Der Wille, in Gehrers Suppe zu spucken

19. Juni 2003, 19:03
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Proteste gegen Kürzung des Kunstunterrichts

Wien - Erwin Wurm, Künstler von internationalem Format und Professor an der Angewandten, ist über den Plan von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, den Kunstunterricht in der AHS ab der 6. Klasse auf 50 Minuten pro Woche zu halbieren, entsetzt. Aber er veröffentlichte als Kommentar nicht nur eine seiner One-Minute-Scupture-Fotos mit dem Titel "spit in someone's soup" (eine junge Frau spuckt auf diesem in eine Suppe), sondern trommelte eine Riege von Museums- und Kunsthausdirektoren, Universitätsrektoren und Galeristen zusammen.

Gemeinsam artikulieren Edelbert Köb (Museum für angewandte Kunst), Gert Amann (Ferdinandeum), Mathias Hermann (Secession), Carl Aigner (NÖ Landesmuseum), Franz Niermann (Musikuniversität Wien), Christa Steinle (Neue Galerie Graz), Hans Knoll (Galerienverband), Agnes Husslein (Rupertinum) und viele andere einen "Alarmschrei": Die geplante Kürzung sei blanker Zynismus, widersinnig, Ausdruck der Geistlosigkeit.

Wenn Kunst und Kultur die Basis des neuen Europa sind, so die Kunstpädagogin Barbara Putz-Plecko (Angewandte), dann erwarte man sich aus dieser Erkenntnis doch einen kulturpolitischen Auftrag. Zumal Österreich seine Identität, wie Peter Noever (MAK) nachsetzt, über Kunst und Kultur bezieht: Man könne nicht nur abstauben (im doppelten Wortsinn). Denn Ignoranz gegenüber der Kunst führe zu Kunstfeindlichkeit. Die Folge von noch weniger Kunstunterricht sei "künstlerisches Analphabetentum", so Gerald Matt (Kunsthalle Wien). Und Wurm malt schwarz: Noch weniger Kunstinteressierte führten zu weniger Ausstellungsbesuchern - mit dem Effekt, dass die Regierung leichte Spiel habe, die Subventionen für die Häuser zu kürzen.

Dennoch will man nicht bloß um Unterrichtsminuten feilschen: Die geplante Kürzung sei nur ein Symptom dafür, dass es mit dem Kunstunterricht insgesamt im Argen liege. Man fordert daher ein "umfassendes Konzept für kulturelle Bildung" - und habe sich auch Gedanken gemacht, wie der Unterricht verbessert werden könne, meint Gerald Bast, Rektor der Angewandten. Aber man habe sie nicht zu Papier gebracht, nur damit sie in der Schulbade der Beamten verschwinden: Man fordert, mit den Politikern in eine ernsthafte Diskussion eintreten zu dürfen. (trenk/DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2003)

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