"Nach wie vor Handlungsbedarf"

20. Juni 2003, 12:26
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dieStandard.at im Interview mit Ingrid Moritz, Frauenreferentin der Arbeiterkammer Wien über die Situation von Alleinerzieherinnen

dieStandard.at: Die AK Wien hat 2001 die umfangreiche Studie "Alleinerzieherinnen" mit vielen Daten und Fakten herausgebracht – hat sich seitdem etwas für diese Zielgruppe verändert?

Ingrid Moritz: Verbesserungen sind mir keine bekannt. Und die Studie hat auch politisch nicht viel Echo gefunden – wir sind zwar damit zu den Parlamentsparteien gegangen, haben auch Gesprächsrunden geführt, und die Ergebnisse wirklich lobbyiert und sie allen Abgeordneten der Parlamentsclubs schriftlich zugänglich gemacht, damit die Politik wirklich von der Studie erfährt und wo und was der Handlungsbedarf für Alleinerzieherinnen wäre. Aber für die Praxis ergeben hat sich daraus eigentlich nichts Konkretes. Wir haben damit jedoch klar aufgezeigt, was der aktuelle Stand ist und damit für Folgedebatten eine Informations-Grundlage geschaffen.

dieStandard.at: Was kennzeichnet der Studie nach die Gruppe der Alleinerzieherinnen, gibt es Gemeinsamkeiten, die für alle gleich gelten?

Ingrid Moritz: Klar bei der Studie herausgekommen ist: Die Alleinerzieherin gibt es nicht. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Einkommensschichten und Bildungsniveaus, es gibt hochqualifizierte, gut verdienende Alleinerzieherinnen und jene, die nicht gut verdienen. Der überwiegende Anteil ist in eher schlechter ökonomischer Situation. Allen gemeinsam ist, dass sie für das Kind überwiegend alleine zuständig sind. Natürlich gibt es auch Väter, die Verantwortung übernehmen und wo die Aufgaben gerecht verteilt sind, aber in den meisten Fällen nicht oder viel zu wenig. Die Mütter sind überwiegend also für die Kindererziehung alleine zuständig, für die finanzielle Absicherung der Familie und das alles geht auf Kosten von Freizeit für sie. Und natürlich gibt es auch alleinerziehende Väter - diese Gruppe ist aber im Vergleich verschwindend gering. Die meisten Alleinerzieherinnen müssen außerdem schauen, dass sie eher Vollzeit arbeiten, um genug Geld zu verdienen. Das alles macht ihre Situation so belastend – und es wäre eigentlich ganz logisch, dass die Politik darauf reagieren und unterstützen sollte.

dieStandard.at: In welcher Form könnten Sie sich diese Unterstützung vorstellen?

Ingrid Moritz: Zum einen bei der Infrastruktur, da ist es ganz wichtig, dass die Rahmenbedingungen passen, dass die Kinderbetreuung ausreichend zur Verfügung steht, dass es für Schulkinder genug Nachmittagsbetreuung gibt, dass es Lernhilfen gibt, damit die Mutter, wenn sie heim kommt, mit dem Kind statt lernen kann, und nicht noch zusätzlich schauen muss, ob z.B. die Aufgaben gemacht sind. Da gibt es derzeit ein großes Stadt-Land- und Ost-West-Gefälle.

In den letzten Jahren geht der Trend, auch mit dem Kindergeld, in die Richtung, dass auf unmittelbare Geldleistungen gesetzt wird und weniger in die Infrastruktur. Die Kinderbetreuungseinrichtungen sind zwar Ländersache, aber trotzdem kann der Bund sagen, wir wollen was ändern und da Impulse setzen.

dieStandard.at: Was sind Probleme von Alleinerzieherinnen, die man vielleicht nicht auf den ersten Blick sieht?

