Fragen der Zeit

20. Juni 2003, 10:43
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Es soll hier einmal um das seltsame Verhältnis von Zeit und TV gehen. Kann man etwa anhand des TV erkennen, welcher Tag ist?

Kann das TV zur Uhr werden, sie ersetzen? Wenn George Bush wieder aktuell über Frieden redet, dann ist es immens schwer zu sagen, in welcher Datumszone wir uns gerade befinden. Das, was er sagt, klingt wie vor einigen Monaten, meint halt nur jetzt den Iran. Dennoch, für unser Zeitgefühl sehr verwirrend.

Viel wichtiger als die Uhrfunktion des TV ist für uns allerdings, dass die gezeigten Dinge eine möglichst geringe zeitliche Entfernung vom Augenblick der Ausstrahlung haben. Aktualität! Sie suggeriert dabei seltsamerweise ein Dabeisein, das natürlich eine Illusion ist. Dass sie gut tut, wissen die Nachrichtenmacher allerdings, weshalb sie bei Bebilderungen aktueller News mitunter Archivmaterial verwenden, ohne allerdings immer darauf hinzuweisen, dass die Bilder Opas sind. Dann gibt es Stunk. Vergangenheit wird zur Gegenwart. Und das ist unmoralisch.

Es gibt aber bei uns widersprüchlichen Fernsehern paradoxerweise auch die Lust auf die Flucht aus der Jetztzeit. Das deutsche öffentlichrechtliche Imperium hat darauf Rücksicht genommen, indem es alte Nachrichtensendungen aus den 70ern wiederholte. Das hatte was. Im ORF lagern sicher auch einige Schätze.

Diese Flucht gelingt jedoch zurzeit am besten mit Kabel 1, dem Sender mit den alten Serien. Das TV-Rad der Zeit wird zurückgedreht, angehalten, man bewahrt für uns ein Stück unserer Kindheit auf - ziemlich herrlich! (tos/DER STANDARD; Printausgabe, 20.6.2003)

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