Mythische Gestalten

18. August 2003, 11:44
posten

Der aus Indien stammende Design-Durchstarter Satyendra Pakhalé bedient sich einer Formensprache, die indischen Traditionen ebenso entspringt wie den Lehren des modernen Industriedesigns und des klassischen Handwerks

Brüchige Tonkrüge am Straßenrand, daneben das giftgrüne, betelnussrote, harngelbe Leuchten jener banal gestalteten Plastikeimer, die der traditionellen Gebrauchskeramik seit den 50er-Jahren auch in Indien beinharte Konkurrenz machen. In aberwitzigen Stapeln fliegen sie am Wagenfenster vorüber, und darüber dekorieren Ampellichter einen von leprösen Häuserzeilen gerahmten Himmel. Bar jeder Abstimmung zum Bombayer Verkehrsfluss leuchten die Ampeln: Grün, Rot - oder aber gar nicht. Dafür haben andere Farb-Codierungen des indischen Alltags ihre traditionelle Bedeutung in die Gegenwart hinüber gerettet.

Die am Straßenrand lauernden, haushohen Pappkameraden des Bollywood-Kinos beweisen es mit ruhigem Lächeln, nähren sich erfolgreich am Substrat einer seit Jahrtausenden codierten Ikonographie. Je gelber und grüner der Teint auf den Filmplakaten, je härter der Schlagschatten um Nase und Doppelkinn, desto böser sind die Kerle - so lautet die Uraltregel. Wer den Weg vom Bombayer "Industrial Design Centre" zum alten Colaba-Viertel nimmt, begegnet ähnlich subtilen Transformationen des kulturellen Erbes auf Schritt und Tritt. Manchmal nehmen sie bedrohliche Ausmaße an, so wie beim schräg über dem Hafenwasser platziertem Atomreaktor von Trombay.

Shooting Star der heutigen Design-Szene: Satyendra Pakhalé

Bewusst ließen die Architekten hier die glänzende Kuppel in Form eines riesigen Shiva-Lingams errichten - jenem tief in der indischen Kultur verwurzeltem Phallus-Symbol, das einer breiten Masse von Analphabeten die Gegenwarts-Technologie als Inkarnation der potenten Gottheit Shiva näherbringen soll. Satyendra Pakhalé, der in Amsterdam ansässige Shooting Star der heutigen Design-Szene, absolvierte diese Gratwanderung zwischen Mythos und Moderne einst als täglichen Schulweg - im doppelten Wortsinne. Das war am Beginn seiner Karriere, als er die staubigen Gässchen seines zentralindischen Heimatortes mit dem "Gateway zum Westen", wie Bombay schon immer genannt wurde, vertauscht hatte, um hier Industrie-Design zu studieren.

Die hochwertige technologische Ausstattung dieser indischen Designschmiede, die in den späten 80er-Jahren bereits mit modernsten Grafik-Computern aufwarten konnte, bescherte ihm dabei jenes Rüstzeug, das er später für Entwürfe von ausgerechnet archaischer Qualität einsetzen sollte. Denn nüchternes Industrie-Design oder gar Produkte im coolen Hi-Tech-Stil sucht man bei Pakhalé vergebens. Ebenso wenig übrigens wie Ethno-Stil im gängigen Sinne. Bekannt wurde der Inder vielmehr für Möbel und Accessoires, die trotz progressivster Produktionstechniken tief im Boden der Tradition - ja: des menschlichen Erfahrungsschatzes - wurzeln.

Archetypisches als auch modernes Design

Dinge wie die zugleich archetypische als auch modern wirkende Kalpa-Vase zählen etwa dazu. Oder ein Pferde-Hocker aus Naturmaterial, den man vom Gilgamesch-Epos her zu kennen vermeint. "Ich war auf der Suche nach einer Form, die Fleisch und (Sitz-)Objekt symbolisiert und dabei fest in der Volkskunst verankert ist" sagt Pakhalé über das vom Reiter seit jeher "besessene" Pferde-Sujet. Fleisch und Form - auf wundersame Weise verschmelzen sie auch bei anderen Entwürfen, verweisen auf ein sorgfältig verborgenes Konzept. Der legendäre Bird Chair und die animalische Kraft des Modells Pan ließen sich nachreichen. Oder aber der Fisch für Giulio Cappellini. Manche Kritiker bezeichnen den bereits 1998 fürs italienische Kult-Label entworfenen Fish Chair als bislang stärkstes Stück des Inders. Unübersehbar ist der symbolische Gehalt auch hier. Um rein formale Spielereien handelt es sich dabei freilich nicht. Eher schon um das Anzapfen jener mythischen Reservoirs, die sich seit grauer Urzeit in Symbolen und Totems sammeln.

Das Figurative wird dabei zur Hülle und zugleich zum Träger einer poetischen Metamorphose, die sich rein rationalen Design-Kriterien entzieht, ohne dabei ihre Wirksamkeit einzubüßen. Doch auch augenzwinkernd kommen manche Stücke daher: etwa da, wo Pakhalé auf einer scheinbar schwebenden Chaiselongue den indischen Seiltrick als gelungene Mailänder Salon-Nummer einführt. Als indischer Designer versteht sich Satyendra Pakhalé ungeachtet der Sinnlichkeit, die sowohl seiner Heimat als auch seinem Werk gemeinsam sind, aber nicht. Eher als Wanderer zwischen den Welten. Als "cultural nomad", wie er es selbst formuliert, er, dessen traversale Existenz nationalen Einengungen noch nie gerecht werden konnte. Das zwischen moderner Urbanität und quasi-biblischer Anmutung, zwischen künstlerisch-skulpturalem Ansatz und industrieller Logik changierende Oeuvre widerspricht dem nicht. Auch Pakhalés Biografie widerspricht nicht.