Ingrid Moritz: Viele haben Probleme mit dem ehemaligen Partner, bei denen Kinder oft als Konfliktaustragungsinstrumente benützt werden. Häufig haben sie auch darum zu kämpfen, dass sie die Unterhaltszahlungen bekommen. Und dann gibt es in der Gesellschaft die typischen Rollenzuschreibungen – Alleinerziehende zu sein ist nicht die Lebensform, die allgemein toleriert wird: Da sind so Zuschreibungen wie „Die hat kein Geld“, „Die ist arm, die hat keinen Mann“ oder „Da hat‘s mit dem Partner nicht geklappt“, alles Vorurteile, denen Alleinerzieherinnen nach wie vor begegnen. Die Mutter-Vater-Kind-Familie hat noch immer ein anderes Image als die Teilfamilie.

dieStandard.at: Und im Berufsleben?

Ingrid Moritz: Auf betrieblicher Ebene gibt es noch immer Arbeitgeber, die glauben, dass Alleinerzieherinnen weniger einsatzfähig sind, weil doppelt belastet. Wir kennen Wiedereinsteigerinnen, wo der Arbeitgeber nicht auf flexible Arbeitszeiten einwilligt, obwohl es wegen der Kinder nichts anders geht. Es geht uns aber nicht darum, dass man Sonderregelungen für Alleinerzieherinnen schafft, sondern insgesamt gute Rahmenbedingungen, die sie stärker nutzen können: also zum Beispiel die erwähnten Kinderbetreuungseinrichtungen mit flexibleren Öffnungszeiten, Mitgestaltungsrechte bei der Arbeitszeit – und das heißt nicht nur Teilzeit, sondern auch die Arbeitszeit verschieben können. Ein weiteres Problem sind auch die Ladensöffnungszeiten, viele Alleinerzieherinnen arbeiten auch im Handel und die Deregulierung der Öffnungszeiten setzt sie unter zusätzlichen Druck.

dieStandard.at: Teilzeitstellen zu verstärken wird auch in der Studie gefordert – andererseits haben Frauen, wie man in der Pensionsdebatte sieht, später im Alter dann oft das Problem, nicht genug abgesichert zu sein.

Ingrid Moritz: Das Problem ist, dass Teilzeitarbeitsplätze vor allem im unqualifizierten Bereich angeboten werden. Viele Alleinerzieherinnen haben außerdem das Problem, weniger qualifizierte Jobs annehmen zu müssen, weil sie einen stärkeren ökonomischen Druck haben, das Geld brauchen und sich berufliche Fortbildung noch weniger leisten können. Bei Arbeitslosigkeit gibt es zwar Qualifizierungsmaßnahmen, es müsste aber Strategien der Qualifizierung geben, die auch existenzsichernd sind, damit man dann eher auch einen Arbeitsplatz nehmen kann, der auch unter 40 Stunden genügend Einkommen bringt – dann ist Teilzeit ja auch wieder leistbar. In der Regel werden Teilzeitjobs aber ohnehin in geringerem Ausmaß von Alleinerzieherinnen genutzt, weil sie eben das Geld aus dem Vollzeitjob brauchen - und sie sind auch öfter arbeitslos.

dieStandard.at: Wie sieht es mit Zuverdienstmöglichkeiten für Alleinerziehende aus?

Ingrid Moritz: Da gibt es derzeit eine speziell ärgerliche Situation: Es gibt einen Zuschuss für Alleinerzieherinnen und einkommenschwache Familien und damit man diesen Zuschuss nicht verliert, darf der Zuverdienst derzeit nicht höher als 3997 Euro sein, beschlossen ist jetzt schon eine Anhebung auf 5200 Euro. Zum Kinderbetreuungsgeld dürfen aber bis zu 14600 Euro im Jahr dazuverdient werden. Der Punkt ist: zu differenzieren, dass die einen 5200 Euro und die anderen mit Kinderbetreuungsgeld 14600 Euro dazuverdienen, heißt de facto, dass alle, die nicht einkommensschwach sind, mehr dazuverdienen dürfen - die, die einkommensschwach sind, verlieren bei Mehrverdienst, den sie zum Leben brauchen, aber den Zuschuss. Und das halte ich für einen Zynismus.

