Augenschmaus

25. August 2003, 15:28
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Vieles ist nicht mehr das, was es einmal wahr. Eiskalt rechnet Markus Mittringer mit stillosen Entgleisungen in der Eislandschaft ab

Dass es überhaupt zu einer Firmung kommt, liegt oft genug ja nur darin begründet, dass der zu Firmende reif für ein Rennrad oder ähnlich Profanes ist. Er bittet dann den Paten (meist Onkel), von einer goldenen Uhr als Initiationsgeschenk abzusehen, weil von einer solchen lässt sich quälende Wochen lästigen Firmunterrichts bestenfalls halbfeucht träumen. In meinem Fall hat das geklappt.

Allein der Weg zum ersten Ausritt war ein weiter. Zunächst musste die Zeremonie in entwürdigender Kleidung überstanden werden. Und dann der traditionelle Ausflug: allen voran der Onkel samt Firmling im Bayrischen Motorwagen, Stunden hintendrein die Restfamilie in zivilisierteren und dementsprechend langsameren Vehikeln. Als sich dann alle wieder gefunden hatten, wurde ein naturkundliches Museum besucht, zu Mittag gespachtelt und dann - zur Krönung - eine Eisdiele besucht. Wir schreiben das späte 20. Jahrhundert irgendwo im Salzburgischen.

Unter Eis stellte man sich im keineswegs alltäglichen Gebrauch einen Doppellutscher oder gar ein Jolly vor. Cornetto war dem Sonntag vorbehalten, das Rumfass streng verboten. Eis unverpackter Natur gab es bestenfalls als Entschädigung für Pflichtbesuche in einer jener Konditoreien, in denen die Damen - einschließlich der eigenen Anverwandten - nie die Hüte und Pelzhauben abnehmen, während sie über die Frisuren sprechen, die darunter verborgen bleiben. Es gab dann drei Kugeln an Schlagobers samt Waffelpaket. Zur Auswahl standen: Erdbeer, Schokolade, Vanille, Zitrone und - in fortschrittlichen Häusern - schon auch einmal nach Flecken flehendes Heidelbeer. Serviert wurde von schwarz gekleideten Damen mit weißen Spitzenhäubchen. Wenn man Pech hatte, und das hatte man eigentlich immer, wurde einem von den Servierkörpern vorgeblich zärtlich an den Kopf gefasst, während sie mit den Großmüttern Alter und schulischen Erfolg des doch schon ach so großen "jungen Herrn" beschwatzten. Das Eis kam Äonen später in silbernen Schalen.

Bis eben zum Firmausflug: Nun erwachsen, stiegen die Wahlmöglichkeiten ins Unermessliche. "Die Eiskarte bitte!", hieß es dann in jener Diele die eigentlich Grotte hieß, und das war wie Fernsehen. Das war angewandter Unterricht in Geografie und Völker- und Wirtschafts(wunder)kunde. Und das war eine Vorahnung auf alles, was da später unter Food-Design noch kommen würde: Hier verstand man plötzlich, was die Altvorderen meinten, wenn sie nicht müde wurden zu behaupten: "Das Auge isst mit!"

Sie meinten der Länge nach halbierte Bananen, angerichtet mit Vanilleeiskugeln auf Schokoladesoße in einem königlich-bayerischen Schwan aus vornehm mattiertem Pressglas, wenn sie funkelnden Auges den Banana-Split empfahlen. Sie meinten kindskopfgroße Pokale, in denen allerhand exotische Eissorten in einem weltgewandten Früchtemix aus der Dose zerflossen, wenn sie den Früchtebecher ans staunende Jugendherz legten. Sie meinten unter anderen Zutaten grünes (!) Eis, wenn sie von Dänemark erzählten. Und sie meinten erhitzte Himbeeren, wenn sie kichernd von heißer Liebe sprachen. Was sie noch meinten, waren seltsam lange Löffel, die halfen, auch noch die letzten Reste aus den Kelchen zu kratzen, die nicht an einem vorüberzogen. Und: niedliche Papiersonnenschirmchen aus asiatischer Produktion, lamettabehaftete Stocherstäbchen, bislang sogar Sternspritzer im Hochsommer. Die Welt war in Ordnung.

Dann entartete der Eisbecher. Seine Mitte verloren hat er spätestens seit der Erfindung der Eismarillenknödel. Der Einzug italienischer Sorten war schon toll, aber Marillenknödel aus Eis!? Da muss man doch sofort an die Altstadt von Warschau denken, alles nur Fassade. Dann kamen Spaghetti aus Eis dazu, und heutzutage schleichen sich gar Milky-Way-Becher ein, wird After-Eight-Eis-Light angeboten, oder gar die Strunz-Sorte "Magerjoghurt". Und außerdem gibt es Eis immer und überall. Und ein Rennrad hat auch schon jeder Knirps in der Schultüte. "Begehren" gibt es abgepackt und Cornetto ist zur Volkstüte verkommen. Heute brickerlt überhaupt nichts mehr. Wieso, frage ich, soll der junge Mensch sich noch firmen lassen? Alles geht den Bach runter. (Der Standard/rondo/20/06/2003)

Die abgebildeten Eisbecher stammen von der Eiskarte des "Café de l'Europe" in Wien 1., Graben 31.
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