Selbst ist das Möbel

18. August 2003, 11:42
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Die Gestalter Patrick Frey und Markus Boge halten nicht viel von superfunktionalen Möbelsystemen. Für ihre gelungenen Alternativen wurden sie vor kurzem mit dem "Lucky Strike Junior Design Award" ausgezeichnet

Wann immer Mängel auftreten, werden provisorische Lösungen gefunden: Wackelnde Tische verarztet man im Wirtshaus, indem ein Bierdeckel unters Bein geschoben wird, und hat der Couchtisch nicht die gewünschte Höhe, dienen ein paar untergelegte Bücher der Feinjustierung.

Solche Provisorien inspirieren die Designer Patrick Frey und Markus Boge, deren Möbel konkrete Nutzung nur vage andeuten. Denn die beiden haben erkannt, dass Möbel ohnehin immer anders gebraucht werden, als es sich Designer in ihren Ateliers ausdenken. Dafür erhielten sie vor kurzem den begehrten Nachwuchsdesignpreis der Raymond Loewy Foundation, den Lucky Strike Junior Design Award - gemeinsam mit Franziska Schreiber, einer Modedesignerin.

Allerdings sind die beiden in der Branche keine Unbekannten mehr. Patrick Frey hat bereits den Nachwuchspreis des International Forum Design in Hannover gewonnen. Und gemeinsam hörten sie sich eine "Lobende Erwähnung" des Design Report Award an. Zudem sind die nun ausgezeichneten Möbel schon in Produktion. Vertrieben werden sie von dem größten Querkopf der Möbelbranche: Nils Holger Moormann. Und das, obwohl ein Teil der Fachwelt, die Händler, irritiert abgewunken hat, als Moormann ihnen die Möbel zeigte - noch bevor sie auf der Möbelmesse in Köln zu sehen waren.

Für den dickköpfigen Moormann Grund genug, sie trotzdem zu produzieren. Denn der Möbelverleger aus dem Chiemgau hat die Erfahrung gemacht, dass gerade die fachfremden Mitarbeiter im Unternehmen - Buchhalter, Lagerarbeiter oder Sekretärin - viel besser einschätzen können, welche Produkte die Kunden begeistern. Und gerade diese fachfremden Mitarbeiter waren von den Entwürfen der beiden Hannoveraner sofort begeistert. Moormann auch.

Der betreute die Junioren bei ihrer Diplomarbeit. Eine Arbeit, die sich zunächst gar nicht mit Tischen und Stühlen beschäftigte, sondern ganz generell die Bürowelt in Augenschein nahm. Eine Welt, in der nach Meinung der beiden Designer vorwiegend "kühle, sachliche und technische Alleskönner" existieren. Eben Möbel, bei denen penibel festgelegt ist, wo Stifte abgelegt, Telefone montiert und Unterlagen verstaut werden sollen - immer in der Hoffnung, so Ordnung und Effizienz ins Büro zu tragen. Allerdings mit dem Nachteil, dass dieser Funktionswahn "grundlegenden menschlichen Bedürfnissen" offenbar nicht entspricht. Denn warum sonst fliegen in Büros ständig alle möglichen Dinge umher, obwohl Designer für alles einen Platz erdacht haben? Warum wird etwa der Kabelsalat mit Klebeband in Form gebracht? Vielleicht sollte man dieses muntere Treiben einfach nicht weiter unterbinden, sonder eher fördern, meint der Nachwuchs. Denn die provisorischen Lösungen haben eben jenen "menschlichen" Charme, den man in den angeblich funktionalen Büros vermisst.

Das erklärt auch das Credo der beiden: "Uns interessiert nicht so sehr, wie etwas aussieht, vielmehr wie es von den Menschen benutzt wird, gibt Frey zu Protokoll. An provisorischen Lösungen fasziniert ihn, dass sie eben nicht "designt" sind: Sie scheinen völlig ungestaltet - wurden aber trotzdem von den Benutzern erdacht, die damit irgendwie auch als Designer auftreten. Und genau dieses alltägliche Gestalten wollen sie mit ihren Möbeln ermöglichen. Deswegen hat der Tisch, den sie "Kant" getauft haben, nur eine schlichte Ablage, in die Ordner oder Bücher gestellt werden können - in der aber auch allerlei Kleinkram dezent verschwindet, der sonst für Unordnung auf dem Tisch sorgt: Eine Art Müllkippe direkt am Arbeitsplatz. Man kann aber auch Kleiderbügel dranhängen oder alles Mögliche damit anstellen. "Unsere Tische fordern die Menschen dazu auf, in der Anwendung weitere Möglichkeiten der Nutzung zu entdecken.

Wir wollen keine Funktionsvorschriften machen", erklärt Frey das Konzept. Bei einem zweiten Tisch, der aus der Diplomarbeit hervorgegangen ist und der den besonderen Argwohn der Moormann-Händler auf sich zog, wollten sie sich nicht festlegen, ob das Möbel als Tisch oder Stehpult benutzt werden soll. Deswegen lässt sich die Höhe der Tischplatte verstellen, was allein noch nicht sonderlich originell anmutet. Aber über der Platte ist eine Stange angebracht, an der sich allerlei Dinge aufhängen lassen. Montiert ist der Stab auf den überlangen Tischbeinen, die sich oberhalb der Platte kreuzen. An diesen beiden Kreuzen könnte auch eine Lampe angebracht werden. Was schon einen Designer motiviert hat, speziell für diesen Tisch eine Lampe zu entwickeln.

Und das ist erst der Anfang. Denn: Die beiden stellen sich eine ganze Palette nützlicher Erweiterungen für das Möbel vor, ein komplettes System. Wobei die Freunde der antiautoritären Möbel das Wort "System" nicht sonderlich ausstehen können, und "komplett" auch nicht richtig in ihr Konzept passt. Da schwinge immer die Idee vom Abgeschlossenen, vom bis ins Detail zu Ende Gedachten mit. Eigentlich sollen sich künftige Besitzer selber ausdenken, wie sie das Möbel erweitern. Tun sie das doch ohnehin schon, mit oder ohne Möbeln aus Designerhand.

Dass Moormann von den Tischen, die den Kunden zum Mitmachen und -denken herausfordern, rasch zu begeistern war, ist nur zu verständlich. Sagt er doch, dass er "mündige Konsumenten" sucht. Und das betrifft gewiss nicht nur die Kaufentscheidung. (Knuth Hornbogen, Der Standard/rondo/20/06/2003)

  • Der preisgekrönte Arbeitstisch des Designers Patrick Frey
    www.patrick-frey.de

    Der preisgekrönte Arbeitstisch des Designers Patrick Frey

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