte, fast schon zur Witzfigur gewordene Figur des irakischen Informationsministers, der immer sagte, die Feinde seien nicht da, während die Fernsehbilder doch allen zeigten, wie die gerade einmarschierten.

Kolonisatoren-Blick

Alle haben sich lustig gemacht. Aber mein Gedanke war: Vielleicht hat er recht. Sie sind nicht da, sie sind nicht in Bagdad. Und sie werden nicht da gewesen sein. Und nicht nur die Amerikaner und nicht nur die amerikanischen Soldaten – alle, wie wir heute herum fahren, wie wir in andere Länder gehen, wir sind in diesen Ländern gar nicht da. Und werden nicht da gewesen sein. Zurück zur Literatur, wo ich momentan auch keinen Boden unter den Füßen spüre. Es gibt eine Bewegung heute, eine Vorstellung, die sagt: Literatur ist auch nicht mehr da, sie ist so vermengt mit anderem, sie ist schwer sichtbar geworden, sie steht im Abseits wie dieser junge Koch. Und so ist es fast verständlich, die Frage: was gehört wirklich gelesen, die Forderung nach einem Kanon: Was sind die zehn besten Bücher, die so genannten besten Bücher.

Gegen den Kanon

Meine Ansicht ist: Diese Gegenbewegung gegen das vermeintliche Verschwinden der Literatur, diese Suche nach "die zehn besten Bücher der letzten 300 Jahre in der Schule oder wo auch immer", das schafft meiner Ahnung – es ist nicht eine Meinung, es ist eine feste Ahnung – nach noch mehr Verderben. Auch mein eigener Verlag, Suhrkamp, hat so einen "Kanon" aufgelegt. Aber die da fehlen, sind mindestens ebenso wichtig wie die, die drin sind. Es gibt nicht Eichendorffs "Ahnung und Gegenwart", es gibt keinen Robert Walser – Zum Beispiel, wenn es einen Wettbewerb gäbe: "Erzähl mir die zehn besten Witze der Welt", und einer erzählt dann die zehn besten Witze der Welt, plötzlich sind sie dann nicht mehr witzig. Oder wenn ich dazu gefragt werde, eine Liste der zehn besten Tormänner der Welt zu erstellen, und ich denke an Jaschin oder Dino Zoff, und ich überlegte diese Liste, und weiter Italien und Brasilien – da fiel mir auf: Je mehr man all diese Tormänner beschränkt auf eine Zahl, auf fünf oder zehn, desto mehr andere werden verschwinden, solche, die genauso was geleistet haben, genauso interessant waren, genau so ergreifend waren.

Das Chaos sagen

Und da wusste ich: Es darf keine "zehn besten Witze", keine "zehn besten Bücher", keine "zehn besten Tormänner" geben, es darf das nicht geben. Das Chaos soll jedem überlassen werden. Denn noch totschlägerischer als das Chaos ist dieser Kanon – lieber noch das Chaos. Literatur, das ist auch der Versuch, das Chaos besser zu sagen (...) Zuletzt noch zwei Verschwundene – noch einmal flüchtig zum Krieg, sofern es das gibt: flüchtig zum Krieg. Und eine Frage an Sie. Es gab Berichte über Selbstverbrennungen in Tschechien. Und da las man dann davon, das seien Studenten gewesen, zuvorkommend, brav, sympathisch, aber leider etwas labil, Leute aus Provinzstädten, die in der Hauptstadt nicht Fuß fassen konnten.

Ein Abschiedsbrief

Ich dagegen habe diese Menschen anders gelesen. Ich las von einem davon einen Abschiedsbrief. Und ich stelle die Frage: Hat jemand diesen Brief vollständig gelesen, nicht nur in Medien in ein paar Sätzen zitiert? – Die Zeitungen sprachen, er beklage sich über den Zustand der Welt – aber es ist ein langer Brief! Und ich nenne hier noch die Namen dieser beiden Verschwundenen: Zdenek Adamek und Roman Marschall. "Idioten" – im Griechischen waren das Menschen, die nichts mehr mit der Polis zu tun haben wollten, nichts mit der Öffentlichkeit, mit dem Gemeinwesen, die am Rand lebten. Aber ist es heute nicht vielleicht umgekehrt geworden: dass die Öffentlichkeit die in ihrem Zentrum zu Idioten macht? Ich sage jetzt hier ein für alle Male: Liebe Leute, es freut mich, dass ich hier sein durfte, aber es ist das letzte Mal, dass ich mein Idiotentum öffentlich zeige. Ab jetzt könnt ihr mich vor Gericht bringen, wenn ich noch einmal im Leben öffentlich auftreten sollte. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2003)

Von Peter Handke, DDr. h. c. Schriftsteller, geb.1942.
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