Studienfach Miami Vice

19. Juni 2003, 17:30
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Das US-Quartett "The Dandy Warhols" entdeckt auf "Welcome To The Monkey House" die schlimmsten 80er-Jahre wieder. Und es kommt damit durch

The Dandy Warhols. Der Bandname zählt zum Abgeschmacktesten und Plakativsten, das die Musikgeschichte zu bieten hat. Und erst das Cover! Eine Banane schält sich hier aus einer Haut mit Reißverschluss. Andy Warhol. Sein berühmtes Cover für das Album von Velvet Underground. Sein ebenso legendäres Cover für Sticky Fingers von den Rolling Stones. Rockmusik und Drogen. Jetset und Underground. Tiefes Unbehagen macht sich breit, noch bevor man einen Ton gehört hat. Wie Leonard Cohen: "I don't like the drugs that keep you thin."

Produziert wurde das obendrein nach einer Kurzgeschichtensammlung von Science-Fiction-Althippie Kurt Vonnegut benannte neue Album Welcome To The Monkey House unter anderem von niemand Geringerem (mit der Betonung auf gering) als Nick Rhodes von den alten und völlig zu Recht vergessenen 80er-Jahre-Kokain-Poppern Duran Duran (Wild Boys). Duran Duran bedeutet im Türkischen "große Scheiße", verweist aber auf den Kultroman A Clockwork Orange von Anthony Burgess, wo Duran Duran sehr wahrscheinlich in der Moloko-Milchbar als Cocktail zu erwerben ist, der das Gehirn schon nach einem Schluck in ein Schleudertrauma jagt.

Duran Durans pausbäckiger Sänger Simon LeBon (Elvis mit schulterwattiertem Miami Vice-Sakko und Edel-Vokuhila) gastiert hier im Monkey House ebenso, wie das zugegeben sympathische Grunge-Rock-Drogenwrack Evan Dando (Lemonheads). Nile Rogers von den New Yorker Disco-Königen Chic (Le Freak) steuert ein Gitarrenriff bei. Und den Rest der ganzen Sause hat man in die bewährten Hände von Tony Visconti gelegt. Der sorgte in den 70er-Jahren schon als Polier bei David Bowie und Marc Bolans T.Rex dafür, dass die eklektizistischen Songaufbauten der zwei britischen Glamour-Kaiser zur Erdung im freien Markt ein festes Fundament hatten.

Wem das noch nicht genug ist: Die Dandy Warhols machen ziemlich offensichtliche Songtexte und noch eindeutigere Titel. Die gehen zum Beispiel so: Not If You Were The Last Junkie On Earth. Oder auch Horse Pills. Und auf dem neuen Album wird diese Tradition dementsprechend fortgesetzt. The Dope. You were The Last High. Schließlich der Absturz nach ganz unten: Hit Rock Bottom.

Sie haben es jetzt schon geahnt: Dass die Dandy Warhols originäre Musik schaffen würden, kann man nicht unbedingt behaupten. Hier ist die Querverweis- und Wink-mit-dem-Zaunpfahl- und Zitat-Kacke auch dank zweier auf der aktuellen Single We Used To Be Friends enthaltener Coverversionen von Blondies Call Me und Frankie Goes To Hollywoods Relax derartig am Dampfen, dass man sich automatisch in die tiefsten 80er-Jahre zurückversetzt fühlt. Dort hat man auf der Universität gerade ein Seminar zur Überwindung der Postmoderne belegt. Im Sinne des damals zeitgleich ausgerufenen postmaterialistischen Zeitalters hofft man aber schon auch darauf, dass die Gewinne aus Börsenspekulationen auch einmal bei einem selbst auf dem Konto vorbeischauen.

Die Dandy Warhols haben für ihre Rente übrigens längst vorgesorgt. Mit einem Song aus ihrem letzten Album Thirteeen Tales From Urban Bohemia kamen die Millionen. Hörer und Scheine. Die noch immer täglich europaweit gesendeten TV-Spots einer Mobilfunk-Firma werden seit Jahr und Tag mit dem Stück Bohemian Like You unterlegt. Ein Lied, das 2000 neben der hübschen Trompetenballade Godless in seiner Mischung aus britischem Happy-Go-Lucky-Pop und amerikanischem Grunge längst zu einem Klassiker geworden ist und der Band neben viel Ehre auch viele Feinde eingebracht hat. Zwar haben schon in den goldenen 60er-Jahren Leutchen wie The Who oder die Rolling Stones eigene Lieder für Werbung auch noch selbst verfremdet und interpretiert. Heutzutage aber ist das offensichtlich so verboten wie ungeschützter Sex mit Pelzmänteln.

Den Dandy Warhols um den sich leicht affig mit einem Doppelnamen schmückenden Gitarristen und Sänger Courtney Taylor-Taylor ist das egal. Nach den gitarrendominierten Thirteen Tales hat man jetzt Richtung Keyboards umgeschwenkt und zitiert und adaptiert vergangene Stile, was das Zeug hält: The Dandy Warhols Love Almost Everyone. Das mag zwar viele alte Liebhaber der Band aus Portland, Oregon, verschrecken. Mit der völlig ungeniert überzogenen Drehung der Schraube auf die Stellung "locker" und weg von offensichtlichen Singlehits wie Bohemian Like You hin zu einem stimmigen Albumganzen, in dem statt Taylor-Taylors voller Brustgesang auf Uh-huh-Chöre und Falsettgesang im Stile des Mannes gesetzt wird, den sie früher den geilen Prince nannten, ist den Dandy Warhols allerdings etwas sehr Eigenständiges gelungen.

Trotz aller Zitierwut und möglicherweise auch getrieben von Pulvern, die schon in den 80er-Jahren verboten waren, und gerade wegen seiner plumpen Retro-Bestrebungen haben wir es hier wieder einmal mit einem völlig losgelösten Popalbum zu tun, mit dem auch die so genannten Kräfte des Fortschritts ihren Frieden machen können. Was uns schließlich zu einer letzten Frage in diesem Zusammenhang führt: Was, bitte, wurde eigentlich aus Udo Huber? (Christian Schachinger, DER STANDARD,Printausgabe, rondo, 20.6.2003)

The Dandy Warhols
Welcome To the Monkey House
(Capitol/EMI)
  • Artikelbild
    foto: emi
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