Design: dichtes Beziehungsraster zwischen Leben und Kunst

Nach Bombay folgte ab 1992 die Ausbildung für Advanced Product Design in der Schweiz und in Paris, ab Mitte der 90er-Jahre entwickelte er für Philips in Holland neue Designkonzepte und feilte für Renault am Innenraum-Design des Automodells Pangéa. Zu viel Technik, zu wenig Raum für menschliches, warmes Design, wie er im Laufe seiner Karriere befand - und sich auf die Formgebung nicht-westlicher Staaten besann, auf Produkte des Alltags, die ihn während seiner Kindheit umgaben, dabei seit Jahrhunderten erprobt und oft mit einem dichten Beziehungsraster überlagert. Objekte, in denen Leben und Kunst zu einer Art beseelter Form gerinnen.

Missverständnisse gibt es dabei allemal aufzuklären: über Indiens Kunsthandwerk, das sich auf genaueren Blick als eine Art "industrielle Produktion", aber gefertigt in Handarbeit, ausweist. Und auf der anderen Seite hinsichtlich der Tatsache, dass auch vielen westlichen Industrieprodukten ein händisch realisierter Prototyp zugrunde liegt. An exakt diesen Verwerfungslinien zwischen Industrie und Handwerk setzt Pakhalé an, verwendet als konzeptuellen Trick ungewohnte Materialen für bekannte Produkt-Genres: Keramik für Stühle etwa. Oder gegossenes Eisen, eine als "cire perdue" bekannte Technik seiner zentralindischen Heimat, die er zuletzt in moderne Produktionsabläufe einführte.

"Human Touch Design" - oder: Vorwärts Richtung Lehmgrube.

Beim Zitat oder der Andeutung auf die eigene Herkunft verharrt der heute 35-Jährige, dem das niederländische Stedelijk-Museum im vergangenen Jahr eine Einzelausstellung widmete, trotz solcher Zugänge nie. Stets geht seine Arbeit über den Intellektuellen-Sport der reinen Abstraktion, über das bloße Jonglieren mit Begriffen hinaus. Etwas umso Griffigeres zeichnet stattdessen den anwachsenden Kosmos von Pakhalés Dingwelt aus - aber auf eine dünnhäutige, fast möchte man sagen: subkutan wirkende Art und Weise. Raue Flächen; Kurven, die von Töpfer-Hand modelliert scheinen und doch Geschöpfe des Computers sind; der virtuose Umgang mit natürlichen Materialien; eine wohltuend defensive Farbpalette - so lauten die wesentlichen Kriterien. "Human Touch Design" möchte man in Summe sagen. Oder: Vorwärts Richtung Lehmgrube. Notfalls auch mit Fiberglas im Gepäck. "Vielen, die heutzutage mit Design befasst sind, fehlt jede Spiritualität; sie haben keinen Sinn für leise Töne. Ihnen fehlt die philosophische Sicht der Dinge, sie wissen nicht genug über die Welt, um für Menschen zu entwerfen". Was der renommierte walisische Design-Guru Ross Lovegrove über manche seiner Kollegen sagt, trifft auf Satyendra Pakhalé jedenfalls nicht zu - betrachtet dieser den Entwurf doch weniger als formale Fingerübung, sondern vielmehr als einen Akt der Wahrheitsfindung, ganz im Sinne der spirituellen indischen Tradition von Satya.

Als kultureller Außenseiter im Westen, schulte er den Blick - auch auf inhumane, unterkühlte Elemente des zeitgenössischen Designs. Die Haltung des Kosmopoliten, der traditionelles Know-how im Rahmen seiner Neuinterpretationen zugleich auch von den Herkunftsregionen entkoppelt, und funktionierendes Vokabular so in eine Art supranationalen Design-Pool einspeist, in eine Art Samenbank des Handcrafts 2003, war eine logische Reaktion. Mit aktuellen Projekten wie "Me too", das er zuletzt für den italienischen Produzenten Magis in Angriff nahm, führt der "cultural nomad" diesen Ansatz auf anderer Ebene weiter: Gesucht wird dabei nach "Post-Computer-Games"-Objekten und -Möbeln für Kinder, deren spielerische Qualität sogar dem Bildschirm Konkurrenz machen sollen - ein maßgeschneiderter Job für Satyendra Pakhalé. (Robert Haidinger, DER STANDARD, Printausgabe, rondo/20/6/2003)

Ansichtssache

Mythische Gestalten

Link

Atelier Satyendra Pakhalé
R.J.H Fortuynplein 70
1019 WL Amseterdam
The Netherlands
Tel:+31.20.419 72 30
Fax: +31.20.419 72 31

  • Artikelbild
    foto: atelier satyendra pakhalé
Share if you care.