Gucci, Prosecco und 40 Grad im Schatten

22. Juni 2003, 18:00
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Ein kleines Reisejournal aus der Stadt der Kunst

Laut Reiseführer ist der Alltag in Venedig ja schwer gefährdet, und das nicht in erster Linie, weil die einst so mächtige Dogenstadt langsam im Meer versinkt, sondern weil immer weniger Menschen in Venedig leben. Gerade noch 65.000 EinwohnerInnen gibt es im historischen Stadtkern von Venedig, das ist fast die Hälfte des Stands von 1966 ...

Als Grundlagenwissen für den morbiden Charme, den die Stadt aus jeder Ritze ihrer brüchigen Bausubstanz ausschwitzt, kommt mir das gerade recht. Hunderttausend TouristInnen, ein Stimmengewirr von zig Sprachen, gleißende Hitze und grelles Licht. So präsentiert sich uns die Biennale-Stadt bei unserer Ankunft. Die Künstlichkeit dieser Umgebung ist allen bewusst, die hier durch Gassen und über Brücken schlendern - das Fehlen von Normalität abseits des Tourismus gängiges Gesprächsthema. Eine alte Frau beim Schleppen ihrer Einkäufe beobachten ist wie ein Happen realen "venezianischen Lebens" zu erhaschen. Uns bleibt schließlich nur die überteuerte Pizzeria.

Wir passen unsere Wahrnehmung der neuen Umgebung an und raten, ob vorbeilaufende PassantInnen Biennale-Publikum sind oder nicht. Zugegeben, schwer ist es nicht. Hornbrillen, Gucci-Sandalen und Seiden-Kaftans in dezenten Farben gelten immerhin als unschlagbare Indizien für "Kunstpublikum". Ein Detail des Outfits MUSS extravagant sein. Woran sind wir wohl erkennbar?

Alles für ein Glas Prosecco

In den Giardinis bilden sich während den Eröffnungstagen der Biennale meterlange Schlangen - KuratorInnen, JournalistInnen und Kamerateams kämpfen um gratis Kataloge, ein Glas Prosecco oder einfach nur Schatten. Buffets werden gestürmt, da kann der Escada-Seidenschal schon mal zu Boden fallen. Wir treffen eine befreundete Künstlerin, die uns mitteilt: "Das ist ja die totale Kuratorenmesse hier". Wir haben immerhin schon Jean Nouvel, Helmut Newton und Jimi Tenor gesehen.

Am Abend gibt es Empfänge, die es in sich haben (wollen). Komplizierteste Einlassverfahren bilden wieder Schlangen vor den Eingängen, zu Hause hätte ich schon längst umgedreht. Gefeiert wird auf Restaurant-Dächern oder in Palazzos, die so stark klimatisiert sind, dass der Schweiß auf der Haut gefriert. Verkühlung frei haus. Anschließend trinken wir "Sprizz" auf der engen Gasse vor dem Eingang und sind auch gleich wieder so was von versöhnt.

Jugend-Trip

Als Widerspruch der übereilte Aufbruch, denn die Jugendherberge auf der Insel Guidecca will uns schließlich bis spätestens Mitternacht in den Schlafsälen wissen. Männlein und Weiblein getrennt und die Männer-Seite (!) für die Nacht extra abgesperrt. Beim Frühstück rätseln wir, ob das denn noch mit rechten, katholischen Sitten zugeht, und wie sie sich wohl gegen gleichgeschlechtliche Liebe verteidigen. Irgendwie doch typisch katholisch: ihre Existenz wird geleugnet.

Wir sind immer schon ab 9.00 Uhr auf den Beinen, weil in der rechtschaffenen Herberge am Vormittag geputzt wird. Am Samstag also wieder unterwegs, um unseren Kunstsinn zu schärfen, bis zum Nachmittag, da beschließen wir, einen Abstecher nach Jesolo zu wagen. Auf der Fähre gleich der totale Idiotenalarm (ein junger Bundesdeuscher greint seinen Kollegen zu: "Mit der war ich nach fünf Minuten fertig". Allgemeines Schenkelklopfen). Wir setzen uns nach hinten auf die große Ladefläche und geraten zwischen Kleinfamilien, matte PensionistInnen, tiefbraune Strandschönheiten.

Beim Flanieren durch die Hotelanlangen in Jesolo werden Erinnerungen wach an Familienurlaube, Spielhöllen, Geborgenheit. Das Meer ist lauwarm, unsere Haut zu weiß für diese Welt.

Der Abend bringt wieder Pizza und anschließende Schweißausbrüche. Auf den Knien den fast 700 Seiten dicken Biennale-Katalog, ein potentielles Mordinstrument. Gänzlich diktatorisch führen wir uns auf, wie wir durch die Seiten blättern und urteilen. Und dann fasst mein Bruder noch zusammen, wie seiner Meinung nach das Credo der Eröffnung zur 50. Biennale lauten sollte: "Krieg und Prosecco". Sehr treffend formuliert, kann ich da nur sagen. (freu)

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