Alleinerzieherinnen müssen also immer genau nachrechnen, wieviel sie kriegen, und ob ihnen der Zuverdienst so viel mehr bringt, dass sie dafür den Zuschuss aufgeben, oder nicht. Viele Betroffene sind darüber sehr verärgert. Das Kinderbetreuungsgeld wird so gestreut und bei den Alleinerzieherinnen, die es wirklich brauchen, ist man so knausrig.

dieStandard.at: Wenn die Frauenpensionen wie geplant gekürzt werden – gibt es da konkrete Auswirkungen, die verstärkt Alleinerzieherinnen treffen?

Ingrid Moritz: Alleinerzieherinnen können sicher nicht auch noch Geld zur Seite legen, um sich eine private Vorsorge aufzubauen. Man provoziert da eine Armut und dann können sie aus dem Härtefonds eine Einmalzahlung beantragen - sie werden damit zu Almosenempfängerinnen. Es ist jetzt schon so, auch bei der Sozialhilfe, dass Alleinerzieherinnen auf Almosen angewiesen sind. Es ist immer die Frage, ob man eine Gesellschaft in die Richtung entwickelt, dass es Rechte und Leistungen mit Würde gibt, oder ob Frauen aufgrund ihrer Lebenssituation, aufgrund dessen, dass sie ein Kind erziehen, sich trennen oder getrennt werden, einfach zu Bittstellerinnen im Sozialsystem werden. Es ist einfach was anderes, ob ich Rechte habe, oder ob ich wohin gehen muss und sagen „Bitte, mir geht es so schlecht“ und mit der Armut argumentieren muss.

dieStandard.at: Sie haben die Sozialhilfe erwähnt – was hätte die „Sozialhilfe neu“ für spezielle Auswirkungen auf Alleinerzieherinnen?

Ingrid Moritz: Die Sozialhilfe ist zum einen noch einmal schlechter als die Situation in der Notstandshilfe. Derzeit empfangen viele Alleinerziehende Notstandshilfe, weil kein Partnereinkommen, im Falle der Sozialhilfe neu würden sie in die Sozialhilfe abwandern, das bedeutet eine klare Verschlechterung – der eigene Besitz wird geprüft, es werden die Angehörigen auf ihr Einkommen geprüft, das Niveau der Leistung ist niedriger, Migrantinnen, unter denen auch Alleinerzieherinnen sind, haben dann keinen Anspruch mehr.

dieStandard.at: Und die Folgen?

Ingrid Moritz: Die Frage ist, wer die Verantwortung dafür übernimmt, dass die Kinder dann mit Nichts aufwachsen müssen und nichts haben, worauf sie ihre Zukunft aufbauen können. Wenn keine Chancen geschaffen werden, dass die Situation besser wird, dann geht diese prekäre Situation eins zu eins auf die Kinder über. Das bringt sicher neue soziale Probleme auf, bringt neue Stigmatisierung gegen die Alleinerzieherinnen und verstärkt Vorurteile wie, sie würden die Kinder verwahrlosen lassen – da geht das ganze Rad dann los, anstatt dass wir sagen, wir sind eine Gesellschaft, die an sich nicht arm ist und kein Problem hat, passende Rahmenbedingungen für Alleinerzieherinnen zu schaffen, damit sie in der Gesellschaft keine Nachteile haben.

Es wird immer nur eine Kosten-Nutzen-Rechnung, aber nie eine Rechnung von Gesamtkosten gemacht, von sozialen Folgen - wenn zum Beispiel Kinder frühzeitig erwerbstätig sein müssen, weil bei ihrer Weiterbildung gespart werden muss, all das wird nicht berücksichtigt. Ich glaube, dass wir generell in einer Umbruchsphase sind, wo es darum geht, wie weit es einen ausgebildeten Sozialstaat gibt und wieweit die Gesellschaft Verantwortung für Infrastruktur übernimmt und wie weit es eine Privatsache ist – genau in diesem Spannungsfeld befinden wir uns derzeit.

Das Gespräch führte Isabella Lechner.

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