Weg frei für Trichet zum "Mr. Euro"

20. Juni 2003, 12:55
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Nach dem Freispruch im Crédit-Lyonnais-Prozess ist die Bahn für den Pariser Notenbankchef Richtung EZB-Spitze frei

Paris - "Ich kann es nicht verhehlen, dass mich dieser Entscheid bewegt", meinte Jean-Claude Trichet mit der ihm eigenen Zurückhaltung, nachdem ihn das Pariser Strafgericht in der Affäre des Crédit Lyonnais freigesprochen hatte. Die Richter sahen es nicht als erwiesen an, dass der frühere Direktor des französischen Schatzamtes (Trésor) an den Bilanzfälschungen der Staatsbank mitgemacht hatte.

Auf Anfechtung verzichtet

Staatsanwalt Yves Bot erklärte gestern, zu dem Urteil gebe es nichts anzufügen, weshalb er auf eine Anfechtung verzichte. In den europäischen Finanzkreisen und Hauptstädten gab es erleichterte Reaktionen. Der Eurokurs blieb stabil, was bei einer Verurteilung kaum der Fall gewesen wäre. Trichet gilt als Wunschkandidat für den Vorsitz der Europäischen Zentralbank (EZB), den Wim Duisenberg abgeben will. An sich wollte der Niederländer schon am 9. Juli abtreten; wegen des ausstehenden Gerichtsurteils betreffend Crédit Lyonnais schob er diesen Entscheid aber hinaus.

EU-Kommissionspräsident Romano Prodi bezeichnete den Freispruch Trichets als gute Nachricht, die die Nachfolge Duisenbergs vereinfache. Die Sprecherin des französischen Staatschefs Jacques Chirac bestätigte, dass Trichet Frankreichs Kandidat für die EZB-Spitze sei. Der Präsident werde dies beim EU-Gipfel am Wochenende deponieren.

Auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) unterstützt die Kandidatur des französischen Notenbankchefs Jean-Claude Trichet als Präsident der Europäischen Zentralbank. Er erwarte allerdings darüber keine Diskussion am Gipfel in Porto Carras bei Saloniki (Thessaloniki), sagte Schüssel.

Halboffizieller Kandidat Frankreichs

Trichet ist seit 1996 der halboffizielle Kandidat Frankreichs, dessen Anspruch heute von keinem anderen Euroland mehr infrage gestellt wird. Der heutige Notenbankpräsident Frankreichs, 1942 in Lyon geboren, ist ein typisches Produkt der Pariser Verwaltungs-Eliteschule ENA. Mit seinem Einsatz für eine stabile Währung, die ihm in Paris den Spitznamen "Ayatollah des starken Franc" eintrug, widersetzte sich der Notenbankchef allerdings mehrfach den ausgabefreudigen französischen Politikern; auch Chirac ist deshalb nicht nur gut auf ihn zu sprechen.

Der überaus kultivierte und meist nur leise sprechende Ökonom genießt über Paris hinaus den Ruf eines erfahrenen Geldpolitikers. Trotz seiner Verwicklung in die Lyonnais-Affäre gilt er als integer, nervenstark und auch mit der nötigen Autorität versehen, um den Euro in ruhigere Fahrwasser zu lenken. Seinen französischen Ersatzkandidaten fehlt entweder das nötige Charisma (so im Fall des bisherigen EZB-Vizepräsidenten Christian Noyer) oder die geldpolitische Erfahrung (so den Bankiers Michel Pébereau oder Jean Lemierre).

Stets bestritten

Trichet hatte seine Verwicklung in den größten Bankenskandal Frankreich stets bestritten. Der Crédit Lyonnais hatte 1992 einen Verlust von bloß 1,8 Mrd. Francs (274 Mio. Euro) ausgewiesen, obwohl interne wie externe Experten Rückstellungen von bis zu sieben Mrd. Francs für nötig erachteten; später musste der Staat der mittlerweile privatisierten Bank mit Dutzenden Milliarden unter die Arme greifen, um ihren Konkurs zu vermeiden. Da das Schatzamt in Frankreich die Staatskonzerne beaufsichtigt, kam Trichet eine zentrale Rolle zu.

Freigesprochen wurden auch andere Angeklagte, darunter der Exnotenbankgouverneur Jacques de la Larosière. Der damalige Lyonnais-Präsident Jean-Yves Haberer, der mit Geschäften bis Hollywood und Fernost Riesenverluste einfuhr und sie nach Ansicht des Gerichtes verdunkelte, wurde ebenso wie zwei ehemalige Generaldirektoren zu bedingten Haftstrafen verurteilt. (Stefan Brändle, DER STANDARD Print-Ausgabe, 20.6.2003)

Kommentar

Zwei weiße Westen - Von Eric Frey

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EZB

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    Jean-Claude Trichet lässt die Pariser Justiz hinter sich. Vor ihm: Die EZB-Präsidentschaft.

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