Biennalsprünge "nicht mehr haltbar"

19. Juni 2003, 21:12
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WK-Präsident Leitl nimmt Lohnvorrückungen ins Visier - Senkung der Lohnnebenkosten für Ältere angestrebt - Massive GPA-Kritik

Wien - Die für nächstes Jahr erwartete zweite Etappe der Lohnnebenkostensenkung soll hauptsächlich den älteren Arbeitnehmern bzw. deren Dienstgebern zu Gute kommen. Ab 2004 sollen die Lohnnebenkosten für ältere Arbeitnehmer stufenweise so gesenkt werden, dass diese für Beschäftigte ab 60 schließlich um 10 Prozent sinken. Ein solches Paket sei "partiell" bereits verhandelt, sagte der Chef der Wirtschaftskammer (WKÖ), Christoph Leitl am Dienstagabend vor Journalisten. Der für nächstes Jahr vorgesehene Entlastungsschritt für die Unternehmen soll eine Summe von rund 500 Mio. Euro bewegen.

"Nicht mehr haltbar"

Leitl sprach sich für eine Abschaffung der automatischen Lohnvorrückungen aus, die Ältere überproportional teuer machten und zur hohen Altersarbeitslosigkeit beitrügen. Biennalsprünge seien auf die Dauer "nicht mehr haltbar", sagte Leitl. In den Kollektivvertragsverhandlungen mit den Metallern seien bereits vor einigen Jahren erste Einstiege für Modelle für die angestrebte "Abflachung der Lebenseinkommenskurve" gemacht worden.

Eine EU-Richtlinie gegen die Diskriminierung älterer Arbeitnehmer, die nach Lesart des Arbeitsministeriums automatische Vorrückungen rechtswidrig macht, zeige "ein Problem" auf, müsse in der WKÖ aber noch genauer analysiert werden, sagte Leitl. Nach Meinung von WKÖ-Expertin Maria Kaun gibt die Richtlinie lediglich ein Ziel vor, lässt aber die Umsetzung offen.

Massive Kritik der Gewerkschaft

Der Vorschlag des Wirtschaftskammer-Präsidenten stößt auf Kritik der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA): Leitl erweise der sozialpartnerschaftlichen Kooperation für eine moderne Einkommenspolitik keinen guten Dienst, wenn er sich "der simplifizierenden und falschen Analyse des Arbeitsministeriums" der EU-Gleichbehandlungsrichtlinie anschließe, so GPA-Vorsitzender Hans Sallmutter. Den Ausstieg aus dem Biennalsystem aus der Richtlinie herauszulesen sei "mehr als gewagt" und verkehre deren eigentliche Absicht.

Unternehmen stellen sich um

Unterdessen beginnen die ersten Unternehmen, sich auf den demographischen Wandel in Arbeitsmarkt und Kundenstruktur einzustellen. Im Jahr 2030 wird die Zahl der Österreicher zwischen 55 und 64 Jahren um knapp 300.000 gestiegen sein, während sich die Zahl der 18- bis 29-Jährigen um 200.000 verringert haben wird.

Der Linzer Stahlkonzern voestalpine versucht mit einem "Life" genannten Maßnahmenbündel, Beschäftigte länger in der Arbeit zu halten. Das koste zwar etwas, "wir tun dies aber aus einem stark betriebswirtschaftlichen Grund, weil wir glauben, dass sich das rechnet", meint Heinz Rittenschober, der für das Programm verantwortlich zeichnet. Die Maßnahmen umfassen unter anderem auch Veränderungen der Arbeitsorganisation, etwa im Schichtbetrieb und die Schaffung ergonomisch angepasster Arbeitsplätze - vor allem aber auch den "kulturellen Aspekt", also die Bewusstseinsbildung bei Dienstnehmern und im Management.

Senioren-Supermarkt in Salzburg

In der Einzelhandelsgruppe ADEG wiederum hat kürzlich in Bergheim bei Salzburg versuchsweise ein Supermarkt für die über 50-Jährigen eröffnet. Über die Ausdehnung des Modells soll nach Ende der Testphase im Herbst entschieden werden. "Aus heutiger Sicht werden wir das wohl machen", meinte Kurt Erlacher, der Verantwortliche für das Projekt.

Der Supermarkt ist nicht nur speziell für ältere Kunden gestaltet, sondern beschäftigt ausschließlich auch Verkäufer über 50 Jahre. Die Erfahrungen mit den unter 100 Bewerbungen ausgewählten 14 Arbeitnehmerinnen seien sehr gut, speziell wieder in den Beruf einsteigenden Frauen habe man "sehr viel Verkäufer-Know-how erworben, das es jetzt nicht mehr gibt", meinte Erlacher. Im Herbst könnte ADEG neue 50+-Märkte eröffnen, in Wien etwa von ADEG erworbene ehemalige Meinl-Märkte. (APA)

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    WK-Präsident Christoph Leitl

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