Der aufmunternde Blick des Dichters: Salzburg und Paris

19. Juni 2003, 19:28
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Peter Handke wurde am Freitag das Ehrendoktorat der Universität Salzburg verliehen - Die Transkription der Rede im Kommentar der anderen

In 66 Büchern und 26 Übertragungen aus anderen Sprachen hat Peter Handke die Landkarte einer freien Welt der Literatur entworfen: Dem "Erforscher der menschlichen Existenz" wurde am Freitag das Ehrendoktorat der Universität Salzburg verliehen.


Salzburg - Ein eher beiläufiger Satz aus Peter Handkes poetischer Dankrede zur Verleihung des Salzburger Ehrendoktorats am Freitag wurde sofort von den Medien aus dem Zusammenhang gerissen und aufgebauscht: Er freue sich, "aber ab jetzt könnt ihr mich vor Gericht bringen, wenn ich noch einmal im Leben öffentlich auftreten sollte". Zu diesem Satz gibt es noch einiges zu sagen. Am Ende dieses Artikels. Zuerst aber die Vorgeschichte.

Wer sich in Salzburg nicht auskennt und wer Peter Handkes Bücher, die diese Stadt in Literatur verwandelt haben, nicht zur Orientierung mithatte, der wurde mit hilfreichen Pfeilen in die Max-Gade-Bibliothek gelotst: "DDr. Peter Handke. Verleihung der Ehrendoktorwürde der Paris-Lodron-Universität Salzburg."

Schön: So kamen das strukturalistische Zeichensystem, das für Peter Handkes Frühwerk so zentral war und der Ort, in dem er von 1979 bis 1987 lebte und wo er seit Langsame Heimkehr (1979) eine neue Poetik entwickelte, zusammen. Es ist (nach Klagenfurt im letzten Herbst) die zweite österreichische Ehrendoktorwürde, die der Studienabbrecher Peter Handke (von Alpträumen, die ihn mit der letzten juristischen Staatsprüfung konfrontieren, schrieb er noch in Das Gewicht der Welt, 1977) entgegennahm.

Wozu Ehrendoktorate? Eine Vorfrage: Warum werden überhaupt Ehrendoktorate verliehen? Ein gescheiter Sitznachbar sagte, seine Frau habe beim Frühstück gemeint, solche seien unnötig. Er aber meinte: Oh doch, es müsste noch viel mehr geben. Für Menschen nämlich, die außerhalb des elitären Universitätssystems stünden, für Unbekannte, Missachtete: Pflanzenforscher zum Beispiel, die ihr Leben lang die Bäume der Landschaften erforschen, ohne institutionelle Unterstützung, Liebhaber der Genauigkeit, Erforscher von Geschichte, Botanik, Biologie: sie würden viel mehr akademische Anerkennung verdienen.

Peter Handke, so sagte der Rektor der Salzburger Universität, Heinrich Schmidinger, betreibe die "schreibende Erforschung der menschlichen Existenz". Er habe "das Forschen selbst zum Gegenstand seiner Kunst gemacht". Stimmt: Im Roman Langsamen Heimkehr, den Peter Handke nach einem Jahr in den USA in Salzburg fertig stellte, ist es der Geologe Loser, der in Erdformationen seine Lebenslinien sucht; in der Lehre der St. Victoire (1980) ist es der "Formenforscher" Paul Cézanne, der zum Leitbild für Handkes neue Poetik der Form wird, der "Verwirklichung des reinen, schuldlosen Irdischen: des Apfels, des Felsens, eines menschlichen Gesichts. Das Wirkliche war dann die erreichte Form."

Die suchte Handke dann in der Salzburger Landschaft, zwischen Untersberg (Der Chinese des Schmerzes, 1983), Mönchsberg (Nachmittag eines Schriftstellers, 1989) und, vor allem, in der Peripherie dieser Stadt: In "Mirjams Pub" im Vorort Schallmoos (übrigens ein nicht übertrieben feines Etablissement) fand sich nicht nur eine Jukebox, sondern auch einer der serbischen Freunde, mit denen Peter Handke zu seiner allgemein so verfemten Serbien-Reise aufbrach: Salzburg wurde ihm also auch Schnittpunkt zwischen Ästhetik und Politik. Zugleich aber brach Handke jedes Kleinstädtische auf durch eine Fülle von Übersetzungen, die er am Mönchsberg erarbeitete, von Walker Percys Kinogeher bis zu René Char und Emmanuel Bove: Weltliteratur statt Kleinstadt.

Andere Politik Und um diese Pole - Übersetzen, Ästhetik, Politik - kreiste auch die (frei gehaltene) Rede, mit der sich Peter Handke bedankte (eine Transkription davon lesen Sie im heutigen "Kommentar der Anderen").

Darin vier Geschichten des Verschwindens, von Menschen, die nicht beachtet werden, Berufen, die übersehen, Landschaften, die übergangen oder - auch durch Kriege - platt gewalzt werden. Diese Rede ist ein Plädoyer für einen genauen Blick auf Figuren des Verschwindens, auf Menschen, die nicht im Rampenlicht stehen. Eine Aufforderung zu einer Politik des aufmunternden Blicks.

Und was hat es nun mit dem eingangs zitierten Schluss wohl auf sich? Juristisch gesehen: Vor welches Gericht wäre Peter Handke hier denn zu ziehen, wenn er sich an die Selbstverpflichtung nicht halten könnte? Und unter welchem Klagstitel? Doch nicht unter dem einer Vertragsverletzung, denn Verträge sind zweiseitige Willenserklärungen: Das Publikum nimmt das Anbot aber nicht an, also kein Vertrag, kein Gericht. Dann bliebe nur das Gericht der Poesie. Das ist für Peter Handke, wie seine Lebensarbeit zeigt, auch das einzig zuständige. Aber: In dubio pro reo! (DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2003)

Von Richard Reichensperger

Kommentar der anderen

Das Zugehen auf den anderen, den "Idioten" am Rand
Transkription der Rede von Peter Handke

Siehe auch:

Handke will nicht länger ein Idiot sein...
...und niemals wieder in der Öffentlichkeit auftreten, erklärte der Schriftsteller bei Verleihung der Ehrendoktorwürde

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Es freut mich, dass ich hier sein durfte. Aber es ist das letzte Mal": Peter Handke in Salzburg.

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